Ueberall landeinwärts fanden wir eine ähnliche Schichtenbildung im Schnee. In der Regel konnten wir den Stock ungefähr so weit wir wollten, einrammen. Alles deutete darauf hin, daß sich das Schmelzen des Schnees in Grönlands Innern darauf beschränkte, daß die Sonne während der wärmsten Zeit des Jahres die oberste Schneeschicht ein wenig feucht macht und diese in der Nacht wieder friert.
[37] Dieser Fall trat doch am 30. August ein. Wir bekamen eine dünne Kruste über dem Schnee, von der ich in meinem Tagebuch berichte, daß sie zweifelsohne durch die starke Einwirkung der Sonne gegen Mittag und den dann folgenden Frost gebildet sei. Diese Kruste war zwar nicht dick genug, um die Schlitten zu tragen, aber sie trug doch dazu bei, daß sie leichter glitten. Leider währte dies nur einen Tag.
[38] Astronomische Nachrichten, Bd. 7, Seite 327.
[39] Vergl. Seite 400–401 von Dalagers Expedition.
Kapitel XIX.
Die Wanderung über das Inlandseis. Ein Sturm im Innern. Häusliches Leben.
s war nicht immer angenehm, sich beständig in einer solchen Kälte zu bewegen, wie sie hier herrschte. Oft bildete sich so viel Eis im Gesicht, daß der Bart mit den Hüllen, die wir um den Kopf trugen, vollständig zu einem Stück Eis zusammenfror, und es oft recht schwierig war, den Mund zu öffnen, wenn man sprechen wollte. Unter solchen Umständen ist es am besten, den Bart abzunehmen, dazu hatten wir aber weder Zeit noch Lust in dieser Umgebung.
Wenn der Wind in dieser Höhe wehte, wurde die Situation noch weniger angenehm. In meinem Tagebuch finde ich folgende Notizen über den Wind:
„Am Vormittag des 4. September hatten wir herrlich stilles Wetter, in der Nacht war ganz loser, leichter Schnee gefallen. Die Sonne schien auf die unendliche, einförmige Schneefläche herab, die sich mit kaum merklicher Steigung vor uns ausbreitete wie ein einziger weißer, diamantenbesäeter Teppich, fein und weich wie Daunen, in schwachen, fast unsichtbaren Wellen. Aber am Nachmittage veränderte sich die Landschaft bedeutend; von Nordwest (rechtweisend) blies ein schneidender Wind, er peitschte den frischgefallenen Schnee vor sich her und verwandelte das Ganze in eine einzige Schneewolke. Der Himmel bezog sich und es wurde kälter und kälter. Das Thermometer sank auf -19°. Der Wind nahm beständig an Stärke zu und ging bald in Sturm über, es war schwer, dem entgegenzuarbeiten, und man mußte vorsichtig sein, um nicht zu erfrieren. Zuerst fror die Nase ab, das bemerkte ich jedoch früh genug, um sie durch Reiben mit Schnee zu retten. Jetzt glaubte ich außer Gefahr zu sein, da hatte ich ein merkwürdig kaltes Gefühl unter dem Kinn und bemerkte nun, daß die Halsparthie um den Kehlkopf herum steifgefroren und gefühllos war. Durch Reiben mit Schnee, und indem ich einige wollene Fausthandschuhe und andere Bekleidungsgegenstände um den Hals packte, half ich mir auch darüber hinweg. Aber nun kam das Schlimmste von allem. Der Wind drang durch die Kleider in die Magengegend, und ich empfand die heftigsten Schmerzen; ich legte einen Filzhut dorthin und rettete so auch diesen Theil meines Körpers. Mit Sverdrup sah es eine Weile beinahe ebenso schlimm aus; wie es den Andern, die hinter mir herkamen, erging, weiß ich nicht, ich vermuthe jedoch, daß es auch mit ihnen nicht viel besser aussah. Es war an jenem Abend noch angenehmer als gewöhnlich, ins Zelt zu kommen und unseren warmen Brei zu verzehren.
„Am nächsten Vormittag hatte der Wind sich gelegt, aber gegen Nachmittag brach abermals ein Sturm mit Schneegestöber aus Südwesten los. Es währte die ganze Nacht und nahm eine mehr und mehr südliche Richtung. Ich freute mich schon in dem Gedanken an einen guten Segelwind, als wir aber am nächsten Morgen (6. September) aufbrechen wollten, hatte der Wind sich dermaßen gelegt, daß ich es nicht der Mühe werth hielt, Segel aufzusetzen. Späterhin am Vormittage hob der Wind sich jedoch wieder, und um Mittag wehte es direkt aus Süden (rechtweisend). Ich hielt es deswegen für gerathen, die Segel zu hissen, da ich aber auf so einstimmigen Widerspruch bei den Gefährten stieß, die keine Lust hatten, in diesem Schneetreiben die Segel zu hissen und das mühsame Aneinanderfügen der Schlitten vorzunehmen, so unterließ ich es thörichterweise. Wir sollten es später bitter bereuen, denn je weiter wir kamen, desto mehr wehte der Wind von hinten, desto stärker wurde er. Er ging bald in einen vollständigen Schneesturm über, der nach Ost-Süd-Ost oder Osten umsprang, wir hatten ihn deshalb ganz direkt im Rücken, und er trieb sowohl uns als auch die Schlitten vorwärts. Da nun das Terrain auch merklich abfiel, ging es mit guter Fahrt westwärts. Das Schneegestöber nahm in dem Grade zu, daß Sverdrup und ich die Anderen in einer Entfernung von 20 Schritten nicht zu sehen vermochten, deswegen mußten wir häufig warten, um sie nicht zu verlieren. Als wir gegen acht Uhr des Abends Halt machten, war es keine Kleinigkeit, das Zelt in dem furchtbaren Sturm aufzuschlagen, und wehe dem Unglücklichen, der am Tage leicht gekleidet gewesen war, und der nun die Jacke auszog, um etwas mehr Unterzeug anzulegen! Der Sturm wehte den Schneestaub bis direkt auf die Haut durch alle Poren der wollenen Unterjacke und des Hemdes, es war, als stehe man ganz nackend da. Ich selber war nahe daran, mir bei dem Geschäft die linke Hand abfrieren zu lassen, und nur mit größter Beschwerde konnte ich mein Zeug wieder zuknöpfen. Aber auch diesmal gelang es uns, das Zelt aufzuschlagen; aus dem Kochen wurde an jenem Abend freilich nichts, es drang zu viel Schnee durch alle Oeffnungen hindurch; wir begnügten uns mit ein Paar Biskuits, ein wenig Leberpastete und Pemikan und freuten uns, in unsere Schlafsäcke kriechen und den Deckel über den Köpfen zuziehen zu können. Wir verzehrten dort unser Abendbrot und schliefen bald ein, dem Sturm die Herrschaft draußen überlassend. An jenem Tage waren wir ein gutes Stück weitergekommen, meiner Schätzung nach ungefähr 4 Meilen (es waren jedoch kaum mehr als 2½ Meilen).