In Joel hatte ich indessen, wie der Leser weiß, einen munteren Gefährten. Bald sang er Lieder, bald erzählte er eine Menge unverständliches Zeug über die Orte, an denen wir vorüber kamen, bald machte er, wenn er eine Schar Eidergänse fliegen sah, ganz entsetzliche Anstrengungen, um die Büchse aus dem Kajak herauszuholen, was ihm jedoch nur einmal rechtzeitig gelang, und da schoß er vorbei (er war gerade kein Meisterschütze), bald brüllte er, daß er ans Land müsse, und dann ruderte er, was das Zeug halten wollte, um seinen Kajak zu entleeren. Derselbe war halb voll Wasser, da er sich wie die ganze übrige Person in einem sehr schlechten Zustand befand und grausam leckte.
Der Abend war dunkel. Drohend standen der „Sattel“ und die übrigen Berge da und verschlossen die Ostseite des Fjords, während über uns die Sternenwölbung funkelte. Wir ruderten schweigend nebeneinander, außer dem Plätschern der Ruder und dem Rieseln des Wassers gegen die Kajakwände war kein Laut zu vernehmen.
Endlich, als wir an einer Landzunge vorübergekommen waren, schien uns ein Licht vom Lande her freundlich entgegen, und wir befanden uns am Ziel. Der Doktor war etwas vor uns angekommen.
Es hat seinen eigenen Reiz, durch den Hausgang zu kriechen, in die kleinen aber gemüthlichen Räume zu gelangen und mit der den Eskimos eigenen Gastfreiheit empfangen und gepflegt zu werden. Ich halte mich in dem Hause des alten Katecheten Johan Ludwig auf. Außer ihm und meiner Wenigkeit wohnt hier seine Gattin, eine Tochter und ein junger Sohn. Johan Ludwig erzählte mir mit sichtlichem Stolz, daß sein Großvater ein Norweger gewesen, der wegen seiner ungeheueren Stärke sehr berühmt war. Er selber war früher ein sehr tüchtiger Fänger, jetzt war er aber über 70 Jahre alt und ging nicht mehr auf Fang aus. Er hat mehrere Söhne gehabt, die tüchtige Fänger waren, zwei von ihnen sind jedoch im Kajak umgekommen. Jetzt ist nur noch ein 18jähriger Sohn bei ihm zu Hause, der aber kein guter Fänger ist. Die Eltern sind zu besorgt, um ihn hinaus zu lassen.
Der „Sattel“, Gebirgsstock nördlich von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)
Der vierte Sohn,[94] Johannes, der einmal der Stolz der Familie gewesen, lag jetzt, als wir kamen, bleich und abgemagert auf der Pritsche. Er litt an Schwindsucht. Er hatte einen zehrenden Husten und konnte fast nichts genießen, aber während er so dort lag, ohne jegliche Hoffnung, jemals wieder von seinem Krankenlager zu erstehen, weilten doch alle seine Gedanken bei der Jagd und dem Leben in freier Luft. Die Erinnerung an alte Zeiten, als er der erste Fänger des Ortes gewesen, tauchten wieder in seiner Seele auf, und wenn der Husten es gestattete, wurde er nicht müde, von seinen Heldenthaten zu erzählen. Dann glänzten seine Augen, ein Lächeln umspielte seine Lippen, er saß abermals im Kajak, er sah den Seehund, er erhob den mageren, kraftlosen Arm, um zu harpuniren, er bugsirte sein Fahrzeug durch Wind und Wellen. Dann kamen die Hustenanfälle, er spie Blut und sank auf das Kissen zurück, schöne Traumgebilde umgaukelten ihn, er warf die Harpune zum letztenmal.
Der Arzt nahm ihn mit, um ihn im Krankenhaus zu Godthaab zu pflegen. Jetzt hat er ausgelitten.
Im Hause nebenan liegt Johannes’ Vetter, Justus; auch er war einstmals einer der besten Fänger von Sardlok, liegt jetzt aber noch elender an Schwindsucht darnieder als Johannes und macht es wohl nicht mehr lange.[95] Beide hinterlassen eine Familie. Der Letztere hat mehrere hoffnungsvolle Söhne, Justus dagegen hat nur einen. Es ist unheimlich, zu sehen, wie dies arme Volk von dieser schleichenden Krankheit dahingerafft wird.
Es ist gerade kein sehr thatenreiches Dasein, das ich hier führe, ich werde immer mehr zum echten Eskimo. Ich lebe das Leben dieses Volkes, esse ihre Speisen, lerne ihre Leckerbissen schätzen, wie rohen Speck, rohe Hellbutthaut, wintergefrorene Krähenbeeren mit ranzigem Speck etc.