Als wir eines Tages bei stillem Wetter auf dem Fangplatz lagen, verdunkelte sich der Himmel plötzlich im Süden und ein Südwind zog herauf. In größter Eile sammelten Alle ihre Fangleinen, ehe wir aber noch damit fertig waren, brach das Unwetter los, — zuerst kamen ein paar gelindere Windstöße, die aber bald an Heftigkeit zunahmen. Die See brauste schwarz-weiß heran, und bald war die eben noch spiegelblanke Fläche in ein einziges Schaummeer verwandelt. Strömung und See kämpften miteinander, grünlich-weiße Wellen rollten daher, die Kajaks verschwanden gänzlich in den Wellenthälern. Wir mußten an Land rudern, um unseren Fang und uns selber in Sicherheit zu bringen, und quer durch die Wellen hindurch ging es, so schnell unsere Ruder uns vorwärts zu zwingen vermochten.
Für die Grönländer war dies ja natürlich etwas ganz Alltägliches, für mich aber hatte es das ganze Interesse der Neuheit, und meine Fertigkeit im Kajakrudern wurde auf eine harte Probe gestellt. Man mußte die schweren Sturzwellen aufmerksam verfolgen. Schlug so eine über den Kajak dahin, ehe das Ruder auf der Windseite fertig war, so konnte man auf das Allerschlimmste gefaßt sein.
Wir hielten uns hart an der Küste, um Schutz zu suchen. Den Wind im Rücken, ging es nun mit fliegender Fahrt nordwärts, aber es ist noch schwieriger als vorhin, die Wellen kommen hinter uns her gerollt, und man muß das Ruder mit der größten Vorsicht handhaben, um nicht umgeworfen zu werden. Da kommt eine schwere Sturzsee, ein paar schnelle Ruderschläge, das Ruder flach auf der einen Seite, und das Hintertheil des Kajaks wird hoch in die Höhe gehoben, man legt sich aber hinten über, die Welle bricht sich, man bekommt sie wie einen Schlag in den Rücken, hoch spritzt das Wasser über dem Kopf auf und man fühlt sich auf der Spitze des schäumenden Wellenkammes durch die Luft geschleudert. Dann rollt sie weiter, man sinkt hinab in das Wellenthal, dann wieder ein paar schnelle Ruderschläge, eine neue Sturzsee und man wird wieder dahin getragen.
Ich hatte einen guten Begleiter und Lehrmeister in Eliase, der sich stets so nahe an meiner Seite hielt, wie die Wellen es gestatteten. Bald jagte er wie ein Sturmwind an mir vorüber auf dem Kamm einer Welle reitend, bald überholte ich ihn auf einer anderen Woge. Es war ein Tanz mit den Wellen und ein Spiel mit Gefahren.
Dann wurde das Ufer höher, und wir kamen in Schutz, ein Eisgürtel legte sich uns aber hindernd in den Weg. Hindurch mußten wir, da galt es denn, die Kajaks in acht zu nehmen, daß sie nicht zwischen den unruhigen Eisschollen zerdrückt wurden. Wir entdeckten eine kleine Oeffnung; der Augenblick mußte ausgenutzt werden, und mit ein paar raschen Ruderschlägen trieb ich den Kajak auf dem Kamm einer großen Welle glücklich hindurch.
Terkel, Sardloks stolzer Fänger, und sein Bruder Hoseas hatten jeder ihre Hellbutt im Schlepptau, und sie kamen erst eine Weile nach uns in den Schutz. Wir hofften, daß der Wind sich ein wenig legen würde, während wir die Beute an den Kajaks befestigten und andere Vorkehrungen trafen, aber es trat keine Veränderung ein, und wir mußten wieder ins Unwetter hinaus, um nach Sardlok zu gelangen. Da wir aber den Wind mit uns hatten, ging es schnell, und wir befanden uns bald im sichern Hafen.
Ich werde oft in die andern Häuser zum Hellbuttessen eingeladen, nachdem ich mich schon zu Hause darin satt gegessen habe, und muß dann essen, so lange der Magen es annehmen will. Besonders oft bin ich in Terkels Haus, welches das größte hier am Ort ist. Neulich abends, als ich dort saß, ward ich Zeuge eines eigenthümlichen Schauspiels. Hoseas’ Sohn, der etwas über ein Jahr alt war, tanzte den „Mardleck“ mit Terkels dreijährigem Töchterchen. Der kleine Bursche tanzte im bloßen Hemd, das ihm bis an die Mitte des Magens reichte, die Arme hielt er steif vom Leibe ab und mit der ernstesten Miene von der Welt hüpfte er bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein, dann drehte er sich rund herum, alles in vollständig richtigem Takt mit der Musik, die aus Gesang bestand, und immer mit der gleichen Miene das kleine, hübsche Mädchen anschauend, die ihr Haar und ihre Kleidung genau so trug wie eine erwachsene Grönländerin und dabei ein so kokettes Gesicht aufsetzte, als sei es nicht das erste Mal, daß sie mit Herren zu thun habe. Der ganze Anblick war unwiderstehlich lächerlich. Die eskimoischen Kinder sind sehr früh entwickelt.
Terkel, der beste Seehundsfänger in Sardlok.
(Von A. Bloch nach einer Photographie von C. Ryberg.)