Wir sehen hieraus, daß wir, von welcher Seite wir auch die bekannten Thatsachen betrachten mögen, dennoch nicht im stande sind, einen befriedigenden Grund für sie alle zu finden. Wir müssen das der Zukunft anheimstellen und uns vorläufig mit dem Bewußtsein begnügen, daß es einstmals so gewesen ist, und daß wir doch auch jetzt noch ein Inlandseis besitzen, das sich ganz bis an den 60° N. Br. herab erstreckt bis an denselben Breitengrad, unter dem Kristiania liegt und zwar, obgleich unsere Halbkugel gerade augenblicklich sehr ungünstig für eine Gletscherbildung gestellt ist.

Dies Inlandseis ist auch hinreichend groß genug, um mit guter Ausbeute die verschiedenen mit den Eisperioden verbundenen Verhältnisse studiren zu können, und eine Wanderung durch Grönland bietet daher, wie Nordenskjöld sagt, ein ebenso großes Interesse für den Geologen, wie es die Durchwanderung einer wohlerhaltenen Stadt aus der Pfahlbautenzeit für den Alterthumsforscher bieten würde.

III. Die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition.

Das nähere Eingehen auf die wissenschaftliche Ausbeute, welche diese Expedition gebracht hat, würde außerhalb des Rahmens dieses Buches liegen, deswegen werden wir anderweitig darauf zurückkommen. Ich will hier nur einige Beobachtungen anführen, denen ich die größte Bedeutung beilegen zu können glaube.

Durch unsere Expedition ist also endlich unumstößlich nachgewiesen worden, daß sich das Inlandseis, jedenfalls in dem von uns bereisten Theil Grönlands als zusammenhängende Decke über das Land, von einer Küste bis zur andern, erstreckt. Hieraus muß man schließen können, daß dasselbe der Fall mit dem ganzen südlichen Theil von Grönland unterhalb des 75. Breitengrades ist; denn es ist kein Grund vorhanden, etwas anderes anzunehmen, als daß hier durchgehends überall im Innern dieselben atmosphärischen Verhältnisse herrschen, und soweit die Untersuchungen reichen, scheint sich dies auch zu bestätigen. Wir können jetzt also mit großer Sicherheit sagen, daß sich keine schneefreie Oasen innerhalb dieser ganzen ausgedehnten Schneefläche befinden, wenn auch die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen ist, daß auch in dem Innern ganz vereinzelte Felsgipfel über die Schneedecke hervorragen, obwohl bisher in Grönland nichts beobachtet worden ist, was darauf schließen ließe. Die letzten Nunataks, die wir in der Nähe der Ostküste fanden, lagen nicht mehr als 52 km vom Rande des Inlandseises entfernt und können ebensogut als Küstenfelsen betrachtet werden.

Die Raben, welche Nordenskjölds Lappen auf ihrer Schneeschuhfahrt ungefähr 120 Kilometer von den Küstenfelsen entfernt erblicken, und die dieser für einen möglichen Beweis hält, daß sich im Norden Oasen befinden müssen, woher sie gekommen sind, können in der Beziehung kaum einen weiteren Werth haben, wenn man bedenkt, daß wir ungefähr in derselben Entfernung von der Küste auf Schneesperlinge stießen, die wohl kaum von Oasen hergekommen sind und die doch weit weniger umherzustreifen pflegen als Raben.

Wie weit sich das grönländische Inlandseis als zusammenhängende Decke bis nach Norden erstreckt, ist bei unserer jetzigen Kenntniß des Landes nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Nur so viel wissen wir, daß es bis nördlich vom 75. Breitengrad reicht, denn, an der ganzen Westküste entlang nach Norden zu schieben sich mächtige Wandergletscher ins Meer hinaus, von denen wir den Upernivik (auf ca. 73° N. Br.) anführen wollen, der sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 99 Fuß in 24 Stunden bewegt. Diese Wandergletscher erheischen eine mächtige zusammenhängende Eisdecke im dem Innern des Landes, von der sie die großen Eismassen holen, die sie mit sich führen. Es muß ja nämlich jetzt einem Jedem, der die neueren Untersuchungen über die Gletscher verfolgt hat, klar sein, daß die Wandergletscher ihr Material aus den inneren Gletschermassen, dem inneren Schnee- und Eisreservoir beziehen und daß die Ausdehnung dieser Eismassen im wesentlichen ihre Größe und Schnelligkeit bedingt, nicht aber die schräge Lage, wie man es merkwürdigerweise oft behauptet sieht, besonders von Geologen, die nur die kleinen Gletschermassen der Alpen gesehen haben. Es ist im Gegentheil gewöhnlich so, daß die kleineren Wandergletscher stärker nach innen zu ansteigen als die größeren, und wenn man sieht, daß ein Wandergletscher eine sehr große Senkung hat, so kann man mit ziemlicher Sicherheit darauf schließen, daß er verhältnißmäßig unbedeutend ist.

Wir kennen nichts oder nur wenig von dem Rand des Inlandseises von Grönlands Ostküste nördlich vom 66. Breitengrade, wir wissen nur, daß er an vielen Stellen das Meer erreichen muß, weil sich Eisberge bilden. Hieraus wie aus dem, was oben von der Westküste gesagt worden ist, müssen wir schließen, daß das Inlandseis eine zusammenhängende Decke über ganz Grönland südlich von 75° N. Br. bildet.

Daß diese Eisdecke auch nördlich von diesem Breitengrade das Land bedeckt, erscheint annehmbar, wenn wir sehen, daß sich z. B. in dem Smithsund ein so gewaltiger Wandergletscher wie der Humboldtgletscher (zwischen 79° und 80° N. Br.) ergießt. Ueber seine Bewegungen wissen wir indessen nur wenig und da er ziemlich stark nach innen zu anzusteigen scheint, können wir vorläufig kaum annehmen, daß er seine Speisung von so großen Gletschermassen empfängt, wie man das auf den ersten Blick glauben sollte. Da ferner Grinnell-Land, das zum Theil dieselben Bedingungen für ein zusammenhängendes Inlandseis zu haben scheint, wie der gegenüberliegende Theil von Grönland, aber nicht ganz mit Eis bedeckt ist, so können wir jetzt nicht mit Sicherheit behaupten, daß der nördlichste Theil von Grönland ganz von dem Inlandseis bedeckt ist, — möglicherweise sind die Niederschläge zu gering dazu.

Von der regelmäßigen Weise, in der sich die Oberfläche des Inlandseises von der einen Küste bis zur andern wölbt, wird man sich hoffentlich leicht ein Bild machen können, wenn man die Karte mit dem Querschnitt des Landes betrachtet. Sie ist von Prof. Mohn nach den zahlreichen verschiedenartigsten Observationen gezeichnet worden, welche gemacht sind, sowie was die kleineren Variationen betrifft, nach meinen Tagebuchaufzeichnungen. Die Höhe ist der Anschaulichkeit halber im Verhältniß zu der Länge im Querschnitt zwanzigmal vergrößert. Der höchste Punkt, den wir erreichten, sollte unseren Beobachtungen zufolge ungefähr 2718 m über dem Meeresspiegel liegen. Nördlich von unserer Route wurde die Schneefläche indessen scheinbar höher, so daß man dort vermuthlich bedeutendere Höhen finden kann.