Das Verhältniß zwischen den Ehegatten scheint in der Regel ein sehr gutes zu sein. Ich habe es niemals gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein unfreundliches Wort gewechselt wurde. Dies ist auch die allgemeine Erfahrung. Die grönländischen Gatten sind überhaupt äußerst rücksichtsvoll gegeneinander, ja man kann häufig sehen, daß sie sich liebkosen. Sie küssen sich, indem sie die Nasen gegeneinander drücken oder sich anschnupfen.
Auch an der Ostküste scheint das Verhältniß zwischen Mann und Frau in der Regel sehr gut zu sein, doch kommen dort nach Kapitän Holms Angaben oft blutige Auftritte vor.
Als Sanimuinak eines Tages mit einer neuen Frau (der vorhin erwähnten Utukuluk mit den 9 Männern) zu seiner Gattin Puitek nach Hause kam, ward diese böse und schalt ihren Mann. Er wurde wüthend, ergriff sie beim Schopf und schlug sie mit der Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich ergriff er ein Messer und stach sie in das Knie, so daß das Blut herausspritzte.[83] Dergleichen Fälle scheinen jedoch bei diesem friedliebenden Volk zu den Ausnahmen zu gehören.
Eine tiefere Liebe zu einander scheinen die Ehegatten nur ausnahmsweise zu haben, und stirbt der eine Theil, so tröstet der Hinterbliebene sich in der Regel sehr schnell. „Verliert ein Mann seine Frau,“ sagt Dalager, „so kondoliren ihm in der Regel nicht sehr Viele seines eigenen Geschlechts. Die Frauen dagegen postiren sich bei ihm hinter der Pritsche und beweinen die Verstorbene, wozu er schluchzt und sich die Nase trocknet.“ Nur wenige Tage später fängt er jedoch bereits wieder an, sich zu schmücken, und gleich wie in den Tagen seiner Junggesellenzeit werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, denn hiermit macht der Grönländer am meisten Staat. Wenn er dann in so glänzender Ausrüstung zu den andern Eskimos auf die See kommt, so sagen sie: „Gebt acht, da kommt ein neuer Schwager.“ Hört er das, so schweigt er und lächelt still vor sich hin. Nimmt der Mann eine neue Frau, so läßt sie es sich angelegen sein, über ihre eigenen Unvollkommenheiten zu klagen und die Tugenden der früheren Frau zu loben, „woraus man ersieht, daß die Grönländerinnen ebensosehr danach angethan sind, interessirte Rollen zu spielen wie die Evastöchter anderer Länder und Zonen.“
Aus dem Obenangeführten wird man ersehen können, daß die Tugend in keinem besonders hohen Ansehen in Grönland steht. Die ursprünglichen Grönländer scheinen in der Beziehung sehr vage Begriffe zu haben, und ein Vergehen gegen das sechste Gebot wird kaum als ein Unrecht betrachtet.
Dies geht ganz deutlich aus alledem hervor, was wir jetzt von den Ostgrönländern kennen, ebenso wie aus den Berichten Egedes und der ersten Missionare über die Heiden an der Westküste. Es gilt weder bei den Heiden an der Ostküste noch bei den Christen an der Westküste als Schande für ein unverheirathetes Frauenzimmer, Kinder zu bekommen. Hiervon habe ich sehr häufig Beispiele erlebt. Zwei Mädchen in der Nähe von Godthaab, die guter Hoffnung waren, bemühten sich keineswegs, dies zu verbergen, ja sie legten schon lange, ehe es nöthig war, ein grünes Haarband[84] an, sie schienen beinahe auf ihre grüne Farbe stolz zu sein. Ich habe Grönländerinnen gesehen, welche die grüne Farbe nicht nur zum Haarband benutzten, sondern die auch ihren Anorak damit verzierten, was weder vorgeschrieben noch gebräuchlich ist.
Obwohl die Pfarrer gegen diese schlaffe Moral geeifert haben und bemüht gewesen sind, von der Schulbank aus eine strengere Zucht einzuführen, so ist dadurch ihre Auffassung nur wenig verändert worden, und die jungen Grönländerinnen versuchen es gar nicht, ein Hehl daraus zu machen, wenn sie in einem Verhältniß zu einem Manne stehen; ist dies ein Europäer, so prahlen sie geradezu damit. Hieran sind freilich die Europäer zum großen Theil Schuld, denn die jungen unverheiratheten Männer, die nach Grönland gekommen sind, haben sich in der Beziehung den Grönländerinnen gegenüber schlecht benommen, und infolge des Respekts, in den man sich zu setzen gewußt hat, ist es so weit gekommen, daß der gewöhnlichste europäische Matrose dem besten grönländischen Fänger vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare Folgen getragen, indem die Rasse in den 150 Jahren, seit die Europäer sich im Lande niedergelassen haben, derartig mit europäischem Blut vermischt ist, daß es jetzt an der ganzen Westküste äußerst schwer ist, einen unvermischten Eskimo zu finden, wenn es deren überhaupt noch giebt.[85] Und dies ist der Fall, obwohl die Zahl der Europäer im Lande nur einen geringen Bruchtheil der Eingeborenen beträgt, es kommen etwa einige wenige hundert Europäer auf 10000 Eskimos.
Es ist ganz selbstverständlich, daß die Vergehen der Europäer gegen das sechste Gebot nicht dazu beigetragen haben, den Pfarrern die Arbeit mit der Einführung der neuen Moral zu erleichtern. Meine eigene, wie wohl auch die allgemeine Erfahrung geht darauf hinaus, daß die Grönländerinnen in der Nähe der Kolonien, wo sich viele Europäer befinden, leichtfertiger sind als bei den ausschließlich eskimoischen Wohnplätzen. Als Beispiel will ich anführen, daß die Frauen bei Sardlok und theils auch bei Kornok einen weit besseren und tugendhafteren Eindruck machten als die Frauen bei Godthaab, Neu-Herrnhut und Sukkertoppen.
Uebrigens nehmen es nicht allein die unverheiratheten Grönländerinnen in dieser Beziehung so leicht. Die Verheiratheten sind, besonders bei den Heiden, wenn möglich noch weniger eigen damit. Es ist bereits erwähnt worden, daß man an der Ostküste häufig die Frauen austauscht, dies geschieht jedoch stets zwischen bestimmten Männern, und ein Gatte sieht es in der Regel nicht gern, daß Andere als Derjenige, dem er seine Frau überlassen hat, in einem Verhältniß zu ihr stehen, er selber behält sich volle Freiheit vor. Im Winter, während sie in ihren Hütten wohnen, spielen sie jedoch häufig das sogenannte „Lampenauslösch- oder Frauenaustauschspiel“, bei dem die Lampen gelöscht werden und allen Anwesenden völlige Freiheit gestattet ist.
Ein ganz ähnliches Spiel gab es auch bei den Westgrönländern, ehe sie getauft wurden, ob es nicht noch jetzt im Geheimen an den Orten gespielt wird, wo der Pfarrer und die Autoritätspersonen es schwerlich entdecken können, dafür will ich nicht einstehen.