Ich schwatze mit ihnen, so gut ich kann, rudere mit ihnen im Kajak, fische, schieße, gehe mit ihnen auf die Jagd, kurz es wird mir klar, daß es nicht ganz unmöglich für einen Europäer ist, ein Eskimo zu werden, wenn ihm nur die nöthige Zeit dazu gelassen wird.
Unwillkürlich fühlt man sich wohl in der Gesellschaft dieser Menschen. Ihr unschuldiges, sorgloses Wesen, ihre anspruchslose Zufriedenheit und Güte wirken ansteckend und vertreiben allen Mißmuth, alles unruhige Sehnen.
Es war meine ursprüngliche Absicht, auf Rennthierjagd zu gehen, ich war auch eines Tages auf Schneeschuhen aus, da ich aber keine Spur entdecken konnte, gab ich es seither auf. Mein größtes Vergnügen war es, Hellbutt zu fangen. Es giebt kein interessanteres Fischen, als diese großen, kräftigen Thiere, die im stande sind, ein Boot zum Kentern zu bringen, in dem schmalen Kajak sitzend, aus dem Wasser zu ziehen.
Man kann lange, ja häufig tagelang, daliegen, ohne einen einzigen Biß zu haben, und gewöhnlich ist das keine Kleinigkeit bei einer Kälte von 20° und einem beißenden Nordwind, der oft mit Schnee vermischt ist; man muß sich sehr in acht nehmen, daß nicht ein kleinerer oder größerer Theil des Gesichts abfriert.
Das Fischen der Hellbutt.
(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)
Beißt der Fisch aber endlich, so ist alles vergessen. Man fühlt aber in der Regel nicht sofort einen heftigen Ruck, es ist mehr, als wenn die Schnur mit langsamer aber unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen wird, dann werden die Rucke fühlbarer, in einem Nu fährt das Ruder unter den Riemen[96], man ergreift die Leine mit beiden Händen und zieht so hart und so heftig daran, wie man nur irgend kann, wiederholt das mehrmals, dann kann man fühlen, ob der Fisch noch da ist; ist dies der Fall, und zuckt er wieder, so zieht man abermals an, dies wiederholt sich einmal über das andere, man sieht zuletzt aus wie ein Rasender, aber es gilt, fest zuzugreifen und wenn sich das Ziehen durch hundert Klafter Angelleine fortpflanzen soll, so muß es schon recht kräftig geschehen. Endlich hat der Fisch fest genug angebissen, und man beginnt, die Leine aufzuziehen. Es ist nicht leicht, denn der Fisch widerstrebt heftig, und die Leine ist lang, die Arme werden lahm dabei. Die Leine wird regelrecht auf dem Kajak hingelegt und um sie vor dem Zusammenfrieren zu bewahren, mit Seewasser besprengt. Falls der Fisch abermals zu Grunde gehen und mit der ganzen Leine fortlaufen sollte, wirft man die Blase, welche an das eine Ende der Leine befestigt ist, neben dem Kajak aus, man läßt den Fisch dann ruhig laufen, folgt der Blase, die oben auf dem Wasser schwimmt und nimmt die Leine erst wieder auf, wenn der Fisch matt geworden ist.
Es ist wunderbar, wie lang eine Schnur sein kann, wenn man einen Hellbutt aufzieht. Endlich merkt man, daß das Ende da ist, man sieht, wie die Leine den Bewegungen des Thieres folgt, der Widerstand wird stärker, man vermag es kaum mehr zu halten, Zug für Zug geht es in die Höhe, jetzt kommt der Senkstein, — noch ein Zug, und nun ragt ein mächtiger Fischkopf über dem Wasser empor, mit einem Maul und ein paar Augen, daß einem angst und bange davor werden kann. Man greift nach der Holzkeule, die hinten auf dem Kajak liegt und versetzt ihm, wenn es möglich ist, einige tüchtige Schläge auf den Hirnkasten. Mit einem verzweifelten Ruck fährt der Kopf unters Wasser und in pfeilschneller Fahrt gehts wieder auf den Grund. Wehe Dem, der die Leine dann nicht in Ordnung hat, so daß es irgend wo hapert. Ist dies der Fall, so wird man, ehe man sichs versieht, mit dem Kajak rund herum gedreht. Ist der Fisch auf den Grund gekommen, so vermindert sich die Schnelligkeit, und man kann abermals anfangen, aufzuziehen. Man zieht ihn zum zweitenmal an die Oberfläche, aber möglicherweise geht er nochmals auf den Grund. Es ist keine leichte Arbeit, einen Hellbutt drei- bis viermal aus einer Tiefe von hundert Klaftern an die Oberfläche zu ziehen. Endlich gelingt es, ihn ganz in die Höhe zu ziehen und ihm einige wohlgezielte Schläge zwischen die Augen zu versetzen. Das Thier wird matter, man schlägt so hart und so schnell wie möglich darauf los, es macht noch einige verzweifelte Versuche, hinab zu tauchen, allmählich aber betäuben es die Schläge. Man steckt nun das Messer ins Gehirn und Rückenmark. Dann wird die Fangblase an seinem Mund befestigt, um es an der Oberfläche schwimmend zu halten; man nimmt die Schnur, die an dem Fisch befestigt ist, zwischen die Zähne und rudert dem Lande zu. Ich muß gestehen, daß mir dies Bugsiren das Unangenehmste von der ganzen Geschichte war, denn jedesmal, wenn der Kajak auf den Kamm einer Welle gehoben wurde, hielt die Schnur plötzlich gegen, und es gab einen Ruck in den Zähnen, so daß ich häufig glaubte, sie würden mir aus dem Munde gerissen. Dies kann ein Eskimo wahrscheinlich nicht verstehen, denn ihm hat die Natur so feste Zähne gegeben, daß er ohne alle Schwierigkeit Nägel damit ausziehen kann.
Sobald man ans Land gekommen ist, wird der Hellbutt sorgfältig derartig an die Seitenwand des Kajak gebunden, daß er aufrecht im Wasser steht, mit dem Kopf voran, um beim Bugsiren so wenig Schwierigkeit wie möglich zu verursachen; dann geht es heimwärts.
Ein solcher Fang ist übrigens nicht zu verachten. Diese Fische wiegen 100–200 Kilogramm und bieten im Winter, wo es an anderem Fang gebricht, eine vorzügliche Nahrung. Von den beiden Fischen, die ich fing, lebten wir fünf Menschen ungefähr drei Wochen und hatten während der ganzen Zeit fast keine andere Speise.