Der Eskimo hat ein ausgeprägtes Freiheits- und Selbstständigkeitsgefühl. Er ist daran gewöhnt, sein eigener Herr zu sein und nach eigenem Belieben umherzustreifen. Allerdings übt der Hausvater in jeder Familie ein gewisses Regiment aus, doch ist dies so gelinde und so wenig hervortretend, daß man es kaum empfindet. Dienstboten hat man in Grönland gewissermaßen auch, indem häufig Frauen im Hause des Großfängers aufgenommen werden, wo sie gemeinsam mit der Hausfrau, den Töchtern und Schwiegertöchtern die Arbeiten verrichten. Sie sind ihnen jedoch in der Regel gleichgestellt und leben ebenso wie sie im Hause, so daß das dienstbare Verhältniß mehr dem Namen nach als in Wirklichkeit existirt. Deswegen ist es kein Wunder, wenn es dem Grönländer schwer wird, in ein dienstbares Verhältniß zu treten, er betrachtet das als entwürdigend. Vor allen Dingen mag er sich nichts befehlen lassen. Der grönländische Fänger kann deswegen mit Fug und Recht auf die Frage, wen er für höher gestellt betrachte, sich oder den Landesinspektor (ungefähr was bei uns ein Gouverneur ist), die Antwort geben, daß er das nicht wisse, denn der Inspektor habe seine Vorgesetzten im Heimathslande, er selber aber habe Niemanden, der ihm etwas befehlen könne. Aus diesem Grunde war es anfänglich sehr schwer für die Europäer, Dienstboten zu bekommen. Allmählich hat jedoch die Civilisation die Eingeborenen in dieser Hinsicht genügend demoralisirt, so daß sie jetzt gerne in den Dienst der Europäer treten; es kommt sogar häufig vor, daß selbst Fänger Dienste bei der Handelscompagnie annehmen, sie sind sogar oft stolz darauf, denn dann erhalten sie wie andere dänische „Beamten“ jeden Morgen ihren Schnaps, und den können die übrigen Grönländer nicht bekommen.
Noch immer aber haben die Hausfrauen über den Stolz ihrer grönländischen Dienstmädchen viel zu klagen. Diese sind tüchtig und fügsam, so lange sie gut behandelt werden, sagt man ihnen aber ein einziges hartes Wort, so genügt das oft für sie, um ohne weiteres auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, und wenn die Hausfrau nicht zu Kreuz kriechen will, so muß sie sich nach einem andern Mädchen umsehen.
G. Ursprüngliche Religion, Aberglaube, Kunstsinn, Dichtung, Musik.
Ursprünglich besaßen die Grönländer keine entwickelte Religion. Sie hatten jedoch viel Aberglauben und viele Sagen, die von verschiedenartigen übernatürlichen Wesen handelten, von deren Kräften und Eigenschaften sie freilich nur sehr unklare Begriffe besaßen. Ihre Priester und Weisen, die sog. Angekak, suchten ihre Landsleute durch mancherlei wunderliche Künste zu mystifiziren, um die Herrschaft über sie zu erlangen. Sie waren übrigens in der Regel die Verständigsten unter ihnen und konnten oft auch mit wirklich vernünftigen Rathschlägen helfen. Die getauften Grönländer haben ihren alten Glauben übrigens durchaus nicht ganz aufgegeben, sie sind noch bis auf den heutigen Tag sehr abergläubisch und sprechen in vollem Ernst von den wunderbaren Fabelwesen, die auf dem Inlandseise, weiter ins Land hinein, am Strande und auf dem Meere hausen. Die alten Sagen werden noch vielfach des Abends von dem Einen oder dem Anderen einem aufmerksam lauschenden Kreise vorgetragen; die Grönländer sind vorzügliche Erzähler und begleiten ihren allerdings oft ein wenig breiten Vortrag mit lebhaften Gebärden, die häufig darauf berechnet sind, die Zuhörer ins Lachen zu bringen.
Der Grönländer hat einen sehr scharfen Verstand in Bezug auf alles, was innerhalb seines Erfahrungskreises liegt. Hiervon zeugen ja auch seine sehr sinnreichen Geräthschaften, bei denen das vorhandene Material so gut wie nur möglich ausgenutzt worden ist. Selbst der kleinste knöcherne Knopf, die geringste Schnalle ist so vorzüglich, daß sie nicht besser herzustellen ist, und wir können sie in der Beziehung nichts lehren. Ihre Bemerkungen den Europäern gegenüber können oft sehr treffend und verständig sein. Hiervon erhielten auch die ersten Missionare allerlei fühlbare Beweise, indem die Fragen der Grönländer in Bezug auf manche Punkte der christlichen Lehre sie oft in eine schiefe Stellung brachten. Als Beweis für ihre leichte Auffassung mag erwähnt werden, daß sie verhältnißmäßig leicht lesen und schreiben lernen, so daß die Mehrzahl von ihnen es jetzt kann, ja Viele haben es sogar sehr weit darin gebracht. Domino und Brettspiele, ja sogar Schach lernen sie sehr leicht.
„Venus“ und „Apollo“ der Eskimos.
(Von A. Bloch.)
Ihr Formsinn ist ziemlich entwickelt, und sie zeigen sogar häufig große Anlagen zur bildenden Kunst. Sie werden häufig gute Zeichner, und als Beweis ihrer Tüchtigkeit in der Schnitzkunst mag auf die beiden geschnitzten Köpfe, die auf Seite 330 abgebildet sind, hingewiesen werden. Man kann keinen Augenblick im Zweifel sein, daß der Verfertiger hier seine eigene Rasse hat nachbilden wollen.
Durch ihre obenerwähnte Sagendichtung, die von Dr. Rink[89] zusammengestellt und übersetzt worden ist, erhält man einen guten Einblick in das Seelenleben der Grönländer. Sie zeugt von einer großen Phantasie wie auch von Gefühl und von einer gewissen poetischen Auffassung vieler Dinge in der Natur. Außer der Sagendichtung und ihren Erzählungen von verschiedenen Heldenthaten haben die Eskimos ursprünglich noch eine andere Dichtung, die aus Gesängen verschiedener Art besteht. In früheren Zeiten waren dies entweder Spottlieder über Andere, die bei den früher erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden, oder es waren gewöhnliche Lieder, die verschiedene Dinge oder Ereignisse schilderten und häufig auf eine eigenartig kindliche, ansprechende Weise bei den Schönheiten der Natur und des Lebens verweilen. Oft sind es auch Liebesgesänge sehr kindlicher Art, in denen die Sehnsucht des Liebenden und die Tugenden der Geliebten beschrieben werden.
Bei meinem vielfachen Umherstreifen hatte ich häufig Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, daß die Grönländer viel Sinn für Naturschönheiten haben. So geschah es einmal, als ich mit meinem Freunde Joel, von dem ich später eingehender erzählen werde, in meinem Kajak im Ameralikfjord ruderte, daß wir an einer Bergspitze vorüberkamen und plötzlich die Felsen am Ende des Fjordes sonnenbeleuchtet daliegen sahen; es war nebliges Wetter, aber die Wolken hatten sich zertheilt und hingen in Fetzen über den Gipfeln, während die Schneemassen im Sonnenlicht erglänzten. Es war ein Anblick strahlender Schönheit; Joel hielt mit dem Rudern inne und brach in den Ruf „binne kaok“ (wie schön!) aus. Er war im übrigen ziemlich unbeleckt von der Kultur, so daß man ihm kaum derartige Gefühle zugetraut haben würde. Ich habe auch die Grönländer ihr Sommerleben, die Rennthierjagd und die Schönheit der Natur zu dieser Zeit in den schönsten Farben beschreiben hören.