„Der Sturm raste die ganze Nacht hindurch und sprang nach Osten um (rechtweisend). Gerade als ich am nächsten Morgen (7. September) erwachte, hörte ich, daß etwas sprang; es war eine der Pardunen an der östlichen Wand des Zeltes, auf die der Wind mit einer Gewalt stand, daß ich jeden Augenblick erwarten mußte, die Zeltwand auseinander platzen zu sehen.

„Mit Hülfe einiger aufeinander gestapelter Packsäcke halfen wir dem Schaden so gut wie möglich ab, ich fürchtete freilich noch immer, daß die Wand springen könne, und überlegte, was zu machen sei, wenn das Schneetreiben direkt zu uns ins Zelt hinein stände. Uns blieb in dem Falle wohl nichts anderes übrig, als uns gut in die Säcke zu verkriechen und uns einschneien zu lassen.

„Wir hofften, daß der Wind sich legen würde; inzwischen setzte ich Wasser auf und kochte Thee und Brei, was unseren hungrigen Magen sehr wohl that. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und ich glaubte, daß wir weiter ziehen könnten. Wir machten uns fertig, bereit, dem Unwetter zu trotzen, und gingen hinaus, um die Segel zu hissen; heute wollten wir nach Herzenslust segeln. Balto war zuerst reisefertig und kroch aus der Zeltthür heraus, was keine leichte Arbeit war, da sich während der Nacht eine Schneeschanze davor aufgethürmt hatte. Es währte nicht lange, so kam er wieder hereingesprungen, Gesicht und Kleider ganz voller Schnee, völlig außer Athem, — der Wind und das Schneegestöber hatten ihm so arg mitgespielt. Das erste, was er sagte, sobald er sich ein wenig verpustet hatte, waren die Worte: „Heute wird es nichts mit der Reise.“ Ich steckte den Kopf zur Thür hinaus und sah die Richtigkeit seiner Worte nur zu gut ein. Wir mußten bleiben, wo wir waren, aber das Zelt mußte gestützt und Speisen aus den Schlitten ins Zelt hineingeholt werden, ehe wir ganz einschneiten. Balto und Kristiansen sollten diese Arbeiten übernehmen. Sie packten sich extra ein und banden alle Kleidungsstücke, wo es sich nur machen ließ, fest zusammen, damit der Schnee nicht durchdringen sollte. Balto war zuerst damit fertig, und ich sah ihm durch die Zeltöffnung nach, aber er hatte nur wenige Schritte gemacht, als das Schneetreiben ihn meinen Blicken entzog. Die Schlitten waren fast ganz verschwunden, er mußte eine ganze Zeit darnach suchen, bis er sie fand, und es war keine Kleinigkeit, bis zu den Speisen durchzudringen, deren wir bedurften. Als Kristiansen aus dem Zelt heraus wollte, um an der Windseite mehrere Sturmpardunen zu befestigen, erfaßte ihn der Wind derartig, daß er auf allen Vieren kriechen mußte. Trotz aller Hindernisse kam doch allmählich alles einigermaßen in Ordnung. Mit Hülfe von Schneeschuhen wurde die Zeltwand auf der Innenseite die Kreuz und die Quer gestützt, und unter der Dachfirststange wurden die Skierstäbe zur Verstärkung angebracht. Wir konnten jetzt einigermaßen sicher sein, daß es halten würde. Alsdann wurden alle Oeffnungen und Spalten, so gut es ging, mit Reservekleidern und dergleichen zugestopft, — ganz dicht bekamen wir das Zelt jedoch niemals, nach und nach sammelten sich große Schneehaufen bei uns an, und der Raum, der an und für sich klein genug war, wurde immer beengter, theils infolge des eindringenden Schnees, theils auch durch die Schneemassen, die das Zelt von außen beschwerten. Wir hatten es aber trotzdem ganz warm und gut. Der Schnee, der sich an der Außenseite anhäufte und das Zelt allmählich begrub, wärmte sehr und schützte gegen den Wind. Gleich nach Mittag ließ der Wind plötzlich nach, es war, als habe man ihn mit einem Schlage abgeschnitten, — nun trat eine völlige Windstille ein.

„Es war ein ungemüthliches Schweigen, wußten wir doch Alle, daß der Sturm im nächsten Augenblick von der entgegengesetzten Seite mit erneuter Kraft losbrechen würde. Wir hatten ein Gefühl, wie man es an Bord eines Schiffes hat, wenn inmitten eines Orkans plötzlich die wohlbekannte Todtenstille eintritt. Wir lauschten mit gespannter Erwartung; eine Weile blieb alles ruhig. Einige von uns meinten, daß es doch möglicherweise vorbei sei. Aber nun kam ein schwacher Windstoß aus Nordwest (rechtweisend) gerade auf die Zeltwand los, in der sich die Thür befand, dann fuhr ein Windstoß nach dem andern mit immer zunehmender Gewalt über uns hin, und ein förmlicher Orkan, weit schlimmer als alles, was wir bisher erlebt hatten, brach los, gerade auf die Zeltthür stehend und die ganze Luft drinnen bei uns mit Schnee füllend, der durch alle Spalten und Oeffnungen eindrang. Balto, der den Augenblick benutzen sollte, war gerade draußen, um den Kochapparat mit Schnee zu füllen, und nur mit genauer Noth fand er sich zu uns zurück.

„Jetzt war guter Rath theuer. Die Wand, in der sich die Thür befand, war die schwächste von allen, und deshalb sorgten wir stets angelegentlich dafür, sie vom Winde abzuwenden. Mit Hülfe von Schneeschuhen, Skistäben, Indianertrugern und Wollzeug wurde die Wand einigermaßen stark und die Thüröffnung so ziemlich dicht gemacht, daß es auszuhalten war. Aber wir saßen nun doch faktisch da wie Mäuse in einer Falle. Alle Oeffnungen waren geschlossen, hinaus konnten wir nicht kommen, so gern wir es auch gewollt hätten.

„Wir machten uns das Leben nun so angenehm wie möglich, kochten Kaffee, was, wie oben erwähnt wurde, für den täglichen Gebrauch abgeschafft war, und krochen in unsere Schlafsäcke. Die Raucher erhielten zum Trost für das Unwetter eine Pfeife Tabak.

„Nur Ravna war trotz des Kaffees die ganze Zeit untröstlich. Ich suchte ihn zu trösten, er aber erwiderte: „Ich alter Berglappe weiß sehr wohl, daß ein Schneesturm, der im September kommt, sehr lange anhält,“ und dabei blieb er trotz aller Vorstellungen.

Als wir am nächsten Morgen (den 8. Septbr.) erwachten, hatte der Wind sich soweit gelegt, daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Es war aber keine leichte Sache, hinauszukommen, wir mußten uns aus dem Schnee herausgraben, denn das Zelt war dermaßen eingeschneit, daß nur der First herausguckte. Die Schlitten konnten wir anfänglich gar nicht entdecken, und es kostete große Anstrengungen, bis wir sie ausgegraben hatten und soweit in Ordnung waren, daß wir weiterziehen konnten. Das Terrain war schwieriger denn je.“

Diese Gefangenschaft im Zelt beschreibt Balto folgendermaßen:

„Eines Tages bekamen wir ein ganz schreckliches Wetter mit Schneetreiben und Sturm. Trotzdem zogen wir bis zum Abend weiter. Im Anfang blies der Sturm aus dem Norden (soll Süden heißen), nachher wurde es aber Ostwind. Am Morgen, als wir Kaffee gekocht hatten, wollte ein Mann hinaus, um etwas zu holen, als er jedoch die Zeltthür öffnete, fuhr er wieder zurück, das Wetter draußen war so schrecklich, daß es eine Unmöglichkeit war, hinaus zu kommen. Ich nahm ein Tuch über den Kopf, so daß ich nur ein wenig mit den Augen hindurchgucken konnte, und wagte mich hinaus. Ich entfernte mich einige Schritte von dem Zelt, um nach den Schlitten zu sehen, aber ich konnte nicht einen einzigen Schlitten entdecken; sie waren alle vom Schneesturm begraben. Auch das Zelt konnte ich nicht mehr sehen, weswegen ich anfing, laut zu rufen, und erst als sie mir vom Zelte her antworteten, konnte ich den Weg zurückfinden. Auch das Zelt war vollständig im Schnee begraben. Am nächsten Tage hatten wir gutes Wetter und gingen nun mit aller Macht daran, unsere Sachen wieder aus dem Schnee herauszugraben.“