E. Die Stellung der Frauen. Die Ehe. Die Tugend. Die Geburt. Die Kinder.
Die Stellung der Frau in Grönland muß im allgemeinen eine gute genannt werden, jedenfalls ist sie nicht unterdrückt, obwohl sie als weit unter dem Manne stehend angesehen wird. So will ein Grönländer sehr gern Söhne, dagegen aber sehr ungern Töchter haben, und sowohl Vater als Mutter sind in der Regel unzufrieden oder doch betrübt, wenn eine Tochter geboren wird.
Es herrscht eine bestimmte Arbeitseintheilung. Der Mann hat sein schweres Leben als Fänger und Familienversorger, wenn er aber ans Land oder in sein Haus kommt, so ist seine Arbeit beendet, und der Fang wird den Frauen überlassen. Sie empfangen den Fänger am Strande, wenn er, seine Beute bugsirend, naht, helfen ihn ans Land ziehen, und während er seinen Kajak und seine Waffen in Sicherheit bringt und sie an ihren bestimmten Platz trägt, liegt es den Frauen allein ob, die Beute ins Haus zu bringen. In früheren Zeiten war es unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu helfen, und so ist das Verhältniß auch noch heute im großen und ganzen geblieben. Die Frauen ziehen den Seehunden die Haut ab und zerschneiden den Fang nach bestimmten Regeln, während die Hausfrau der Vertheilung vorsteht. Außerdem ist es die Aufgabe der Frau, Essen zu kochen, die Häute zuzubereiten, die Kajaks und Frauenböte mit Fell zu beziehen, die Kleider der Männer zu nähen und alle häuslichen Arbeiten zu verrichten. Sie müssen auch die Häuser bauen, Zelte aufschlagen und die Frauenböte rudern (daher der Name), wenn sich die Familie auf der Reise befindet. Früher wenigstens war es unter der Würde eines Fängers, ein Frauenboot zu rudern, dagegen war es das Amt des Hausvaters, es zu steuern. Jetzt kommt es allerdings häufig vor, daß ein Eskimo im Boote sitzt und rudert, besonders, wenn dieses von Europäern zu ihren Reisen gemiethet ist. Es macht keinen guten Eindruck, sie so zu sehen, statt in ihren stolzen Kajaks, welche ihre eigentliche Lebensbedingung sind und bleiben, weshalb sie keine Gelegenheit unbenutzt lassen sollten, sich in ihrer Handhabung zu üben. Ein Großfänger hält sich auch noch heute für zu gut, um in einem Frauenboot zu sitzen, es sei denn als Steuermann.
Daheim in den Häusern wird man die Frauen in der Regel fleißig mit irgend einer Arbeit beschäftigt sehen, während die Männer nichts thun als essen, faulenzen, einander Geschichten erzählen und schlafen. Nehmen sie etwas anderes vor, so beschäftigen sie sich höchstens mit ihren Waffen, verzieren sie mit Knochenschnitzereien oder bessern sie aus, wenn es nöthig ist.
Wenn die Familien auf die Rennthierjagd ziehen, so schießen natürlich die Männer die Rennthiere, während es den Frauen obliegt, das erlegte Thier bis an das Zelt zu schleppen, was oft eine anstrengende Arbeit ist, bei der sie eine große Ausdauer nöthig haben.
Die Frauen bedienen sich nur sehr selten der Kajaks, der einzige Fang, den sie betreiben, ist der Angmasaetfang (Mallobus villosus). Dieser findet im Frühsommer statt, wenn der Angmasaet in so dichten Schwärmen an die Küste kommt, daß man ihn förmlich in das Frauenboot hineinschöpfen kann. Man fährt dann so lange mit dem Fang fort, bis man genug für den Wintervorrath zu haben meint, und wenn auch noch Unmengen von Fischen da sind, hält man es nur selten der Mühe werth, mehr zu fangen. Die gefangenen Fische werden von den Frauen zum Trocknen über den Steinen und Felsen ausgebreitet und dann zusammengestaut.
Mit dem Ueberziehen von Kajaks beschäftigte Frauen. Diese Arbeit wird stets mit Kaffee bezahlt.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)
Kapitän Holm erzählt, daß in Imarsivik an der Ostküste zwei Frauen in Kajaks fuhren. Es herrschte ein ungleiches Verhältniß zwischen Männern und Frauen, indem von 21 Bewohnern nur 5 dem männlichen Geschlecht angehörten. Ob diese Frauen eine ebensolche Fertigkeit im Fangen erreicht hatten, erwähnt er leider nicht.
Diese beiden Frauen waren gänzlich zu der Lebensweise der Männer übergegangen; sie kleideten sich wie Männer, trugen ihr Haar wie diese und traten überhaupt ganz auf, als gehörten sie dem männlichen Geschlecht an. Als sie die Erlaubniß erhielten, zwischen Holms Tauschgegenständen zu wählen, fiel ihre Wahl nicht auf Nähnadeln und ähnliche weibliche Geräthschaften, sondern auf Pfeilspitzen und dergleichen zu ihren Waffen. Es muß sehr schwer gewesen sein, sie von Männern zu unterscheiden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir sie am 5. August bei Singiartuarfik gesehen haben, ohne zu wissen, welchem Geschlechte sie angehörten.[72]