Holm erzählte, daß noch zwei andere Mädchen am selben Ort zu Fängern ausgebildet werden sollen, daß sie damals aber noch zu jung gewesen seien.
Die Ehen wurden in früheren Zeiten in Grönland ohne viele Umstände geschlossen. Hatte man Neigung zu einem Mädchen, so begab man sich nach ihrem Hause oder ihrem Zelte, zog sie an den Haaren, oder wo man sie sonst zu fassen bekam, ohne weitere Umstände mit sich in sein Haus,[73] wo ihr ein Platz auf der Pritsche angewiesen wurde; wenn es hoch kam, schenkte ihr der angehende Gatte einen neuen Wassereimer oder dergleichen, und damit war die Geschichte fertig. Jetzt dagegen gehört es in Grönland ebenso wie an anderen Orten zum guten Ton, daß die betreffende Dame es sich unter keiner Bedingung anmerken lassen darf, daß sie ihren Freier haben will, selbst wenn sie ihn noch so sehr liebt; sie muß sich deswegen widersetzen, muß jammern und klagen, so daß es weithin schallt; wenn sie recht wohlerzogen ist, so jammert und weint sie wohl gar mehrere Tage, ja entflieht ein oder mehrere Male aus dem Hause ihres Gatten. Wenn die Wohlerzogenheit zu weit geht, kann es wohl vorkommen, daß der Mann, falls er ihrer nicht bereits überdrüssig geworden ist, sie ein klein wenig unter die Fußsohlen ritzt, so daß sie nicht gehen kann, und bis die Wunden geheilt sind, pflegt sie dann eine glückliche Hausfrau geworden zu sein.
Diese Art und Weise, sich zu verheirathen, ist noch heute die einzige Art der Eheschließung in Grönland, und bei einer solchen Entführung kann es oft sehr gewaltsam zugehen, aber die Angehörigen der betreffenden Dame sehen doch mit der größten Gemüthsruhe zu, — die ganze Sache ist eben völlig privater Natur. Die Vorliebe der Grönländer, in gutem Einverständniß mit ihren Landsleuten zu leben, bewirkt, daß sie sich nur ungern in die Angelegenheiten Anderer mischen.
Es kommt natürlich auch vor, daß das junge Fräulein seinen Freier wirklich nicht haben will; in dem Falle setzt es seinen Widerstand so lange fort, bis es sich endlich in sein Schicksal gefunden hat, oder bis sein Freier es aufgiebt. Wie schwierig es für einen Zuschauer ist, zu entscheiden, was ihre wirklichen Wünsche sind, davon theilt uns Graah ein schlagendes Beispiel mit.[74]
Kellitiuk, eine tüchtige Ruderin seines Bootes, wurde eines Tages von einem Ostgrönländer namens Siorakitsok geraubt und in die Berge geschleppt, obwohl sie den heftigsten Widerstand leistete. Da Graah der Ansicht war, daß sie ihn durchaus nicht haben wollte, was auch von ihren nächsten Angehörigen bestätigt wurde, ging er ihr nach und befreite sie. Einige Tage später, als sie im Begriff waren, sich reisefertig zu machen, und das Boot grade flott gemacht war, sprang Kellitiuk in dasselbe, kroch unter eine Ruderbank und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es verlautete bald, daß sie dies gethan, weil Siorakitsok im nämlichen Augenblick auf der Insel gelandet war, seinen Vater als Sekundanten mitbringend. Graah wurde hiervon benachrichtigt, und überzeugt, daß sie wirklich Widerwillen gegen ihren brutalen Freier nähre, hielt er es für seine Pflicht, sie zu befreien. Als er herzukam, hatte der Freier sie schon halb aus dem Boot herausgezogen, und der Vater stand am Ufer, bereit, bei der Entführung behülflich zu sein. Als Graah sie ihm entriß und ihm eine Anweisung auf die „schwarze Dorthe“, eine andere Ruderin gab, die er gern los sein wollte, hörte ihm der Enttäuschte ruhig zu, murmelte einige unverständliche Worte in den Bart und entfernte sich mit böser Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich das Schicksal des Sohnes nicht weiter zu Herzen, „er half uns, das Fahrzeug zu beladen,“ berichtet Graah, „und sagte uns dann sein sicher aufrichtig gemeintes Lebewohl.“ Als sie abfahren wollten, war indessen Kellitiuk nirgends zu finden, obwohl man überall auf der kleinen Insel nach ihr suchte und sie rief; sie mußte sich irgendwo versteckt haben, und man fuhr schließlich ohne sie von dannen. Sie hatte doch eine Neigung zu Siorakitsok genährt.
Die ursprünglichen Grönländer trennen ihre Ehen ebenso schnell wie sie sie eingehen. Wird der Mann seiner Frau überdrüssig oder umgekehrt (was jedoch seltener der Fall ist), so sammelt sie ihr Pelzwerk zusammen und kehrt in das Haus ihrer Eltern zurück, als ginge sie die Sache nicht weiter an.
Hat ein Mann eine Neigung zu der Frau eines Anderen, so nimmt er sie ohne weiteres, falls er der Stärkere ist. Als Papik, ein angesehener Fänger an der Ostküste bei Angmagsalik, ein Auge auf Patuaks junge Frau geworfen hatte, begab er sich nach Patuaks Zelt und nahm einen leeren Kajak mit. Er ging hinauf, führte die Frau an den Strand hinab, wo er sie den leeren Kajak besteigen hieß und ruderte mit ihr fort. Patuak, der jünger ist als Papik und sich in Tüchtigkeit und in Kräften nicht mit diesem messen kann, mußte sich ruhig in den Verlust seiner Frau finden.[75]
Es giebt an der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit einem Dutzend Männer verheirathet gewesen sind. Utukuluk aus Angmagsalik hatte 8 verschiedene Männer ausprobirt, zum 9. Mal verheirathete sie sich wieder mit ihrem 6. Mann.[76]
Die Scheidung läßt sich, so lange keine Kinder da sind, sehr leicht ausführen; hat die Frau ein Kind bekommen und besonders wenn dies ein Knabe ist, so tritt gewöhnlich ein festeres Verhältniß ein. Der ursprüngliche Grönländer pflegt sich zu verheirathen, sobald er eine Frau versorgen kann. Der Grund hierzu ist häufig der Umstand, daß er einer Frau bedarf, die ihm bei Zubereitung seiner Felle und dergl. mehr behülflich ist. Er verheirathet sich oft, ehe er im stande ist, Kinder zu zeugen, ja an der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er vor der Zeit bereits 3 bis 4 mal verheirathet war. Ist jedoch erst ein Kind geboren, so wird, wie gesagt, die Scheidung seltener.[77]
Kann ein Fänger an der Ostküste mehr als eine Frau unterhalten, so nimmt er gern noch eine dazu, die meisten guten Fänger haben deshalb zwei Frauen, aber niemals mehr.[78] In der Regel scheint die erste Frau es nicht gern zu sehen, wenn sie eine Rivalin bekommt; zuweilen geschieht dies jedoch auf ihren ausdrücklichen Wunsch, wenn sie der Hülfe bei ihren häuslichen Arbeiten bedarf. Der Grund hierzu kann auch ein anderer sein. „Einmal fragte ich eine Frau,“ erzählt Dalager, „weshalb ihr Mann eine Nebenfrau genommen habe. Ich bat ihn selber darum, antwortete sie, da ich des Kindergebärens überdrüssig bin.“ (Grönländische Relationen Seite 8.)