F. Charakter, Verbrechen, Trommeltanz und Gerichtsverfahren. Freiheitsgefühl.
Der Grönländer hat einen äußerst munteren und sorglosen Sinn, er gleicht in dieser Hinsicht einem Kinde. Wenn er einen Kummer hat, was jedoch nur selten vorkommt, so giebt er sich ihm im Augenblick vielleicht mit Heftigkeit hin, er ist aber schnell vergessen und gar bald ist er wieder so strahlend, so munter und so zufrieden mit seinem Geschick wie gewöhnlich.
Dieser sein sorgloser Leichtsinn hat es indessen im Gefolge, daß er nur selten an die Zukunft denkt, und hat er, wie bereits erwähnt, genügend Speise für den Augenblick, so ist er unbesorgt und ißt so lange als etwas da ist, wenn er dann auch später Noth leiden muß, was jetzt leider nur zu oft geschieht und was mit jedem Jahr allgemeiner wird. Man hat ihm dies oft in starken Ausdrücken vorgehalten, aber die Sache hat doch auch ihre guten Seiten, denn dadurch spart er sich die Angst vor der Zukunft, die wohl das größte Leiden unserer Armen ist. Bekommt der Eskimo dann wieder Speisen, so ist er vergnügt wie immer, und die Erinnerung an erlittene Qualen ist ebensowenig im stande, seinen Frohsinn zu trüben, wie die Aussicht auf die ihm möglicherweise bevorstehenden. Das Einzige, was seiner Freude Abbruch thun kann, ist das Gefühl, daß Andere Noth leiden, während es ihm selber gut geht. Hierin findet er sich deswegen auch nur sehr schwer.
Wie bereits mehrfach berührt, sind Gutmüthigkeit, Friedfertigkeit und Bequemlichkeit die hervorragendsten Züge im Charakter des Eskimos. Er widerspricht ungerne einem Anderen, selbst wenn dieser etwas erzählt, was sich ganz anders verhält, jedenfalls kleidet er seine Einwendung in die denkbar mildeste Form. Er sagt einem Anderen selten gerade heraus eine Wahrheit, von der er annehmen kann, daß sie ihm unangenehm ist, er will sich gerne so gut wie möglich mit seinen Nebenmenschen stehen, und nur ganz ausnahmsweise hat er einen Feind. Seine Friedfertigkeit geht sogar so weit, daß er, wenn ihm Jemand etwas stiehlt, was freilich nur sehr selten der Fall ist, das gestohlene Gut niemals zurückfordert, selbst wenn er weiß, wer es ihm genommen hat. Infolgedessen entstehen denn auch nur selten oder eigentlich niemals Zwistigkeiten, das Leben gleitet eben und ruhig dahin. Die Ehrlichkeit ist ein hervorragender Zug in dem Charakter des Eskimos. Wenn die Europäer das Gegentheil behauptet haben, so beruht dies im wesentlichen auf dem Gesichtspunkt, von dem man die Sache betrachtet. Hausgenossen oder Leute zu bestehlen, die am selben Ort wohnen, gilt für verwerflich und geschieht nur höchst selten. Fremde zu bestehlen, ist weniger schlimm, obwohl es keineswegs als erlaubt betrachtet wird und daher auch zu den Ausnahmen gehört. Daß die Eskimos die Europäer häufig bestahlen, als sie zuerst mit ihnen zusammenkamen, kann Niemand wunder nehmen, wenn man bedenkt, wie diese sie behandelten und sogar Einige von ihnen mit sich nach Europa entführten. Die Eskimos betrachteten sie halbwegs wie Feinde, jedenfalls nicht als Freunde, deshalb sahen sie nichts Böses darin, zu stehlen, wo sich die Gelegenheit bot. Dieselbe Auffassung hat sich möglicherweise noch heute in gewisser Beziehung erhalten, jedenfalls gilt es als bedeutend weniger unrecht, Europäer zu bestehlen als die eigenen Landsleute. Und doch kommt das nur selten vor. Ich habe es freilich gesehen, daß gutartige Eskimos Mehl aus den Tonnen der Handelsgesellschaft mausten; es genirte sie nicht im geringsten, daß ich ihnen zusah, sie stahlen ja von der unpersönlichen grönländischen Handelsgesellschaft, was sie allem Anschein nach nicht als Unrecht ansahen.
Als Beweis für ihre Ehrlichkeit den Moralgesetzen gegenüber, die sie achten, mag auf die bereits erwähnten Verhältnisse hingewiesen werden, daß sie z. B. niemals Treibholz anrühren, das über das Hochwasserstandszeichen gelegt ist. Wenn nun die Europäer, was sehr oft geschieht, sich gegen dies Gesetz versündigen, so haben die Grönländer genau so viel Recht, uns zu verachten, wie wir es haben, wenn sie sich gegen unsere Gesetze versündigen.
Wie man aus dem friedlichen Charakter der Grönländer schließen kann, kommt ein Mord nur äußerst selten vor, und sie halten es für sehr grausam, einen Nebenmenschen zu tödten. Der Krieg ist deswegen in ihren Augen etwas Verabscheuenswürdiges, und Soldaten wie Offiziere, die geradezu dazu erzogen werden, ihre Mitmenschen todtzuschlagen, erscheinen ihnen als Unmöglichkeit.
Ein Mord oder ein Mordversuch kommt wohl ausnahmsweise an der Westküste vor. Häufig ist dann, wie auch anderwärts eine Frau die Veranlassung dazu, und der Ueberfall geschieht gewöhnlich auf der See, indem der Eine versucht, dem Andern das Kajak aufzuschlitzen. Die dänische Obrigkeit hat große Schwierigkeiten gehabt, dergleichen Vorfälle zu strafen, da man die Grönländer in der Regel ungerne bestraft und sich nur nothgezwungen in solche Angelegenheiten mischt. Bei Holstensborg wurde vor einer Reihe von Jahren ein Mann, der seine Mutter getödtet hatte, dadurch bestraft, daß man ihm einen neuen Kajak und einige Vorräthe mitgab und ihn auf eine öde Insel verbannte, wo er sehen konnte, wie er allein fertig wurde. Als er indessen eine Weile später nach der Kolonie zurückkehrte und sagte, daß er da draußen nicht leben könne, geschah ihm nichts weiter, und folglich bestand die ganze Strafe, die ihm für die Ermordung seiner Mutter zutheil wurde, darin, daß er ein neues Kajak erhielt.
An der Ostküste werden solche Verbrecher durch den Trommeltanz gestraft. Dies ist die eigentliche Gerichtsbarkeit der ursprünglichen Grönländer, und wie man in der sogenannten civilisirten Welt einander fordert und mit Säbeln und Pistolen duellirt, so fordern die Grönländer sich zum Trommeltanz. Diese Prozedur pflegt bei größeren Versammlungen vor sich zu gehen und besteht, falls sie zur Schlichtung von Streitigkeiten angesetzt wurde, darin, daß die beiden Kämpfenden sich in die Mitte eines Ringes stellen und, von Zuschauern umgeben, auf ein Tamburin oder eine Trommel schlagen, wobei sie Schimpflieder aufeinander singen. Derjenige, der die Lacher auf seiner Seite hat, geht als Sieger aus dem Kampfe hervor. Lächerlich gemacht oder von seinen Mitbürgern ausgelacht zu werden, ist die größte Strafe, die einem Grönländer widerfahren kann, und es kommt vor, daß er sich gezwungen sieht, aus diesem Grunde den Wohnort zu wechseln.
Es ist ganz klar, daß dieser Trommeltanz eine sehr nützliche Institution und ein vorzügliches, leichtausführbares Mittel zur Schlichtung von Streitigkeiten ist. Auch an der Westküste fanden in früheren Zeiten diese Trommeltänze statt, da aber die ersten Missionare es sich in den Kopf gesetzt hatten, daß sie unmoralisch und schädlich seien, wurden sie leider mit der Einführung des Christenthums unterdrückt und ausgerottet. Auch Dalager war durchaus nicht mit dieser Vorgangsmethode einverstanden, und man muß ihm völlig Recht geben, wenn er sagt: „Wahrlich, wenn man bei uns mit gleichem Nutzen und Zweck tanzen wollte, so würde man gar bald sehen, wie sich jeder zweite Moralist und Advokat in einen Tanzmeister verwandelte.“
Ein anderer Umstand, der die Missionare von der Abschaffung dieser Trommeltänze hätte zurückhalten müssen, ist der, daß dieselben ein großes Vergnügen für die Grönländer waren. Bekanntlich sind aber Vergnügungen gesund, und die Grönländer haben deren nicht allzu viele.