Das Naheliegendste — falls man annimmt, daß die Erde einst glühend gewesen ist — muß ja die Annahme sein, daß die Erde seit jener glühenden Periode infolge der Wärmeausstrahlung in steter Abkühlung begriffen war, und daß diese warmen Klimate der nördlichen Zonen in eine Zeit gefallen sind, wo die Erdkruste so viel wärmer war, wie jene Klimate vermuthlich wärmer gewesen sind als das jetzige; das würde also — für Nordgrönland — einen Unterschied von 20–30° C. ausmachen. Dies könnte möglicherweise das warme Klima jener Zeiten erklären, falls man annehmen könnte, daß eine so reiche Vegetation, wie sie zu jener Zeit z. B. auf Grinnell-Land stattgefunden hat, unter den dortigen Lichtverhältnissen mit den monatelangen Winternächten und den ebenso langen Sommertagen gedeihen könnte. Bedenkt man indessen, daß zwischen diesen warmen Klimaten wahrscheinlich Eisperioden stattgefunden haben, so verliert diese Annahme jeglichen Halt, und selbst abgesehen hiervon ist sie garnicht danach angethan, eine Erklärung dafür zu geben, weshalb jedenfalls nach jener letzten warmen Zeit Eisperioden mit einem älteren Klima wie das jetzige eingetreten sind.
Eine andere Betrachtungsweise muß uns indessen auch gar bald die völlige Unhaltbarkeit dieser Theorie beweisen. Sollte nämlich die Temperatur der Erdkruste in einem so kurzen Zeitraum wie von der Tertiärperiode bis jetzt 21° C. gesunken sein, so brauchen wir wahrlich nicht sehr lange in die geologische Zeit zurückzugreifen, ehe wir auf eine Temperatur stoßen, die jegliches organische Leben unmöglich macht. Gehen wir z. B. doppelt so lange zurück, so erhalten wir schon eine wenigstens 42° höhere Temperatur, gehen wir den vierdoppelten Zeitraum zurück, so steigt die Hitze auf 84° C., und damit wäre die Grenze für das jetzige organische Leben bereits erreicht, während der Zeitraum, den man damit erreicht hätte, z. B. im Verhältniß zu dem ungeheuren Alter der Silurformationen, nur ein sehr geringer ist. Indessen herrschte bereits damals ein bedeutendes organisches Leben, was darauf schließen läßt, daß die Abnahme der Wärme infolge von Ausstrahlung nach jener Zeit nicht sehr beträchtlich gewesen sein kann.
Am leichtesten würde es sein, die Eiszeit, ebenso wie die wärmeren Klimate der verschiedenen Himmelsstriche zu erklären, wenn man nur ein wenig an der geographischen Lage der Erdachse rütteln könnte. Könnte man z. B. den Nordpol zwischen den 60° und 65° auf Grönlands Westküste oder in die Nähe davon versetzen, so könnte man sehr leicht eine Eisperiode in Europa wie in Amerika hervorbringen. Der Umstand, daß bisher weder im östlichen Rußland noch in ganz Nordasien[98] eine Eisperiode hat nachgewiesen werden können, scheint diese Annahme zu stützen. Auch in Alaska scheinen die Beweise für eine Eisperiode zweifelhaft zu sein. Hiernach hat sich die Eisperiode scheinbar strichweise mit dem angegebenen Punkt als Centrum verbreitet. Man hat auch die Ursachen zu einer etwaigen Verschiebung der Erdachse nachweisen zu können geglaubt. Als solche hat man z. B. die Veränderung und Versetzung der Stoffe theils durch Flüsse, theils durch Gletscher und dergleichen angeführt. Es ist ganz sicher, daß solche Umwälzungen ebenso wie große Ansammlungen von Eis den Schwerpunkt verrücken und dadurch die Achse ein wenig verschieben können, aber man hat doch nicht die Möglichkeit so gewaltsamer Umwälzungen oder Veränderungen nachweisen können, die erforderlich wären, um die Erdachse 20–30° zu verschieben.
Daß sie wirklich verschoben werden kann, scheint daraus hervorzugehen, daß die Beobachtungen auf mehreren deutschen Observatorien (Berlin, Potsdam, Prag und Straßburg) auf merkwürdige Weise darin übereinstimmen, eine Pol-Verschiebung von mehr als einer halben Sekunde im Laufe eines halben Jahres zu konstatiren;[99] außerdem scheinen zuverlässige Observationen, die in Greenwich, Washington, Mailand, Neapel, Pulkova und an anderen Orten gemacht sind, ebenfalls auf eine Veränderung der Polarhöhe[100] hinzudeuten. Sollte es sich wirklich so verhalten, daß sich der Pol z. B. ungefähr eine Sekunde im Laufe eines Jahres bewegen kann, da bedarf es, von geologischem Standpunkt gesehen, keines langen Zeitraums, um die Lage des Pols bedeutende Strecken zu verändern, — im Laufe von 3600 Jahren kann er sich einen ganzen Grad bewegen, und zu den 20–30 Graden nach der Eisperiode bedurfte es nicht mehr als 72000–108000 Jahre.
Wie es sich auch mit diesen Observationen einer Veränderung der Polhöhe verhalten mag, so steht jedenfalls die Thatsache fest, daß die Astronomen eine solche Möglichkeit nicht ableugnen können.
Wir können auch auf ein anderes Verhältniß hinweisen, dessen Ursache wir ebensowenig kennen, über dessen Vorgang wir jedoch keinen Augenblick im Zweifel sind, nämlich auf die Wanderungen des magnetischen Pols. Es muß wohl als wahrscheinlich angesehen werden, daß diese ihren Ursprung irgend welchen Veränderungen in der Erde selbst verdanken, welcher Art diese Veränderungen aber sind, haben wir bisher nicht erforschen können. Dies alles bildet eine große Lücke in unserem Wissen, aber a priori kann man kaum sagen, daß das Eine unwahrscheinlicher ist als das Andere.
Das Schwierige bei dieser Theorie ist indessen außer dem Mangel an genügenden Gründen für die Bewegung der Achse auch der Umstand, daß viele solche Veränderungen stattgefunden haben müssen. Um eine hinreichende Erklärung für die warmen Klimate auf Grönland, Spitzbergen und Nowaja Semlja zu geben, muß der Nordpol fast ganz nach der Beringsstraße oder nach einem noch südlicheren Ort verlegt werden. Hier geräth man jedoch in Zwiespalt mit der tertiären Flora in Alaska und an anderen Orten. Daß er in der Tertiärperiode 20° weiter nach der Küste von Sibirien zu oder ungefähr auf dem 70° Nördl. Br. und dem 120° Oestl. L. gelegen haben soll, meint Professor Nathorst daraus erkennen zu können, das Japans tertiäre Flora auf ein bedeutend kälteres Klima schließen läßt, als wie es ungefähr um dieselbe Zeit z. B. in Grönland geherrscht hat. Was außerdem dafür sprechen könnte, ist der Umstand daß u. a. auch Spitzbergen und Grinnell-Land damals ein kälteres Klima gehabt haben, als die nordgrönländische Westküste. Das Einzige, was nach Professor Nathorsts Ansicht gegen eine solche Lage des Poles in der Tertiärzeit sprechen könnte, sind die letzten auf den neusibirischen Inseln gemachten Funde, die aus tertiären Pflanzenversteinerungen bestehen, die möglicherweise auf ein wärmeres Klima schließen lassen, als es sich in der Nähe des Poles denken läßt. Diese Versteinerungen sind indessen so schlecht erhalten, und die ganze Sache ist so wenig untersucht worden, daß sich augenblicklich mit Sicherheit nicht viel darüber sagen läßt.
Es läßt sich bei einer solchen Lage des Poles auch nicht recht erklären, daß man die Fundstätten für tertiäre Pflanzenversteinerungen an der Lena bei Tsjirimyi-Kaja[101] auf dem 85° Nördl. Br., auf Kamschatka auf dem 68–69° Nördl. Br., auf Sachalin auf dem 67°, auf Spitzbergen zwischen dem 64° und 65° Nördl. Br. etc. haben würde.
Man ersieht hieraus also, daß die tertiäre Flora die Fähigkeit besessen haben muß, sich weit höher nach dem Pol hinauf zu verbreiten, als es die entsprechenden Pflanzen unter unseren jetzigen klimatischen Verhältnissen zu thun vermögen. Daß sich aber die Pflanzen im Laufe der Zeit so entwickelt haben sollten, daß sie jetzt in geringerem Maße als früher ein arktisches Klima und die nördlichen Lichtverhältnisse zu ertragen vermögen, widerstreitet allen biologischen Gesetzen; infolge dieser Gesetze muß man im Gegentheil annehmen, daß sie mehr und mehr die Fähigkeit erlangen sollten, sich über die Erde zu verbreiten. Wir werden hierdurch zu der Annahme gezwungen, daß auf der ganzen Erde eine wärmere Temperatur geherrscht haben muß, und erhalten keine Erklärung dafür.
Es will mir indessen durchaus nicht als bewiesen erscheinen, daß die tertiären Schichten sich an allen Orten der Erde gleichzeitig abgelagert haben. Das häufige Auftreten einzelner Pflanzen und Thierarten hat wahrscheinlich Veranlassung dazu gegeben; weshalb diese aber gleichzeitig an verschiedenen Orten aufgetreten sein sollen, läßt sich schwerlich nachweisen. Wenn man bedenkt, wie lange sich verschiedene Thierarten oder doch jedenfalls Thierfamilien, während verschiedener geologischer Perioden gehalten haben, wie z. B. einzelne Fische (Ceratodus) sich seit der fernen Kohlenzeit bis zur Gegenwart gehalten haben, wenn auch nicht in derselben Art, wie Viele gemeint haben, so doch jedenfalls in derselben Familie, oder die einzelne Brachiopoden (die Familie terebratula) sich von der allerältesten Versteinerungsschicht bis auf den heutigen Tag gehalten haben, — da kann man sehr wohl zu der Annahme gelangen, daß eine ausgeprägte Fauna ihren Charakter einigermaßen während einer langen Periode aufrecht zu erhalten vermag. Daß die Tertiärzeit wirklich sehr lang gewesen ist, und daß es innerhalb derselben große Zeitabschnitte giebt, scheint ja außerdem nachgewiesen zu sein.