Die Skala unserer Schwungthermometer reichte nur bis auf −30°, da Niemand um diese Zeit des Jahres eine so niedere Temperatur in dem Innern Grönlands erwartet hatte. Aber nach dem 3. September sank die Quecksilbersäule, sobald die Sonne am Abend verschwunden war, schnell tief unter die Skala. Wie tief die Temperatur sank, kann ich leider nicht mit Bestimmtheit angeben. Als ich am 11. September schlafen ging, versuchte ich, den Minimumthermometer unter mein Kopfkissen zu legen, als ich aber am Morgen danach sehen wollte, war die Quecksilbersäule weit unter die Skala gesunken, die bis −37° reichte. Wahrscheinlich war die Temperatur bis unter −40° gefallen, und das war in unserm Zelt, wo wir sechs Mann schliefen, und wo unser Essen auf einer Spirituslampe gekocht wurde.

Das Merkwürdige bei der Temperatur dort oben war der große Unterschied von mehr als 20° zwischen Tag und Nacht; einen so starken Wechsel findet man nicht an vielen Stellen auf der Welt. Am nächsten kommen die Beobachtungen, die man in der Wüste Sahara angestellt hat, wo es am Tage erstickend heiß sein kann, während des Nachts das Wasser gefriert.

Auffallend ist es, daß man nicht früher ein ähnliches bemerkenswertes Sinken der Temperatur während der Nacht auf dem Inlandseise Grönlands beobachtet hat. Der Grund ist wohl hauptsächlich darin zu suchen, daß ungefähr alle früheren Expeditionen, die ein Stück in das Innere hineingedrungen sind, zu einer Jahreszeit und auf einem Breitegrad stattgefunden haben, wo die Sonne des Nachts nicht unterging.[39] Auch ist von früheren Reisenden kein detaillirtes meteorologisches Tagebuch geführt worden.

Nach der Art und Weise, wie die Temperatur gegen Abend fiel, hat Professor Mohn ausgerechnet, daß wir in den kältesten Nächten ungefähr −45° C. gehabt haben müssen. Während dieser Zeit stieg die Temperatur der Luft gleich nach Mittag auf −20 bis −15°. Das war also Mitte September. Dies ist ohne Zweifel die niedrigste Temperatur, die um eine entsprechende Jahreszeit auf der Oberfläche unserer Erde beobachtet worden ist. Was für eine Temperatur man in diesen Gegenden mitten im Winter finden würde, entzieht sich jeglicher Berechnung.

Fragt man dagegen, welche Temperatur in Grönlands Innern um die wärmste Zeit des Sommers herrscht, und ob dann irgend welches Schmelzen des Schnees stattfinden kann, so haben wir dafür möglicherweise einen Anhaltspunkt, nämlich, indem wir den Bau des Schnees ein wenig in der Tiefe untersuchen und sehen, ob der alte Schnee dem Schmelzen ausgesetzt war. Dies thaten wir auch, soweit die Zeit es gestattete.

Bis zu der Höhe, die wir am 30. August erreichten (1980 m), fanden wir den alten Schnee völlig hartgefroren und zum Theil in eine Art körniges Eis verwandelt, oder wenn man will, in einen eisig zusammengefrorenen Kornschnee. Dieser Schnee war offenbar starkem Thauwetter ausgesetzt gewesen, auf das Frost gefolgt war. Oben auf diesem Schnee lagen in der Regel 5–10 oder sogar 12 Zoll loser, trockener, frischgefallener Schnee nach den Sommermonaten.

Rast mit Erfrischungen. (Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Am Abend des 31. August entdeckten wir zu unserem Staunen, als wir die Schneeschuhstäbe einrammen wollten, um das Zelt aufzuschlagen, daß sich freilich über dem alten Schnee, der unter dem frischgefallenen lag, eine feste Kruste befand; durchbrachen wir aber diese Kruste, so konnten wir die Stäbe bis in das Unendliche einbohren. Dies war ein deutlicher Beweis, daß wir uns schon damals auf der Höhe (2270 m) befanden, wo die Sonne nur mitten im Sommer eine dünne Schneeschicht weich oder feucht machen kann, und diese Schneeschicht gefriert dann des Nachts wieder, wenn die Sonne niedrig steht. Das Schmelzen des Schnees kann folglich die Schneemenge in dieser Höhe nicht im geringsten vermindern, denn das verschwindend kleine Quantum Schmelzwasser, das sich bildet, kann nirgends fortkommen, sondern wird vom Nachtfrost festgehalten.

Ein ähnliches Verhältniß fanden wir überall im Innern des Inlandseises, das Schmelzen des Schnees war kaum nennenswerth. Uebrigens war der schichtenweise Bau des alten Schnees ganz eigenthümlich. Am 3. September bemerke ich hierüber, daß ich an jenem Tage wiederholt den Versuch gemacht habe, den Stab durch den Schnee zu stecken, und daß ich da in der Regel ganz oben eine dreizöllige Schicht losen, frischgefallenen Schnees fand, dann folgte eine Eiskruste, die ungefähr ½ Zoll dick war, dann 7 Zoll loser Schnee und darauf wieder eine härtere Eisschicht, die sich nur mit Mühe durchbohren ließ, darauf ließ sich der Stab 1–2 Fuß tief durch härter und härter werdenden Schnee bohren, bis er ungefähr eine Elle von der Oberfläche nicht weiterzubringen war. An einer anderen Stelle, wo ich in der Frühe desselben Tages einen gleichen Versuch machte, lagen ganz oben mehrere Schichten in ungefähr demselben Verhältniß; der Stab ließ sich hier jedoch zwei Fuß durch härteren und härteren Schnee bohren, bis ihn eine ganz feste Schicht am Vordringen hemmte.