Gerade als wir am Nachmittag im vollen Segeln sind, erklingt plötzlich von den Schlitten hinter uns ein Jubelschrei; es ist Baltos Stimme, welche uns zuruft: „Land in Sicht!“
Durch das Schneegestöber hindurch, das gerade ein wenig schwächer geworden ist, schimmert über der Schneefläche im Westen ein länglicher dunkler Berggipfel, und südlich davon ein kleinerer. Wir stimmten Alle in den Jubel ein, das Ziel, für das wir so lange gekämpft hatten, lag endlich sichtbar vor unsern Augen.
Dies Ereigniß schildert Balto auf folgende Weise:
„Am Abend, als wir mit unsern Schlitten segelten, erblickte ich weit im Westen einen dunklen Punkt. Ich starrte und starrte, bis ich sah, daß es wirklich nackter Erdboden war; da rief ich Dietrichson zu: „Ich sehe nackten Boden!“ Dietrichson schrie sofort den Andern zu, daß Balto im Westen nackten Erdboden sehen könne. Hurrah! Hurrah! — Und nun sind wir froh, daß wir diesen Anblick endlich haben, denn wir hatten uns schon so lange danach gesehnt, und wir bekamen neuen Muth und neue Hoffnung, glücklich und ohne Schaden über dies Eisgebirge hinüberzukommen, denn es ist das größte auf der ganzen Welt. Wenn wir noch mehrere Tage im Eise hätten zubringen sollen, fürchte ich, daß es Einigen von uns schlimm ergangen wäre. — Sobald Nansen dies hörte, machte er Halt und theilte Jedem von uns zwei Stücke Fleischschokolade aus. Es war so Gebrauch bei uns, jedesmal, wenn wir an einen Punkt gekommen waren, nach dem wir uns lange gesehnt hatten, von dem Besten zu essen, was wir besaßen. So z. B., als wir von dem Meereis auf das Land gelangten, als wir nach Umivik kamen, als wir den höchsten Punkt von Grönland erreichten, als wir die Westküste erblickten, und zum Schluß, als wir schneefreies Land an der Westküste betraten, — dies Gute bestand hauptsächlich aus Eingemachtem, aus amerikanischen Hafercakes und aus Butter.“
Das Land, das wir zuerst erblickten, lag freilich nördlich von der Richtung, die wir bisher eingeschlagen hatten, aber ich lenkte den Kurs doch dahin, um so mehr, als das Eis in dieser Richtung scheinbar am niedrigsten war. Bald verhüllte das Schneegestöber das Land abermals, und den zunehmenden Wind direkt im Rücken, segelten wir den ganzen Nachmittag weiter, ohne wieder eine Spur vom Lande zu erblicken. Eine Abschrägung nach der andern wurde zurückgelegt, und es ging „Gloria“, wie wir uns ausdrückten, wenn etwas ungewöhnlich gut ging, was freilich nur selten der Fall war.
Am Nachmittag war das Terrain eine Weile ziemlich flach, und der Wind flaute ab, gegen Abend aber hob er sich wieder, und die Senkung wurde wieder stärker. Mit immer wilderer Fahrt sausten wir dahin, während das Schneegestöber zunahm. Es begann schon zu dunkeln, als ich plötzlich durch das Schneegestöber und die Finsterniß hindurch vor mir auf dem Schnee etwas Dunkles erblickte. Ich hielt es für eine gewöhnliche Unebenheit im Schnee, achtete nicht darauf und segelte ruhig weiter. Wenige Schritte davon entfernt, entdeckte ich jedoch meinen Irrthum, schnell wie ein Gedanke drehte ich das Steuer, so daß die Schlitten gegen den Wind wendeten. Es war auch die höchste Zeit, denn wir befanden uns hart an einer breiten Spalte — eine Sekunde weiter, und wir wären verschwunden, um nie wieder das Licht des Tages zu erblicken. Aus Leibeskräften schrien wir den Andern, die hinter uns herkamen, zu, daß sie anhalten sollten. Balto berichtet hierüber:
„Am Abend, als wir im besten Segeln waren, die Uhr mochte wohl halb acht sein, und es war schon ziemlich dunkel, sahen wir, daß Nansen, der voraussegelte, uns gewaltig zuwinkte und laut rief: „Segelt nicht weiter, es ist hier gefährlich!“ Wir waren in voller Fahrt begriffen und hatten alle Mühe, unsere Schlitten zum Stehen zu bringen. Wir legten uns schräg vor den Wind und warfen uns selber auf die Seite. Im selben Augenblick entdeckten wir gerade vor uns eine entsetzliche Eisspalte, die mehrere hundert Meter tief war.“
Ueber diese Segelfahrt berichte ich ferner in meinem Tagebuch: „Dies war die erste Spalte, aber es war nicht wahrscheinlich, daß es die letzte war, deshalb mußten wir darauf gefaßt sein, mehrere zu treffen. Die Gefährten äußerten ihre Bedenken, die Segelfahrt an jenem Abend fortzusetzen, aber ich fand, daß es zu früh war, um uns zur Ruhe zu begeben, wir mußten den Wind ausnutzen. Ich verließ deshalb meinen Schlitten und lief voraus, um das Eis zu untersuchen, während Sverdrup das Steuer übernahm und wir die Segel an beiden Schlitten, die mir in einiger Entfernung folgten, verkleinerten. Der Wind wehte so stark, daß er mir tüchtig half, ich konnte ganze Strecken lang auf meinen Schneeschuhen stehen, ohne die Beine zu bewegen, und es ging auf diese Weise schnell vorwärts. Sobald mir das Terrain verdächtig erschien, ging ich vorsichtig zu Werk und fühlte stets mit dem Skistab nach, ob sich nicht hohler Grund unter dem frischgefallenen Schnee befand. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel wäre es doch beinahe geschehen, daß Sverdrup und Kristiansen mit Schlitten und Bagage verschwunden wären. Dicht hinter ihnen stürzte der Boden ein, als sie gerade über eine Spalte hinübergekommen waren. Indessen nahm der Wind noch immer zu, und die Segel mußten mehrmals verkleinert werden, damit die Schlitten mir nicht zu unmittelbar folgten. Als der Hunger sich endlich allzu fühlbar machte, vertheilten wir zwei Fleischbiskuits pro Mann, ohne jedoch deswegen Halt zu machen, — wir mußten während der Fahrt essen.
„Die Dunkelheit senkte sich schnell herab, aber der Vollmond ging auf und leuchtete genügend durch das Schneegestöber hindurch, um mir die schlimmsten Spalten zu zeigen. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, die beiden Fahrzeuge mit den breiten vikingsartigen Segeln über die einförmige, von der großen Mondscheibe erhellte weiße Fläche dahinsausen zu sehen.