Mahlzeit in einer Eskimo-Hütte.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)
Die Speisen werden gewöhnlich in einer Schüssel mitten auf den Fußboden gesetzt, dann nehmen Alle ringsumher auf den Pritschen Platz und langen nach besten Kräften mit den Fingern zu. Die Schalen auf eine Kiste oder dergleichen zu setzen, — Tische haben sie nicht —, wie wir es thun würden, das fällt ihnen nur selten ein. Es scheint fast, als wenn sie eine gewisse Vorliebe für das Bücken haben. Die Erzählung einer jungen Frau, die nach Grönland gekommen war, giebt uns ein Beispiel davon. Sie hatte mehrere Grönländerinnen zu einer Wäsche im Hause. Als sie in die Waschküche hinaus kam, sah sie sie über den Zuber, der auf der Erde stand, gebeugt dastehen, und da sie dies natürlich sehr beschwerlich fand, gab sie ihnen einige Bänkchen, auf die sie den Zuber stellen sollten. Eine Weile darauf kam sie abermals herein, war aber nicht wenig erstaunt, als sie den Zuber noch immer auf demselben Fleck vorfand, während die Grönländerinnen nun auf den Bänkchen standen und wuschen. Si non e vero, e ben trovato!
Die Zubereitung der Speisen des Eskimos ist ziemlich einfach, auch kennen sie nur wenige Abwechselungen in ihren Speisen. Fleisch und Fisch wird theils in rohem, theils in gefrorenem Zustand gegessen, und zwar ist dies das Gewöhnlichste, theils wird es gekocht und theils läßt man das Fleisch eine Art Fäulnißprozeß durchmachen, ehe es gegessen wird. Ein außerordentlich beliebtes Gericht ist verfaulter Seehundskopf. Der Speck des Seehundes und des Walfisches wird nicht gekocht, sondern roh gegessen. Die Annahme, daß die Eskimos geschmolzenen Thran trinken, ist völlig aus der Luft gegriffen. Die ursprünglichen Grönländer aßen allerlei Pflanzen, wie Engelwurz (Angelika), Cichorie, Sauergras, Krähenbeeren, Bickbeeren und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten Delikatessen ist der Inhalt der Rennthiermägen. Dies liegt ohne Zweifel hauptsächlich darin, daß sie ein so großes Verlangen nach vegetabilischer Nahrung haben, denn der Inhalt dieser Rennthiermägen besteht ja ausschließlich aus Moos und anderen Pflanzenstoffen, die das Rennthier gefressen hat, und die nur eine kleine Veränderung durchgemacht haben infolge ihrer Mischung mit dem Magensaft; ein wenig säuerlich schmeckt das Gericht freilich. Der Inhalt eines Rennthiermagens mit Krähenbeeren und Speck zusammen gekocht, ist ein Leibgericht des Eskimos. Von anderen Leckerbissen will ich noch die Haut (Matak) der verschiedenen Walfischarten nennen. Sie wird zusammen mit der obersten Speckschicht abgezogen und roh verzehrt, besonders die Delphin-Matak gilt als höchst delikat. Ich stimme vollständig mit den Eskimos in der Vorliebe für dies Gericht ein, das wie eine Mischung von Nußkernen und Austern schmeckt. Die meisten in Grönland ansässigen Europäer mögen diese Matak gerne, doch kochen sie sie in der Regel, wodurch sie meiner Ansicht nach sehr verliert.
Fleisch, das nicht fett ist, findet der Grönländer weniger wohlschmeckend, deswegen zieht er die Wasservögel den Schneehühnern vor, obwohl diese in großen Mengen vorkommen. Die Eingeweide werden allerdings mit dem größten Appetit verzehrt, die Schneehühner selber aber pflegen sie an die Europäer zu verkaufen.
Es geschah einmal in einer der Kolonien Südgrönlands, daß ein Pfarrer, der gerade erst ins Land gekommen war, einige Grönländer zu einem Gastmahl einlud und seine Gattin die Gäste mit dem Besten, was sie hatte, traktirte, nämlich mit gebratenen Schneehühnern. Die Grönländer nahmen aber nur sehr wenig zu sich, die Frau des Pfarrers nöthigte sie und fragte, ob sie denn keine Schneehühner möchten. „Ja, gegessen würden sie schon, aber nur im Falle großer Hungersnoth,“ lautete die Antwort.
Von europäischen Waren ist es hauptsächlich der Kaffee, dem die Grönländer verfallen sind. Das Kaffeetrinken ist an der Westküste Grönlands fast bis zum Laster ausgeartet, — Branntwein können sie glücklicherweise nicht kaufen. Sie machen sehr starken Kaffee und trinken selten weniger als zwei gute Tassen auf einmal. In der Regel trinken sie 4–5 mal des Tages Kaffee, „er schmeckt so gut und erheitert,“ sagen sie. Ueber den schädlichen Einfluß sind sie sich jedoch völlig klar, deswegen erhalten junge Männer nur wenig oder gar keinen Kaffee, damit sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die Fänger häufig leiden, und der schuld daran ist, daß sie sich nicht grade in dem Kajak halten können, soll ihrer Meinung nach einzig und allein von dem Genuß des Kaffees herrühren. Diese Erfahrung stimmt auffallend mit den neueren physiologischen Untersuchungen überein, durch welche festgestellt worden ist, daß die gefährlichsten Gifte des Kaffees, das Kaffeïn etc., gerade den Theil des Nervensystems angreifen, der das Gleichgewicht berührt.
Nächst dem Kaffee schätzen sie Tabak und Brot am höchsten. Der Tabak wird an der Westküste hauptsächlich geraucht und gekaut, das Schnupfen ist die Leidenschaft der Ostgrönländer, doch wird es auch von den Frauen an der Westküste viel gethan, und man kann häufig die unangenehme Entdeckung machen, daß eine schöne, anziehende Grönländerin eine Prise nimmt.
Der Kautabak wird gewöhnlich in hohen, dänischen Porzellanpfeifen bereitet, indem man diese zur Hälfte voll Rauchtabak stopft, der mit Wasser angefeuchtet wird, worauf man den übrigen Theil der Pfeife voll trockenen Tabak stopft. Die Pfeife wird dann so weit geraucht, bis das Feuer den nassen Tabak erreicht und von ihm gelöscht wird. Dann klopft man die Asche aus, schüttet den Schmirgel, der aus dem Pfeifenrohr, dem Schmirgelbehälter etc. zusammengekratzt werden kann, über die schon tüchtig durchgezogenen Reste, und der Tabak ist fertig.
Der Verkauf von Branntwein an die Grönländer ist von der Regierung verboten. Die in Grönland ansässigen Europäer haben dagegen die Erlaubniß, sich Branntwein aus der Heimath zu verschreiben und den Grönländern davon abzugeben. So kennen sie diesen Genuß also, und es ist etwas ganz allgemeines, daß sie auf Bootsreisen und nach jedem abgeschlossenen Geschäft etwas Branntwein erhalten. Frauen wie Männer lieben ihn leidenschaftlich, nicht weil er gut schmeckt, wie sie mir oft erzählten, sondern weil es eine so herrliche Empfindung ist, betrunken zu sein, und betrunken waren sie denn auch bei jeder Gelegenheit. Im Gegensatz zu den Frauen anderer Länder fanden die Grönländerinnen in der Regel ihre Männer, wenn sie betrunken waren, so besonders anziehend. Sie nennen den Branntwein silakrangitsok, d. h. das, wodurch man den Verstand verliert.