Segelfahrt im Mondschein am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Skizze des Verfassers.)

„In immer rasenderer Eile ging es vorwärts, während das Eis schwieriger und schwieriger wurde und ich beim Mondschein deutlich erkennen konnte, daß es vor uns noch schlechter aussah. Im nächsten Augenblick war ich dort, — es sind Unmengen von Spalten, die aber mit Schnee angefüllt und daher größtentheils ungefährlich sind. Hin und wieder stößt der Stab auf hohlen Grund, aber die Spalte ist schmal, und die Schlitten gleiten darüber hin. Dann kommt eine breitere Spalte und ich erblicke im Mondschein in geringer Entfernung vor mir eine dunkle, breite Schlucht. Ich mache Halt, nähere mich vorsichtig auf dem glatten Eis, auf dem sich jetzt kaum mehr frischgefallener Schnee befindet, und schaue in die tiefe, dunkle Schlucht hinab. Vor mir sehe ich Schlucht auf Schlucht, — tiefblaue Streifen, die sich parallel nebeneinander hinziehen. Ich gebe den Andern ein Zeichen und mache Halt. Hier ist an kein Vordringen mehr zu denken, wir müssen unser Zelt aufschlagen. Im Westen, wo noch ein schwacher Schein des entschwundenen Tages den Abendhimmel erhellt, ragt das Land empor. Es war dasselbe Land, das wir am Vormittage gesehen hatten, aber es erhebt sich jetzt hoch am Horizont und daneben, im Süden, ist eine ganze lange Landstrecke aus der Eisfläche emporgestiegen.

„Es war ein schwieriges Stück Arbeit, das Zelt in dem starken Wind und auf dem glasharten Eis aufzuschlagen, wo sich die Pardunen nirgends befestigen ließen. Die Haken wollten nicht halten, und wir mußten mit der Axt Löcher für die Skistäbe hauen, um die Pardunen daran zu befestigen. Endlich, nachdem wir mehr als gewöhnlich gefroren hatten, war das Zelt aufgeschlagen und wir fanden einigermaßen Schutz. Niemand hatte an jenem Abend Lust, etwas zu kochen, dazu war der Wind, selbst im Zelt, zu empfindlich. Die Festmahlzeit, die ich versprochen, sobald wir bloßes Land erblickten, und auf die wir uns so sehr gefreut hatten, wurde bis zum nächsten Morgen verschoben. Wir theilten den Rest unseres Schweizerkäses und krochen in unsere Schlafsäcke, höchst zufrieden mit unserm Tagewerk. In den Sack gekommen, bemerkte ich erst, daß mir während der Segelfahrt die Finger an beiden Händen abgefroren waren. Jetzt war es zu spät, sie mit Schnee zu reiben, sie fingen schon an aufzuthauen, und die Schmerzen waren während der ganzen Nacht fast unerträglich, bis ich endlich einschlief.“

Früh am nächsten Morgen fuhr ich plötzlich auf, voller Schreck mich erinnernd, daß ich vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen. Unglücklicherweise war es Sverdrup ebenso ergangen. Wir zogen sie sofort auf, aber nun war es zu spät.

Als wir den Kopf zum Zelt hinaussteckten, sahen wir das ganze Land südlich vom Godthaabs-Fjord sich vor uns ausbreiten; — es war ein bergiges, unebenes Terrain mit vielen hohen Felsspitzen und Gipfeln. Entsinnst du dich, wie du zum erstenmal als Kind das Hochgebirge daliegen sahest, voller Gletscher und Schluchten? Entsinnst du dich, wie diese ganze unbekannte Welt dich zog und lockte? Ja, dann wirst du verstehen können, was wir empfanden! Wir waren wie die Kinder. Wir hatten ein eigenthümliches Gefühl im Halse, während unser Blick den Thälern folgte und vergebens nach einer Spur von See spähte. Es war eine schöne Landschaft, wild und großartig, wie an der Westküste Norwegens. Oben auf den Bergen lag frischgefallener Schnee, dazwischen aber schoben sich dunkle Schluchten, deren Boden die Fjorde bildeten; wir konnten sie zwar nicht sehen, aber wir ahnten sie. Ueber dies Gebirgsland bis nach Godthaab zu gelangen, schien uns eine Kleinigkeit zu sein.

Bergabwärts.
(Vom Verfasser nach einer Augenblicks-Photographie.)

Wir nahmen unsere Festmahlzeit in aller Ruhe ein, kochten uns Thee „en masse“ und aßen Mysekäse und Haferkakes nach Herzenslust. Erst spät am Vormittag brachen wir auf. Wir hatten uns in der Nacht in ein häßliches Spaltenterrain hineingesegelt und mußten nun unsern Kurs in südlicher Richtung nehmen, um auf besseres Eis hinaufzugelangen. Der frischgefallene Schnee war auf der ganzen Strecke, die wir an diesem Tage passirten, zum Theil zu Schanzen zusammengeweht, besonders war dies überall da der Fall, wo das Terrain uneben war, an anderen Stellen war er ganz fortgefegt, so daß die harte, glatte Eisoberfläche ganz frei dalag. Nach einer Weile kamen wir an eine mächtige, lange Halde, die wir hinuntermußten. Sverdrup und ich hatten unsere Schneeschuhe angeschnallt und sausten mit Windeseile dahin, aber die Schlitten waren schlecht zu steuern und zu beiden Seiten hatten wir große Schluchten, endlich mußten wir uns entschließen, die Schneeschuhe abzulegen. Nun ging es die Halde hinab, während wir selber auf den Seiten standen und hemmten und lenkten, so gut wir konnten, um die Spalten zu vermeiden; die Lappen waren ganz ausgelassen und fuhren mit windesgeschwinder Fahrt dahin. Nach einer Weile stießen wir auf Blankeis, auf dem es sich sehr schwer gehen ließ, dem Anschein nach mußte es ein großer, zugefrorener See sein. Jenseits desselben stießen wir wieder auf unsicheres Eis. Nachdem wir hier mehrmals auf Spalten gerathen waren, fanden wir es am sichersten, die Schneeschuhe wieder anzuziehen, denn wenn wir quer über die Schluchten hinglitten, hielten die langen Schienen uns besser oberhalb derselben. Einmal sah die Sache schlimm genug aus, unser Schlitten kam der Länge nach an eine Spalte, und eine der Schienen durchschnitt die Schneedecke, welche darüber gebreitet war, sie begann schon, an dem ganzen Schlitten entlang zu streben, als es uns noch im letzten Augenblick gelang, den Schlitten auf festen Boden zu ziehen. Ravna und Balto erging es beinahe noch schlimmer, als sie einen kürzeren Weg einschlagen wollten, als den, welchen Sverdrup und ich genommen hatten; sie kamen an den Rand einer noch breiteren und tieferen Spalte, wo die eine ganze Schiene versank und der Schlitten nahe daran war, umzuwerfen. Nur mit Noth und Mühe zogen sie sich aus der Klemme; — ich war natürlich wüthend und schalt sie gehörig aus, weil sie unserer Spur nicht gefolgt waren. Meiner Ansicht nach wäre es doch genug, sagte ich, daß Diejenigen, welche die Führung übernommen hatten, solchen Gefahren ausgesetzt seien. — Auch Kristiansen war nahe daran gewesen, seinen Schlitten bei einer ähnlichen Gelegenheit einzubüßen.

Am Nachmittag zog ein Hagelwetter mit Sturm aus Süden und Süd-Osten auf. Die Hagelkörner peitschten uns ins Gesicht, und die Schlitten wurden von dem Wind wieder und wieder quer herum geworfen, so daß das Ziehen sehr beschwerlich war, besonders mein und Sverdrups Schlitten machte viele Mühe, da die Last auf demselben groß und hoch war und infolgedessen eine so beträchtliche Windfläche darbot. Jetzt wären die Stahlkiele unter den Schienen besonders angebracht gewesen, aber wie erwähnt waren sie früher in dem unebenen Eis an der Ostküste zerbrochen.

Am Abend machten wir auf einer kleinen Ebene Halt, wo etwas zusammengewehter frischer Schnee lag, in den wir unsere Skistäbe einrammen konnten und wo wir infolgedessen unser Zelt verhältnißmäßig schnell aufschlugen.