Ein stetig fortschreitender Rückgang von ehemaligem Wohlstand und Gedeihen zu theilweise hoffnungsloser Armuth und Schwäche, — das ist die Ausbeute, auf welche die Grönländer zurückblicken können!

Haben wir ihnen aber dafür nicht das Christenthum und die Aufklärung gebracht?

Ja, freilich, es kann nicht geleugnet werden, daß Egede einzig und allein nach Grönland ging, um den Heiden das Licht des Evangeliums zu bringen, und aus demselben Grunde haben die Europäer seine Wirksamkeit fortgesetzt. In der Beziehung ist ein schönes Resultat erreicht worden: alle Bewohner der Westküste Grönlands sind jetzt Christen, jedenfalls dem Namen nach, und die Aufklärung geht so weit, daß die meisten jetzt lesen und schreiben können.

Es liegt indessen klar auf der Hand, daß man einem Eskimo unmöglich höhere geistige Interessen beibringen und gleichzeitig verlangen kann, daß er ein ebenso guter Fänger ist wie zu jenen Zeiten, als ihn nur ein einziges Interesse beseelte, nämlich das, sich zu einem tüchtigen Kajakruderer und Seehundsfänger auszubilden. Er lebt sozusagen am Rande des Daseins, eine Anspannung aller seiner Kräfte ist erforderlich, wenn er den Kampf mit der harten Natur erfolgreich aufnehmen soll, — ein wenig mehr Ballast, und er wird sinken.

Da drängt sich uns die Frage auf: kann diese geistige Gelehrsamkeit den Rückgang ersetzen, den die Berührung mit der Civilisation nothwendigerweise im Gefolge hat? Was ist vorzuziehen, — ein getaufter Eskimo, der lesen und schreiben kann, der alle möglichen geistigen Interessen hat, der aber nicht im stande ist, seine Familie zu ernähren, dessen Gesundheit untergraben ist, und der tiefer und tiefer in das Elend versinkt, — oder ein Heide, der freilich, wie ein Missionar sagen würde, „in geistiger Finsterniß“ lebt, der aber eine kräftige Gesundheit hat, sich gut steht, seine Familie ernährt und immer zufrieden ist? Von dem Standpunkt der Eskimos betrachtet, kann man wohl kaum über die Antwort im Zweifel sein.

Und doch sind die Grönländer nachsichtiger behandelt worden als jegliches andere uncivilisirte Volk, das unseren Civilisationsversuchen ausgesetzt war. Man kann der dänischen Regierung für ihr Auftreten nur die höchste Anerkennung zollen.

Das wirkliche Wohl der Grönländer ist ihr wesentlicher Beweggrund gewesen. Es giebt kein zweites Beispiel, daß sich ein Jagdvolk, welches mit der Civilisation in Berührung kam, so gut und so lange gehalten hat, wie das hier der Fall gewesen, und die Behandlung der Grönländer kann in dieser Beziehung anderen Staaten als leuchtendes Beispiel dienen.

Trotzdem ist das Resultat, wie wir gesehen haben, ein sinkendes Volk. Dies ist wahrlich eine ernste Mahnung, nicht von dem Gedanken auszugehen, daß jegliche Missionswirksamkeit nützlich ist; freilich kann dadurch einzelnen Heiden das Licht des Christenthums gebracht werden, den meisten Völkern aber wird nur ein Rückschritt durch die plötzliche Berührung mit der Civilisation oder vielmehr deren Produkten verursacht, denn die civilisirten Völker theilen den uncivilisirten stets zuerst ihre Laster, nicht aber ihre Tugenden mit.

Stellt man dann zum Schluß die Frage, ob denn keine Rettung für die grönländische Bevölkerung möglich ist, so muß man einräumen, daß das einzige Mittel in dem Rückzuge der Europäer bestehen würde, — man müßte dem Grönländer das Land völlig wieder überlassen, dann würde er, von europäischen Produkten nicht in Versuchung geführt, möglicherweise im stande sein, sich wieder zu erheben. Aber eine solche Möglichkeit ist kaum denkbar; es würden andere civilisirte Völker kommen, und der schädliche Einfluß würde in gleichem Maße fortgesetzt werden. Außerdem droht dem Grönländer noch eine andere Gefahr, — nämlich das beunruhigende Abnehmen der Seehunde. Dies beruht nicht so sehr auf dem Fang, den er selber betreibt, da dieser so verschwindend ist im Verhältniß zu demjenigen, den die europäischen und amerikanischen Seehundsfänger betreiben, besonders auf dem Treibeis bei New-Foundland, wo die neugeborenen Jungen jährlich zu Hunderttausenden geschlachtet werden.

Es ist also abermals die weiße Rasse, die ihm Schaden zufügt. Aber selbst wenn er es wüßte, würde es nicht in seiner Macht liegen, diesem Vorgehen eine Grenze zu setzen.