Der Abend im Zelt. (Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)
Die Abendstunden im Zelt, wenn alle Mann auf ihren Kleidersäcken Platz genommen hatten, nachdem sie sich sorgfältig von Schnee gereinigt, um ihn nicht mit in das Zelt zu bringen, waren ohne Frage die Glanzpunkte unseres Lebens in dieser Zeit. Der Tag mochte noch so hart, die Arbeit noch so ermüdend und das Wetter noch so kalt gewesen sein, so war doch, sobald wir um unsern Kochapparat herumsaßen, zu den schwachen Lichtstreifen hinabstarrten, welche die Spiritusflammen durch die Löcher im Lampenraum warfen, und auf unser Abendessen warteten,
„— — alles vergessen, das Schlimme vorüber,
Uns war das Zelt ein Marmorschloß — —“.
Und wenn dann die Suppe, der Brei, oder was es nun sein mochte, gekocht war und wir die Rationen vertheilt hatten und der kleine Stummel Licht, den wir besaßen, angezündet wurde, damit wir beim Essen sehen konnten, ja dann hatte unser Glück seinen Höhepunkt erreicht.
Nach beendeter Abendmahlzeit wurden allerlei Vorbereitungen für den kommenden Morgen getroffen, wir füllten die Kochgefäße mit Schnee, damit sie am Morgen nur übers Feuer gesetzt zu werden brauchten, zerkrümelten die Schokolade, um sie gleich ins Wasser schütten zu können etc. Wenn dies gethan war, krochen wir in unsere Säcke, schlossen sie so gut wie möglich und schliefen so fest, wie es nur in dem besten europäischen Bette möglich ist.
Die Mahlzeiten waren für uns natürlich der Mittelpunkt des Daseins. Wenn wir uns irgend etwas Schönes wünschten oder dachten, so war es stets reichliches Essen in der einen oder der anderen Form; besonders um das Fett drehten sich unsere Gedanken; wie bereits mitgetheilt, hatten wir zu wenig davon mitgenommen, und dieses Entbehren brachte uns schließlich so weit, daß wir an einem förmlichen Heißhunger auf Fett litten.
Ich wog jede Woche ¼ kg Butter pro Mann ab, und so lange diese Ration währte, war es eine wahre Wonne für uns, in großen Klumpen davon zu essen, ohne etwas anderes dazu zu genießen. Für Einzelne von uns war dieser Genuß stets nur von kurzer Dauer; Kristiansen war der Schlimmste in dieser Beziehung. Er verzehrte die ganze Ration am ersten Tage, was sehr wenig haushälterisch war. Der Fetthunger ging sogar so weit, daß Sverdrup mich eines Tages fragte, ob ich glaube, daß es ihm schaden könne, wenn er die Stiefelschmiere austränke, die aus altem gekochten Leinöl bestand.
In der Regel wurden selbstverständlich die Rationen für jeden Mann sorgfältig abgewogen. Diese Rationen mußten meiner Berechnung nach durchaus genügend sein — sie beliefen sich auf ungefähr 1 Kilogramm Speisen pro Mann. Als wir uns der Westküste näherten, stellte ich es den Gefährten indessen frei, so viel von dem gedörrten Fleisch zu essen, wie sie wollten, da wir einen Ueberfluß davon hatten. Merkwürdigerweise aber hatte trotzdem Niemand von uns das Gefühl, je satt zu werden. Balto wurde nach seiner Rückkehr gefragt, ob er jemals satt geworden sei. „Nein, ich war kein einziges Mal satt,“ erwiderte er. „Erinnerst du dich noch, Sverdrup,“ wandte er sich an diesen, der neben ihm stand, „wie wir die Festmahlzeit auf dem Inlandseis hielten und doppelte Rationen vertheilt wurden, und wie ich da nach dem Essen zu dir sagte: „Bist du satt, Sverdrup?“ und du mir antwortetest: „Ich bin hungrig wie ein Wolf!“