Das tägliche Leben ging in dieser Zeit seinen regelmäßigen Gang und zeichnete sich nur durch seinen Mangel an bemerkenswerthen Ereignissen aus.

Das Unangenehmste am ganzen Tage war, des Morgens eine Stunde vor den Anderen aufstehen zu müssen, um Koch zu sein. Wenn man erwachte, fand man den Kopf drinnen im Schlafsack gewöhnlich vollständig von Eis und Reif umgeben; es war der Athem, der gefroren war und sich in den Haaren und auf der Haut festgesetzt hatte. Wenn man dann den Schlaf aus den Augen gerieben und sich im Sack aufgerichtet hatte, saß man in einem Raum, dessen Temperatur ungefähr −40° betrug, und wo an allen Wänden, mit Ausnahme derjenigen, auf die der Wind stand, zolllange Reiffrangen hingen. Stieß man ungeschickterweise an eine der Wände, so bekam man ein wenig angenehmes Morgenbad aus Reif. Dann sollte der Kochapparat angezündet werden; allein das Berühren des Metalls war höchst unangenehm bei der herrschenden Temperatur, und nicht besser war es, die Lampe zu füllen und die Dochte in Ordnung zu bringen; denn wenn sie gut brennen sollten, mußte man sie mit Spiritus anfeuchten, den man dabei auf die Finger bekam, und das konnte bei der starken Kälte große Schmerzen verursachen. Um die Dochte trocken zu halten und diesen Uebelstand dadurch, soweit es ging, zu vermeiden, pflegte ich sie in der Hosentasche mit mir herumzutragen.

Breitenmessungen und Mahlzeit auf dem Inlandseise. (Von E. Nielsen nach einer Photographie.)


GRÖSSERES BILD

Nachdem man dann angeheizt und das Kochgeschirr aufgesetzt hatte, mußten die Flammen genau beobachtet werden, denn wenn sie zu stark brannten, so daß der Spiritusbehälter warm wurde, konnte leicht eine Explosion stattfinden. War diese Gefahr im Anzuge, so wurde der Behälter mit Schnee abgekühlt. Zu niedrig durften die Flammen jedoch auch nicht brennen, denn dann dauerte es zu lange, bis man fertig war. Wenn endlich der Thee oder die Schokolade kochte, wurden Alle zum Frühstück geweckt, das wir im Schlafsack zu verzehren pflegten. Wenn das Frühstück verzehrt war, galt es, sich so schnell wie möglich zum Aufbruch bereit zu machen; die Schlittenschienen wurden an der Unterseite sorgfältig abgekratzt, die Bagage verstaut und gehörig festgeschnürt und das Zelt abgebrochen. Zuweilen stellten wir auch am Morgen einige Observationen mit dem Kochbarometer an, ehe wir unser Lager aufhoben.

Wenn dies alles besorgt war, zogen wir von dannen, aber schon nach Verlauf von wenigen Stunden wurde Halt gemacht, um eine Tafel Fleischpulverschokolade einzunehmen, dann ging es einige Stunden rastlos weiter bis zur Mittagsmahlzeit, die wir auf den Schlitten sitzend und so schnell wie möglich verzehrten. Nach einigen Stunden gab es abermals eine Tafel Fleischpulverschokolade pro Mann. Wiederum nach Verlauf von zwei Stunden wurde das Vesperbrod, das sog. „Nonsmad“ eingenommen. Dann zogen wir weiter bis zum Abend und machten inzwischen nur eine kleine Rast, um eine Tafel Schokolade zu genießen.

Bei der strengen Kälte war es oft keine Kleinigkeit, am Tage die astronomischen Beobachtungen zu machen. Es war sehr schwierig, die feinen Instrumente mit den dicken Fausthandschuhen zu hantiren; wenn die Observationen recht genau gemacht werden sollten, mußte dies mit bloßen Händen geschehen, da mußte man aber natürlich sorgfältig acht geben, daß die Finger nicht am Metall hängen blieben. Trotz alledem wurden unsere Beobachtungen mit dem Sextant wie mit dem Theodolith so genau gemacht, wie dies mit so kleinen Instrumenten nur möglich ist. Einen Sextant und einen künstlichen Horizont im Schneegestöber zu handhaben, war fast eine Unmöglichkeit, denn der Schnee lagerte sich derartig auf dem Dach des Horizonts, daß man seine Observationen, wenn überhaupt etwas daraus werden sollte, sehr schnell machen mußte. Wenn es zu schlimm war, mußte man seine Zuflucht zum Theodolith nehmen, die Benutzung desselben war jedoch mit nicht weniger Beschwerden verbunden; die Observationen wurden freilich eben so genau.

Wenn wir unsere Abendrast machten, gingen fast alle Mann sofort daran, den Zeltplatz zu fegen, das Zelt zu errichten, es zu stützen und die Wände auf der Windseite mit Persennings zu versichern. Ravnas Arbeit am Abend — und ich glaube, es war die einzige Arbeit, die er außer dem Ziehen seines Schlittens auf der ganzen Wanderung zu verrichten hatte — bestand darin, die Kochgefäße mit Schnee zu füllen. Als alter Berglappe, der sich den ganzen Winter hindurch des Schnees statt des Wassers zum Kochen bedient, hatte er natürlich einen guten Blick dafür, welcher Schnee am besten schmolz. Sobald wir Halt machten, nahm er stillschweigend den Kochapparat, grub sich ein Loch in den Schnee bis zu dem alten Schnee hinab, der bekanntlich beim Schmelzen weit mehr Wasser ergiebt als der frischgefallene. Sobald Ravna damit fertig war, trug er den Kochapparat nach dem Zelt, und wenn dies schon aufgeschlagen war, so setzte er sich mit gekreuzten Beinen hin, um sich nicht wieder zu erheben, bis die Abendmahlzeit vertheilt wurde. Erst nachdem ich ihn viele Abende hintereinander dazu aufgefordert hatte, verrichtete er diese seine einzige Arbeit, ohne dazu ermahnt zu werden, damit hielt er dann aber seine Mission auf dieser Welt für mehr als erfüllt.