Kajaks in offener See.
(Von Th. Holmboe nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)

Am 14. Februar kehrte ich wieder nach Godthaab zurück, nachdem ich mich ungefähr einen Monat in Sardlok aufgehalten hatte. Unsre Reisegesellschaft bestand außer Joel und mir noch aus Hoseas aus Sardlok. Alle Kajaks waren mit Hellbuttfleisch, Vögeln und dergl. schwer belastet. Deswegen war es kein leichtes Rudern, als wir von einem heftigen Westwind überfallen wurden. So lange wir uns an dem westlichen Ufer hielten, ging es einigermaßen gut, da der Wind hier keine Macht hatte, als wir aber über den Godthaaber Fjord setzten, wurde es schlimmer. Je mehr wir uns vom Lande entfernten, desto höher wurden die Wellen und wir verschwanden gänzlich zwischen ihnen. Als es nun auch anfing zu schneien, so daß wir nicht die Hand vor Augen sehen konnten, wurde es den Eskimos bedenklich und sie riefen mir zu, daß wir umwenden müßten, um wieder unter den Schutz des Landes zu kommen. Ich war der Meinung, daß es trotz des Schneetreibens leicht sein müsse, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, und bestand darauf, daß wir es noch eine Weile versuchen wollten, es ging auch noch eine Zeit lang, die Wellen kamen halb von hinten, aber es wurde von Minute zu Minute schlimmer, und nun halfen keine Bitten mehr, sie riefen mir wieder etwas zu, was ich nicht verstand und wandten sich dann um, ohne meine Antwort abzuwarten. Wir arbeiteten gegen den Wind nach dem Lande zurück, wo wir im Schutz lagen, und warteten ab, ob sich das Wetter nicht ändern würde. Unsere Bootslast, die hinten auf den Kajaks lag, wurde an Land gebracht und mit Steinen und Schnee belastet, da wir sie am folgenden Tage, wenn das Wetter es erlaubte, abholen wollten. Es ist nicht gut, die Kajaks bei Seegang zu sehr zu belasten, weil sie dann dem Kentern zu leicht ausgesetzt sind. Als das Schneetreiben sich ein wenig verzogen und der Wind sich gelegt hatte, machten wir uns wieder auf den Weg und gelangten glücklich über den Fjord nach Godthaab.

Kangek, 28. Februar.

Heute schreiben wir den 28. Februar — auch dieser Monat ist schon zu Ende. Vielleicht noch einer — dann kommt das Schiff und dann geht es fort von diesem Leben und diesen Menschen auf Nimmerwiedersehen.

Aber das läßt sich nicht ändern, deswegen ist es am besten, den Gedanken daran fahren zu lassen.

Es ist so frisch hier draußen am Rande des Meeres. Die Wellen stehen mit voller Kraft aufs Land, sie spielen mit dem Kajak, als sei es ein Knäuel Garn, brausen schäumend weiß dahin und donnern gegen Klippen und Felsen, während der Schaum hoch hinaufspritzt bis über das schneebedeckte Land.

Es ist ein herrliches Leben, Wind und See bespülen die Wange, während Hirn und Muskeln sich in steter Spannung befinden, um den Kajak auf den rechten Kiel zu halten, und das Auge nach der Windseite ausspäht, um die Sturzsee jedesmal richtig abzupassen. — — —

Und dann die Nächte, die oft ganz still sind, still und schweigend stehen die Felsen da, sich schwarz von dem weißen Schnee und dem Meere abhebend, das in melancholischem Takt gegen das Ufer schlägt und in dem sich ein schwacher Widerschein des dunklen sternenglitzernden Himmels widerspiegelt. Hin und wieder huscht ein glänzendes Nordlicht, bald in bläulichem, bald in röthlichem, in gelbem, dann wieder in bläulichem Schein über das nächtliche Firmament, bald als wogende, stets wechselnde Bänder, bald als Flammen an dem südlichen Himmel dahinrollend, sich bald in blendenden Strahlenbündeln sammelnd; es brennt und leuchtet, breitet sich aus, sammelt sich wieder und verschwindet. Dann kommen neue Feuergarben, neue Flammen sprühen auf — es ist ein ewiger Wechsel, stets dasselbe, und doch stets etwas Neues — gleich räthselhaft und fesselnd —, das Meer aber rollt wie vorhin in schweren Wellenschlägen gegen das Ufer.

Vor kurzem war ich in Sardlok, jetzt bin ich hier draußen — und weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich auf den Frühling, wo die Tage länger werden, die Sonne wärmer scheint und der Schnee schmilzt. Ich fühle mich ihm hier draußen gleichsam näher gerückt, wenn er vom Süden her übers Meer gezogen kommt, werde ihn aber doch nicht mehr hier oben erleben, trotzdem aber ist es wohlthuend, zu sehen, wie die Tage länger werden, zu sehen, wie das Meer in der höher aufsteigenden Sonne erglänzt, sie beinahe wärmend zu fühlen, und mit dem grauenden Tag auf Fang auszuziehen, gegen Abend heimzukehren, ohne daß der Tag schon zu Ende ist. Die menschliche Gesellschaft, ihre großen Gedanken und ihr großes Elend — alles liegt gleich fern — nur das Gefühl der Freiheit, die reine Freude am Leben ist geblieben.

Am 17. Februar kam ich hier heraus. Es ist ein guter Ort, um sich im Kajakrudern zu üben. Die Strömung ist reißender als sonst irgendwo, sie stürzt zwischen den Scheeren und an den Landzungen vorüber wie ein Fluß, und wo sie den großen Wellen draußen in dem offenen Meer begegnet, da thürmen diese sich auf und zischen wild in die Höhe. So ist es denn kein Wunder, daß die Kangeken die besten Kajakruderer hier in der Gegend sind, und schwerlich findet man ihres gleichen in ganz Grönland. Auf dem offenen Meere suchen sie ihren Erwerb, oft setzen sie dabei das Leben aufs Spiel, Viele kommen um, aber unberührt davon bewegen sie sich tagaus, tagein auf dem tückischen Element. Es ist ein Vergnügen, sie mit den hohen Wellen tummeln zu sehen, die gleich galoppirenden Pferden mit ihnen herangestürmt kommen, die flatternden Mähnen mit weißem Schaum bedeckt. Keine Welle ist ihnen zu hoch. Kommt ihnen einmal eine Sturzsee zu schwer heran, so stemmen sie die Seite des Kajaks dagegen, stecken das Ruder unter den Riemen an der Windseite, beugen sich tief über den Kajak und lassen die Sturzwelle über sich hinrollen, oder sie legen auch das Ruder flach gegen die Windseite und indem die Welle sich bricht, wälzt sich der Ruderer mitsamt seinem Kajak in den Abgrund hinab und schwächt dadurch ihre Macht. Sobald sie vorübergerollt ist, richtet er sich wieder auf dem Ruder auf. Man hat mir erzählt, daß die wirklich überlegenen Kajakruderer noch einen anderen Kunstgriff haben. Ist eine Welle so hoch, daß sie sie nicht auf andere Weise zu bezwingen glauben, so kentern sie ihren Kajak in demselben Moment, wo die Welle sich über sie ergießt, und lassen den Boden den Stoß aufnehmen, ist die Welle vorüber, so richten sie sich wieder auf.