Am nächsten Tage (6. April) liefen wir auf Schneeschuhen weiter über den Fjord auf den Ujaragksuikfjord zu. In der Mitte dieses Fjords angelangt, gewahrte ich indessen von einem Berge aus, den ich bei der Verfolgung einiger Schneehühner erklommen hatte, daß die ganze innere Seite des Fjords offen war, so daß wir dort unmöglich würden landen können. Der Bach, der unter dem Inlandseise hervorbricht, ergoß sich hier in den Fjord.

Um das Inlandseis zu erreichen, würde es nothwendig sein, bei Ivisartok auf der Ostseite des Fjords zu landen, aber dann würden wir mindestens zwei Tage gebrauchen, um bis an den Rand des Eises zu gelangen, und da ich es nicht für richtig hielt, mich wegen des zu erwartenden Schiffes so weit zu entfernen, so blieb mir nichts anderes übrig, als abermals umzuwenden.

Dieses Mal war die Ausbeute aber doch ein wenig ergiebiger als das letzte Mal, denn wenn ich auch das Inlandseis nicht dort erreicht hatte, wo ich es zu erreichen wünschte, so hatte ich doch den Gletscher gesehen, der sich zwischen Ivisartok und Nunatarsuak hinausschiebt. Es zeigte sich indessen, daß dieser Gletscher nicht so sehr mit Schnee bedeckt war, wie ich es erwartet hatte, und das Eis sah beinahe ebenso blau und zerklüftet aus, wie gewöhnlich. Auch ringsumher auf dem Lande war die Schneemenge auffallend klein. Auf weiten Strecken guckte das bloße Land hervor, und der Unterschied mit Godthaab war ganz auffallend. Offenbar haben die hohen Berge draußen und weiter im Süden das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert.

Die Veränderung, welche mit der Oberfläche des Inlandseises im Laufe des Winters vorgegangen war, mochte daher gar nicht so groß sein, wie ich es angenommen hatte, wenigstens nicht dort, wo sich ein breites Außenland vor dem Eise befindet, so wie es an diesem Theil der Küste der Fall ist. Das Außenland nimmt nämlich einen großen Theil des Schnees fort. Eine andere Ausbeute bestand in der Wahrnehmung der Wassermassen, welche der Fluß aus dem Inlandseise dem Fjord selbst im Winter zuführt. Es war noch nicht so warm gewesen, daß ein Schmelzen im Außenlande stattgefunden haben konnte, nicht einmal in Godthaab. Es ist eine bekannte Sache, daß es drinnen am Inlandseise immer bedeutend kälter ist als außerhalb desselben, und welch ein Unterschied zwischen der Wärme der Oberfläche des Inlandseises und derjenigen des Außenlandes herrscht, das hatten wir bei unserer Eiswanderung gründlich erfahren. Trotz alledem aber hatte der Fluß einen starken Strom, und die Eskimos erzählten, daß selbst mitten im Winter keine Stockung eintrete. Hieraus geht deutlich hervor, daß in den tieferen Schichten des Inlandseises ein von der Temperatur der Oberfläche unabhängiges Schmelzen stattfindet. Welche große Rolle dies im inneren Haushalt der Eismassen spielen muß, werde ich im Anhang noch eingehender behandeln.

Am Abend schlugen wir ein Zelt auf einem Vorgebirge an der Mündung des Ujaragsuitfjordes auf. Da wir nun keine weitere Eile hatten, richteten wir uns so gemüthlich wie möglich ein. Es machte keine Schwierigkeit, eine genügende Grasmenge auf dem aus den Schnee hervorragenden Landrücken zu sammeln. Hiermit bedeckten wir den ganzen Zeltboden und schufen uns dadurch ein gutes trockenes Lager. Dann wurde Kaffee gekocht und die Eskimos kamen mit einem sehr wohlschmeckenden Gericht zum Vorschein, das in gefrorenem Rothfisch oder „Ur“ bestand, der roh verzehrt wurde, außerdem verzehrten wir pro Mann mindestens ein Schneehuhn und befanden uns ganz vorzüglich dabei. Wir legten uns in unseren Kleider schlafen, die Schlafsäcke hatte ich diesmal nicht mitgenommen, da ich die Last zu schwer fand.

Am nächsten Morgen gingen wir über den Fjord zurück. Ich hatte die größte Lust, länger in diesem Eldorado der Jäger zu verweilen, denn das gerade gegenüberliegende Ivisartok- und Nunatarsuak-Land ist wegen seiner guten Rennthierjagden berühmt, außerdem gab es hier auf dem Eise im Fjord viele Seehunde, und wenn man nur genügend Zeit dazu hat, so ist dies eine sehr interessante Jagd. Die alten Norweger wußten wohl, was sie thaten, als sie sich hier niederließen. Hier und im Ameralikfjord hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach der reichste Theil des alten „Vesterbygd“ gelegen, man findet überall zahlreiche Ueberreste, die darauf hinweisen, besonders ist Ujaragsuik wegen seiner großen Ruinen bekannt.

Als wir über das Land kamen, wo wir bei unserer Ankunft hinabgestiegen waren, fanden wir einen ziemlich steilen Abhang vor. Ich sollte hier die Erfahrung machen, wie mangelhaft es mit dem Schneeschuhlaufen der Grönländer bestellt ist. Sie blieben während der ganzen Zeit zurück, und schließlich mußte ich dem Einen fast seine ganze Last abnehmen, damit er nur mitkommen konnte. Als sie an diesen Abhang kamen, besannen sie sich nicht lange, sondern schnallten die Schneeschuhe ab und trugen sie. Nachdem ich unten angelangt war, hatte ich deswegen das Vergnügen, ungefähr eine Stunde auf sie zu warten, während sie sich durch den Schnee hindurchstampften. Und erst als sie das Fjordeis erreichten, wagten sie es, die Schneeschuhe wieder anzuziehen. Einer von ihnen machte allerdings bei einer kleinen Senkung einen Versuch, da er aber sofort fiel, gab er es wieder auf.

Auf dem Fjordeise schoß Karl einen Ring-Seehund (netsak), der also auch bis an die Kajaks geschleppt werden mußte. Endlich am Nachmittag erreichten wir diese. Wir wußten nicht, wie spät es am Tage sei, da der Himmel bedeckt war und Niemand von uns eine Uhr hatte. Ich wollte gerne noch am selben Tage nach Kornok kommen, da ich es für möglich hielt, daß die Nachricht von der Ankunft des Schiffes da sei. Obwohl besonders Larserak keine Lust dazu hatte, bestiegen wir dennoch unsere Kajaks. Wir waren indessen noch nicht weit gerudert, als es sich herausstellte, daß es bedeutend später war, als wir geglaubt hatten; es wurde nämlich vollständig dunkel. Draußen im Fjord empfing uns eine steife Westbrise, wodurch die Verhältnisse nicht gebessert wurden. So lange wir an der Küste entlang rudern konnten, ging es doch noch einigermaßen. Aber bei einem Vorgebirge Namens Kangersuak mußten wir über den Fjord, um nach Kornok zu kommen. Hier wurde es schlimmer. Der Wind und die Wellen standen hier mit voller Gewalt auf das Land und in der Finsterniß war es keine leichte Sache, die Wellen zu sehen und sich vor ihnen in acht zu nehmen.

Wir lagen still und überlegten. Die beiden Grönländer fragten mich, ob ich es mir getraue, weiter zu rudern; ich wollte mich ungern schwächer zeigen als sie und fragte, ob sie es sich getrauten. Schließlich zogen wir weiter, aber wir sollten gar bald erkennen, daß es kein Kinderspiel war, besonders für Karl, der den Seehund hinten auf dem Kajak liegen hatte, war es schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er rief uns zu, er müsse an Land gehen, um sich seiner Last zu entledigen, aber an ein Landen war nirgends zu denken, überall bildete das Ufer eine einzige, steile Bergwand. Deswegen halfen wir ihm, seinen Seehund ins Wasser zu werfen, und er schleppte ihn nun ein Ende mit, aber es ging zu langsam, und wir mußten ihm behülflich sein, das Thier abermals auf den Kajak zu legen. Im Anfang war es ganz dunkel gewesen, dann aber wurde die Wolkenschicht ein wenig lichter, hin und wieder riß der Wind eine Oeffnung hinein, so daß der Mond durchkommen konnte; das war ein großer Vortheil für uns, denn jetzt konnten wir doch die herannahenden Wellen sehen und unseren Weg finden. Es war eine schwere Arbeit, gegen den Wind anzukämpfen, allmählich aber erreichten wir das gegenüberliegende Land. Hier stießen wir indessen auf eine andere Schwierigkeit, nämlich auf Unmengen von treibendem Fjordeis, das uns eine ganze Zeit lang den Weg vollständig versperrte. Erst um 1 Uhr des Nachts kamen wir nach Kornok, wo wir den Einwohnern durch unsere späte Ankunft einen großen Schrecken einjagten.