Ich war deswegen der Ansicht, daß künftige Schiffsexpeditionen, deren Zweck es ist, den äußeren Rand des Inlandseises zu untersuchen, hauptsächlich die Monate April, Mai und vielleicht auch die erste Hälfte des Juni benutzen müssen. Man wird da sicher verhältnißmäßig leicht die meisten Stellen des äußeren Inlandseises befahren können, ohne im wesentlichen von den vielen Unebenheiten und Spalten gehindert zu werden, die später im Jahr bloßgelegt werden und die durch die Wirkung der Sonne und das Schmelzen des Schnees entstehen. Wenn man zu einer solchen Untersuchung ein eigens dazu eingerichtetes Schneesegelboot benutzte, das sicher große Vortheile bieten würde, so wäre ebenfalls der Frühling und der Vorsommer die günstigste Zeit, da alsdann außer einer guten Schlittenbahn auch noch der Wind zu statten käme. Möglicherweise könnte man mit einem solchen Fahrzeug ohne große Schwierigkeit den ganzen Rand des Inlandseises von dem südlichen Theil bis nach Norden hinauf, ja vielleicht auch selbst die nördliche Spitze besegeln.
Da lag es denn für mich sehr nahe, als der Frühling herankam, einen Ausflug auf das Inlandseis zu machen. Es erschien mir von größtem Interesse, gerade die Strecke zu untersuchen, auf der wir heruntergekommen waren, um zu sehen, welche Veränderungen dort im Laufe des Winters vor sich gegangen waren.
Da man in der Kolonie das Schiff, das uns nach Hause bringen sollte, schon vom ersten April an erwarten zu können glaubte, durften wir uns freilich nicht allzu weit entfernen. Einige von uns beschlossen deswegen, im März einen Versuch zu machen, obwohl es etwas früh war, um auf eine wirkliche Ausbeute rechnen zu können. Die Ausrüstung, die sich auftreiben ließ, war übrigens nach mehr als einer Richtung hin höchst mangelhaft. Alles, was wir bekommen konnten, beschränkte sich auf gedörrte Angmagsetts, hartes Brot und Butter. Von dem zum Schmelzen des Schnees erforderlichen Spiritus hatten wir nur sehr wenig.
Am 21. März fuhren Sverdrup und Kristiansen in einem Boot, ich selber aber in meinem Kajak in den Ameralikfjord hinein. Wir erreichten Kasigianguit, wo wir, ehe wir uns auf das Inlandseis begaben, einige Rennthiere zur Vermehrung unseres Proviants zu erlegen hofften. Hier wurden wir indessen fünf Tage durch Schneesturm und Thauwetter aufgehalten. Wir lagen den größten Theil des Tages im Zelt und lebten von unseren Angmagsetts und Schiffsbrot mit Butter, während der nasse, alles durchweichende Schnee sich auf uns legte und Eis und Schnee unter uns schmolzen. Die letzten Tage wohnten wir buchstäblich in einer Wasserlache, und da der Schlafsack, in dem wir alle Drei lagen, ziemlich feucht war, untersuchten wir ihn und fanden, daß sich mehrere Zoll Wasser darin befanden, besonders unter denjenigen Körpertheilen, die, wenn man auf dem Rücken liegt, hauptsächlich mit der Unterlage in Berührung kommen. Wir konnten das Wasser mit den Händen herausschöpfen, es half uns aber nicht viel, denn es war sofort wieder da. Sverdrup meinte, unser Zeltleben auf dem Inlandseise sei im Vergleich hiermit der reine Genuß gewesen.
Als gegen Ende des Monats die Zeit heranrückte, wo nach der allgemeinen Ansicht das Schiff erwartet werden konnte, hatte es keinen Zweck unsern Ausflug noch in die Länge zu ziehen; so begaben wir uns denn am 28. März nach Godthaab zurück.
Am selben Tage, an welchem wir diesen Ausflug antraten, ruderten Dietrichson und Balto in ihren Kajaks in den Godthaabsfjord hinein, wo sie die Wohnplätze Sardlok, Kornok, Umanak und Karusuk besuchten. Sie kehrten erst einige Tage nach uns wieder heim. Als sie sich auf dem Rückwege, am letzten Tage ihres Ausflugs unterhalb des „Sattels“ befanden, rief Balto plötzlich Dietrichson zu, daß er an Land gehen müsse, sein Kajak lecke und sei halb mit Wasser angefüllt. Dietrichson erwiderte, das könne ihm gar nicht nützen, das Land sei so steil, daß sie nirgends landen könnten, sie müßten weiter rudern, vielleicht würde das Ufer allmählich flacher. Da antwortete Balto mit kläglicher Stimme: „Ja, dann muß ich elend zu Grunde gehen.“ Indessen ruderten sie, was das Zeug halten wollte, und bald darauf kamen sie an einige Steine, auf die Balto hinaufkriechen konnte, so daß es ihnen gelang, seinen Kajak zu entleeren. Auf dem Boden befand sich ein Loch, sie hatten aber nichts anderes zum Verstopfen desselben als einen Handschuh und ein wenig Butter; dies genügte jedoch und sie konnten ihren Weg fortsetzen.
Eine Weile später wurden sie plötzlich von einem heftigen Sturm überfallen, zum Glück befanden sie sich an einer Stelle, wo sie landen konnten. Wäre der Sturm ein wenig früher oder später gekommen, so ist es sehr zweifelhaft, wie sie davon gekommen wären, denn da war kein Zufluchtsort, und in dem Unwetter hätten sie sich wohl schwerlich auf der See halten können. An demselben Tage verunglückte ein Grönländer bei Umanak. Sie mußten nun volle 7 Stunden auf dem schmalen Felsvorsprung liegen bleiben, wo sie gelandet waren. Am Abend legte der Sturm sich ein wenig und sie kamen wohlbehalten nach Godthaab zurück, wo sie mit Jubel von den Grönländern begrüßt wurden, die es für eine gute Leistung erklärten, an dem Tage hinaus zu rudern, — sie selber hatten es nicht gewagt.
Als ich ungefähr eine Woche in Godthaab gewesen war, ohne daß sich eine Spur von dem viel besprochenen Schiff zeigte, beschloß ich, einen neuen Versuch zu machen, auf das Inlandseis zu gelangen und begab mich zu dem Zweck am 4. April mit Aperavigssuak (dem großen Abraham, einen alten, bekannten Kajakruderer aus Kangek) in meinem Kajak in den Godthaabsfjord hinein. Am selben Tage erreichten wir Kornok, das acht Meilen von Godthaab entfernt liegt, und am nächsten Morgen setzte ich in Begleitung von zwei Kajakmännern — Karl und Larserak — meine Reise über den Fjord nach Ujaragsuit fort, wo ich auf das Inlandseis zu gehen gedachte. Da das Ende des Fjordes mit Eis bedeckt war, gingen wir in die Bucht bei Kanguisak, zogen die Kajaks ans Land, schnallten die Schneeschuhe an und liefen an das Ende dieser Bucht, die gleichfalls mit Eis bedeckt war; dann begaben wir uns über Land nach dem Godthaabsfjord; hier angelangt, schlugen wir unser Zelt auf, das wir ebenso wie den nothwendigsten Proviant mitgenommen hatten. Unser Vorrath war jedoch lange nicht ausreichend, deswegen mußten wir Schneehühner schießen, die auf Art der Eskimos roh verzehrt wurden und die in dieser bequemen Gestalt wirklich vorzüglich schmecken, nur muß man sie, bevor man sie verzehrt, kalt werden lassen. Eines Tages, als ich sehr hungrig war, versuchte ich es, ein Schneehuhn, unmittelbar nachdem es geschossen war, zu verzehren, es hatte aber einen ganz eigenthümlichen Geschmack, und das Fleisch zitterte förmlich zwischen den Zähnen, — ich stand sofort von dem Versuch ab und habe ihn seither nicht wiederholt.
Mein Freund Aperavigssuak.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)