Die Musik zu den Liedern wird zum Theil bekannten europäischen Melodien entlehnt, häufig werden aber auch eigene Melodien dazu gedichtet, die freilich in der Regel auch von europäischer Musik, sowohl weltlicher wie geistlicher, beeinflußt sind. Die Grönländer singen sehr gern; besonders im Sommer, wenn sie in den Frauenböten rudern, kann man sie häufig ihre Lieder, theils geistlicher, theils weltlicher Art, im Chor anstimmen hören. Es klingt sehr feierlich, wenn dieser Gesang des Abends über die spiegelblanke Wasserfläche dahinschallt, und er ersetzt das Hirtenhorn und das melodische Geläute der Herdenglocken, die daheim bei uns in den Bergen ertönen.
Der Kirchengesang ist sicher dasjenige, was den Grönländern beim Gottesdienst am meisten zusagt. Als Beweis für ihre musikalischen Fähigkeiten mag hier noch angeführt werden, daß sich in Godthaab ein Seminar zur Ausbildung von Katecheten befindet, in welchem das Hauptgewicht auf die Ausbildung in der Kirchenmusik gelegt wird. Alljährlich zur Jubelfeier wird ein Chorgesang von den am Orte ansässigen Grönländerinnen und den Katechetenlehrlingen des Seminars eingeübt. Dieser Chor singt ungemein schön und enthält viele gute Stimmen.
H. Der Einfluß der Civilisation. Die Zukunft der Grönländer.
Wenn man die Frage aufwirft, ob wir mit unserer Civilisation dem grönländischen Volke Nutzen gebracht haben, so muß die Antwort leider verneinend lauten. Wir haben den Grönländern nichts gebracht, was ihnen den Kampf ums Dasein erleichtert hat. Seine Waffen haben wir nach keiner Richtung hin verbessern können. Eisen hat er allerdings bekommen, aber theils besaß er es bereits vorher, theils kann er es sehr gut entbehren. Es wird den Anschein haben, als wenn die Einführung der Gewehre ein großer Fortschritt für ihn gewesen sein müsse, aber dies ist durchaus nicht der Fall, im Gegentheil, die Schußwaffen haben einen nicht geringen Schaden angestiftet. Durch die Büchse ist der weit wichtigere Fang mit Harpune und Blase in Verfall gerathen. Der Letztere kann bei jeglichem Wetter vorgenommen werden und ist weit sicherer als der Büchsenfang, wozu man gutes Wetter haben muß, und wobei man ungefähr doppelt so viele Thiere, wie man bekommt, anschießt oder tödtet. Außerdem hat die Schrotbüchse in manchen Gegenden die Fänger veranlaßt, über dem Vogelschießen den Seehundsfang zu vernachlässigen, der doch stets dasjenige ist und bleiben wird, worauf die Lebensfähigkeit der eskimoischen Bevölkerung beruht, denn der Seehund giebt Fleisch und Speck für die Speisen, wie zur Feuerung, er giebt Fell zu der Kajakbekleidung, zu der täglichen Kleidung, den Stiefeln, dem Kajak, dem Frauenboot, dem Zelt, dem Haus etc., — mit anderen Worten, es kann nicht ersetzt werden. Ein anderer Umstand, der in Bezug auf die Schrotbüchse nicht außer acht zu lassen ist, ist der, daß die Grönländer durch dieselbe in stand gesetzt sind, einen so intensiven Fang auf verschiedene Vögel, wie z. B. auf die Eidergans, zu betreiben, daß ihre Zahl jährlich bedeutend verringert wird, was sich bald genug bemerkbar machen muß. Dies wird um so schlimmer sein, als der Vogelfang jetzt zum Theil eine Lebensbedingung für viele Familien geworden ist, so z. B. lebt jetzt die Bevölkerung in der Gegend von Godthaab den größten Theil des Winters fast ausschließlich davon.
In früheren Zeiten fingen die Eskimos Vögel mit einem Wurfpfeil; sie konnten viele damit fangen, doch war die Zahl der erlegten Vögel nicht größer als ihr Zuwachs, und alles, was er verwundete, wurde die Beute des Jägers. Wenn er jetzt aber in eine Schar Eidergänse hineinschießt, so macht er viele lebensunfähig, ohne daß sie ihm zu gute kommen. Wir können uns deswegen nicht damit schmeicheln, daß wir seine Fangmethode verbessert haben.
Dagegen haben wir ihm einen unersetzlichen Schaden mit allen unseren europäischen Produkten zugefügt. Wir haben ihm Gefallen an Kaffee, an Tabak, Brot, europäischen Stoffen und Putz beigebracht, und er hat uns seine unentbehrlichen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich diese augenblicklichen zweifelhaften Genüsse zu ermöglichen. Inzwischen verfielen sein Frauenboot sowie sein Zelt in Ermangelung von Fellen, ja, es geschah sogar, daß der Kajak, die Bedingung für sein Dasein, ohne Bezug am Strande lag, die Lampen im Hause mußten oft im Winter gelöscht werden, weil es an Speck fehlte, da man den Wintervorrath zum Theil schon im Herbst verkauft hatte. Der Grönländer selber hüllte sich während des Winters oft in schlechte europäische Lumpen statt in die guten, warmen Pelzkleider, die er früher getragen, die Armuth griff mehr und mehr um sich, die Sommerreisen mußten zum größten Theil eingestellt werden, da ja Frauenboot und Zelt fort waren, und man mußte das liebe lange Jahr in den engen Häusern leben, wo ansteckende Krankheiten mehr denn je herrschten.
Als schlagendes Beispiel, wie sehr es mit den Grönländern zurückgegangen ist, mag hier angeführt werden, daß sich an einem Wohnplatz in der Nähe von Godthaab vor einigen Jahren noch 11 Frauenböte[91] befanden, — jetzt war nur noch eins dort, und dies gehörte dem Missionar.
An diesem Platze herrschten jedoch ganz eigenartige Verhältnisse, die zu dem Rückschritt beigetragen hatten, wie das Fortziehen mehrerer guter Fänger etc. Allerdings hat es nach der Zählungsliste den Anschein, als wenn die Bevölkerung im Zunehmen begriffen sei, da sich eine schwache Vermehrung der Einwohnerzahl bemerkbar macht; aber dies sind nur übertünchte Gräber. Es ist noch nicht soweit gekommen, daß der Zuwachs im Stillstand begriffen ist, aber Niemand kann darüber im Zweifel sein, daß dies bevorsteht, und dann wird es ebenso sicher bergab gehen, und zwar mit großer Geschwindigkeit. Die Kränklichkeit hat in den letzten Jahren in beunruhigendem Maße zugenommen, besonders sind die Auszehrung und die Tuberkulose der Krebsschaden der grönländischen Bevölkerung. Es giebt kaum ein Volk, in dem eine so verhältnißmäßig große Zahl davon ergriffen ist. Während wir in Godthaab waren, starben 2 Auszehrungspatienten, und 10–12 andere gingen einem sicheren Tode entgegen, — einige von ihnen starben bereits im folgenden Jahre, und dabei zählte die ganze Gemeinde nur etwa 100 Seelen! Die Krankheit war so allgemein, daß es beinahe leichter war, Diejenigen aufzuzählen, welche sie nicht hatten, als Diejenigen, welche damit behaftet waren. Allerdings scheinen die Grönländer eine ganz ungewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen diese Krankheit zu besitzen, sie können so krank sein, daß sie schon in jungen Jahren starkes Blutspucken haben, und dabei doch ein verhältnißmäßig hohes Alter erreichen. Ich habe Fänger gekannt, die in hohem Grade schwindsüchtig waren, die einen Tag einen Blutsturz hatten, am nächsten aber schon wieder auf den Fang ausgingen.
In der Regel sind sie aber schwächlich und können nur wenig Nutzen schaffen, was natürlich in hohem Grade lähmend auf eine so kleine Gemeinde wirkt. Eine Seuche, die ihre Opfer schnell dahinrafft, wäre natürlich sehr vorzuziehen.
Es kann zwar nicht behauptet werden, daß wir Europäer die Krankheit ins Land geschleppt haben, sie war vor uns da, der europäische Einfluß hat sie aber zur Blüthe gebracht, indem er, wie bereits nachgewiesen wurde, bewirkt hat, daß die Grönländer jetzt zum größten Theil in den kleinen feuchten Häusern leben, wo die Ansteckungskeime selbstverständlich den vorzüglichsten Boden finden. Außerdem ist die magere europäische Kost nicht gesund für diese Leute, die gewohnt sind, von Fleisch und Speck zu leben. Der beste Beweis hierfür ist der Umstand, daß die Krankheit vorzugsweise in der Nähe der Kolonien vorkommt, wo die von der Handelscompagnie Angestellten zum großen Theil von europäischen Waren leben. Als andere mitwirkende Ursache könnte möglicherweise auch erwähnt werden, daß sie jetzt häufig im Winter Mangel an Speck leiden und in kalten Häusern und in schlechter Bekleidung sitzen müssen.