Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich diese ursprüngliche bequeme Art und Weise der Eheschließung an der Westküste Grönlands abgeschafft, und dort wird man jetzt unter ähnlichen religiösen Ceremonien verehelicht wie in Europa. Auch braucht die Braut sich jetzt nicht mehr so sehr zu widersetzen wie früher.
Wenn es aber früher leicht war, eine Frau zu bekommen, so ist das jetzt um so mehr erschwert worden. Die Trauung muß nämlich von einem Pfarrer vollzogen werden, die eingeborenen Katecheten, welche die Stellvertreter der Pfarrer an den verschiedenen Wohnorten sind, dürfen es nämlich nicht thun. Wenn man nun an einem Ort wohnt, wohin der Pfarrer nur vielleicht einmal im Jahre kommt, muß man sich also danach einrichten, gerade um die Zeit einig mit seiner Braut zu sein. Hat aber ein junger, kräftiger Bursche Lust sich kurz nach der Abreise des Pfarrers zu verheirathen, so muß er also ein ganzes Jahr warten, bis der Pfarrer wiederkommt und seiner Ehe den obligaten Segen verleiht.
Daß eine solche Ordnung dazu führt, daß man losere Verbindungen eingeht oder als Ehepaar ohne kirchlichen Segen miteinander lebt, scheint unvermeidlich zu sein, selbst wenn die Grönländer nicht schon von Natur dazu neigten. Diese Ordnung kann daher nur schädlich und herabwürdigend für die Handlung wirken, der man wohl im Grunde dadurch mehr Ansehen hat verleihen wollen, daß nur der Pfarrer sie vollziehen kann.
Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich auch die Vielweiberei abgeschafft. Im Jahre 1745 hatte ein Heide bei Frederikshaab Lust, Christ zu werden, als er aber dazu kam, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen sollte, wurde er schwankend, weil er zwei Söhne von ihr hatte, von denen er sich bei der Gelegenheit also ebenfalls trennen mußte, deswegen sattelte er um und ging seiner Wege![79] Verdenken kann man dem Mann das eigentlich nicht.
Aehnliche Fälle, wo verlangt wird, daß ein Mann sich von der einen seiner Frauen trennen soll, mit der er möglicherweise lange Jahre glücklich gelebt hat, kommen noch heute vor, wenn sich die Grönländer von der Ostküste an der Westküste (in der Nähe von Kap Farvel) niederlassen und getauft werden. Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, zu welchem Unrecht der Mann hier gegen seine einmal angenommene Frau gezwungen wird. Schon Dalager hält dies für eine Ungerechtigkeit und „es scheint ihm ein Problema zu sein,“ inwiefern es gegen Gottes Ordnung streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau hat.
Vielweiberei kommt noch zuweilen an der Westküste vor, und eine Nebenfrau scheint das Erste zu sein, was ein tüchtiger Grönländer sich anschafft, wenn er sich überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. In Godthaab wurde mir ein Beispiel hiervon erzählt.
Renatus, der tüchtigste Fänger am Grädefjord, hatte sich in ein junges Weib verliebt und nahm sie zur Nebenfrau. Das Verhältniß zwischen ihm und seiner ersten Frau schien indessen ein gutes zu sein, und alles verlief ruhig, bis der Missionar[80] davon Kunde erhielt. Dieser hielt dem Manne die große Sünde vor, die er beging, und versuchte es, ihn zu bewegen, daß er seine Nebenfrau aufgeben sollte, was ihm jedoch nicht gelang. Inzwischen wurde von dem Vorstand[81] in Godthaab eine Klage eingereicht. Renatus erschien und allmählich brachte man ihn dahin, sich gutwillig zu fügen. Er sandte seine Frau nach Kangek (außerhalb Godthaab), wo sie im Hause des Katecheten Simons aufgenommen wurde. Gleichzeitig zog er jedoch weiter nördlich in die Nähe von Narsak, und da er dadurch einen gemeinsamen Fangplatz mit den Kangekern erhielt, geschah es häufiger, daß er mit ihnen zusammentraf und sie nach Hause begleitete, wodurch er Gelegenheit hatte, mit seiner zweiten Frau zusammen zu sein. Da indessen später von seinem früheren Wohnplatz aus große Klage geführt wurde, weil man dort Noth litt, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen war, so kehrte er wieder dorthin zurück und hat seither ein sittsames Leben geführt. Dies geschah vor einigen Jahren, die Nebenfrau lebt noch immer in Kangek, wo ich sie gesehen habe. Sie trägt ein grünes Haarband zum Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder als unehelich betrachtet werden.
Ein anderer tüchtiger Fänger in der Nähe von Lichtenfels hatte ebenfalls eine Nebenfrau genommen. Als der Missionar dies hörte, ließ er ihn zu sich kommen und versuchte auf ihn einzuwirken, was ihm aber nichts half, denn es trat keine Veränderung ein. Da schrieb der Missionar, erhielt aber keine Antwort, er schrieb strenger und strenger und ließ schließlich ernsthafte Drohungen einfließen; hierauf erhält er eine Antwort, die nur das eine Wort „Susa“ enthielt, was ungefähr so viel bedeutet als: „Ich scher mich den Teufel darum!“ Später scheint der Mann jedoch seiner Nebenfrau überdrüssig geworden zu sein, denn er ließ sich von ihr scheiden.
Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland wie in anderen Ländern der Welt sehr verschieden und hängt im wesentlichen von den Individuen ab. In der Regel führt der Mann das Regiment, aber ich habe auch Beispiele gesehen, daß er unter dem Pantoffel der Frau war; im ganzen gehört dies jedoch zu den Ausnahmen. Bei den ursprünglichen Eskimos scheint die Frau im Grunde als Eigenthum des Mannes betrachtet zu werden.
An der Ostküste geschieht es nicht selten, daß bei der Verehelichung ein förmlicher Handel geschlossen wird, indem „ein Jüngling dem Vater eine Harpune oder dergl. bezahlen muß, um seine schöne Tochter zur Ehe zu erhalten“, wie umgekehrt gute Fänger von den Eltern bezahlt werden, wenn sie die Töchter nehmen, und die Letzteren sind gezwungen, sich zu verheirathen, wenn die Väter es wünschen.[82] An der Ostküste geschieht es auch nicht selten, daß zwei Fänger sich darüber einigen, auf kürzere oder längere Zeit mit den Frauen zu tauschen, zuweilen behalten sie die eingetauschte Frau auch ganz. Das Austauschen der Frauen findet auch noch jetzt an der Westküste statt, besonders wenn man im Sommer in Zelten landeinwärts wohnt und sich auf der Rennthierjagd befindet, zu welcher Zeit man sich allerlei Freiheiten erlaubt.