Die Grönländer scheinen indessen nicht von Natur allen Sittlichkeitsgefühls bar zu sein. Sie führen sich im täglichen Leben sehr anständig auf, darüber sind alle Reisenden sich einig, und selbst die Heiden geben im täglichen Leben keine Veranlassung zu irgend welchem Aergerniß.

Wenn ein Heide (und wohl auch mancher christliche Grönländer) die Frau eines anderen Mannes nicht anrührt, obwohl er Lust dazu hat, so scheint in der Regel der Grund hierzu mehr die Furcht zu sein, daß er sich deswegen mit dem anderen Manne entzweien könnte, als der Gedanke ein Unrecht zu begehen. Daß die Grönländer aber nur einen sehr schwachen Begriff in dieser Beziehung haben, davon zeugt unter anderem folgende Redensart, die bei Angmagsalik gebräuchlich ist: „Die Walfische, Moschusochsen und Rennthiere haben sich verlaufen, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute gepflegt haben.“ Viele Männer behaupten freilich, der Grund hierzu sei der Umstand, „daß die Frauen eifersüchtig waren, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute pflegten“.

Dies letztere soll auch bewirkt haben, daß der Sund, der das Land früher vom Sermilikfjord bis zur Westküste durchschnitt, sich mit Eis gefüllt hat.[86] Egede erzählt, daß das Gebot von der Monogamie besonders den Frauen sehr zugesagt habe und daß sie ihn häufig aufforderten, es den Männern beim Religionsunterricht recht nachdrücklich vorzuhalten.

In anderer Beziehung scheint dagegen das moralische Bewußtsein der Grönländer weit mehr entwickelt zu sein als dies bei uns der Fall ist. So wird es z. B. als unstatthaft betrachtet, sich mit einem Geschwisterkind oder mit irgend einem nahen Verwandten zu verheirathen, am liebsten soll man eine Ehe mit Jemand schließen, der auswärts ansässig ist. Dies ist eine Regel, die eine kräftige Nachkommenschaft sichert.

Die ungemischten Grönländer sind in der Regel sehr wenig fruchtbar. Zwei bis vier Kinder sind das Gewöhnliche in einer Ehe, doch giebt es auch Ehen mit sechs bis acht, ja mit noch mehr Kindern. Die Grönländerinnen gebären ungeheuer leicht. Graah erzählt ein Beispiel davon, wie wenig Umstände sie sich damit machen. Als er auf seiner Reise an der Ostküste entlang den Bernstorff-Fjord passirte, sollte eine der Frauen gebären. Sie ruderten schleunigst ans Ufer und landeten an einem kahlen Berg auf der Nordseite des Fjords. Während die Entbindung vor sich ging, streckte sich der Ehemann der Länge nach auf dem Berge aus und schlief, bald aber weckte man ihn mit der erfreulichen Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren sei. Dies wird, wie bereits erwähnt, als ein Glück angesehen, während die Töchter etwas Unbedeutendes sind. „Auch gab Emenek, so hieß der Mann, seiner Gattin seine Zufriedenheit zu erkennen, indem er ihr ein „Ajungilatit“ (Du bist nicht übel) zulächelte. Mit unserm neuen Passagier setzten wir dann unsere Reise fort.[87]

Die heidnischen Grönländer tödten verwachsene wie kränkliche Kinder, von denen man annimmt, daß sie nicht leben können, auch solche Kinder, deren Mutter bei der Geburt stirbt und die Niemand säugen kann, werden umgebracht. Dies pflegt zu geschehen, indem man sie im Freien an die Erde oder auch ins Meer wirft.[88]

So grausam dies auch manchen europäischen Müttern vorkommen mag, so kann man doch im Grunde nicht leugnen, daß es eine vernünftige Einrichtung ist, denn bei den harten Lebensbedingungen, unter welchen der Grönländer sein Dasein fristet, wird es begreiflich erscheinen, daß man ungern eine schwächliche Nachkommenschaft aufzieht, die niemals im stande sein wird, Nutzen zu schaffen, sondern darauf angewiesen ist, sich von der Gemeinde ernähren zu lassen. Aus demselben Grunde stehen auch Leute, welche so alt geworden sind, daß sie keinen Nutzen mehr schaffen können, nur in geringem Ansehen, weshalb sie sich oft sehnen, aus der Welt zu kommen.

An der Ostküste soll es vorkommen, daß man alte Leute, von denen man glaubt, daß sie sterben werden, ertränkt oder daß sie sich selber ertränken.

Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier Jahre ist nichts Ungewöhnliches, und ich habe sogar erzählen hören, daß Knaben von zehn bis zwölf Jahren noch die Brust erhielten.

So theilte mir ein Europäer in Godthaab mit, daß er gesehen habe, wie ein junger 12jähriger Held mit einem eben gefangenen Seehund in seinem Kajak heimgekehrt und sofort zu der Mutter ins Haus gestürzt sei, wo er zwischen ihren Knien stehend, einen Skondrok verzehrte und sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.