Wir hatten uns ursprünglich mit der Hoffnung geschmeichelt, dem Lande bedeutend näher zu kommen, wenn nicht gar, es noch am selben Abend zu erreichen; hierin täuschten wir uns aber sehr, es erschien uns, als seien wir ebensoweit davon entfernt als am vorhergehenden Abend.

Am nächsten Tage (21. September) hatten wir Schneewetter und konnten nichts vom Lande und auch nichts vom Eise ringsumher erblicken. So tasteten wir beinahe blindlings umher, — es war unmöglich zu sehen, wo das Terrain am günstigsten war.

Gegen Mittag machten wir Halt, um wenn möglich eine Mittagshöhe zu bestimmen; die Sonne blickte nämlich ein wenig aus den Schneewolken hervor, und es war für uns von größter Wichtigkeit zu wissen, wo wir uns befanden. Am vorigen Mittag war ich nämlich zu spät gekommen, da ich mich in der Zeit irrte, — ich hatte ja vergessen, meine Uhr aufzuziehen. Glücklicherweise war die Sonne gerade lange genug sichtbar, ich bestimmte die Mittagshöhe und berechnete die Breite auf 64° 14′ N. Br. Dies war etwas weiter nördlich, als ich wünschte, ich hatte während der Segelfahrt zu sehr in nördlicher Richtung gesteuert, nachdem wir Land in Sicht bekamen, und nun mußten wir, wie man ersehen wird, mehrere Tage dafür büßen. Hätten wir unseren südlichern Kurs innegehalten, wären wir wahrscheinlich direkt auf das Land herunter gesegelt.

Jetzt setzten wir unsere Fahrt mit südlichem Kurs fort. Gegen Nachmittag geriethen wir auf einen Höhenrücken zwischen so entsetzliche Spalten, daß wir froh waren, umkehren und so schnell wie möglich südwärts gelangen zu können. Jetzt kamen wir auf ziemlich ebenes Eis, auf den Boden eines Thals, das zwischen zwei Bergrücken lag, die an allen Ecken und Kanten mit Spalten durchzogen waren. Nach vorne zu verengte sich das Thal, bis es schließlich eine Schlucht bildete, wo die beiden Felsrücken sich beinahe berührten, und wo es ein schroffer Abhang mit wildzerklüftetem Eis wurde. Hier sah es völlig undurchdringlich aus, es war überflüssig, unter diesen Umständen weiter vorzudringen, aller Wahrscheinlichkeit nach waren wir schon zu weit gegangen.

Wir beschlossen nun, daß Ravna, Balto und Dietrichson das Zelt aufschlagen sollten, während Kristiansen, Sverdrup und ich eine Wanderung in das zerklüftete Eis unternahmen, um zu sehen, ob an ein Vordringen zu denken sei. Balto, der zum Unterkoch ernannt war, erhielt den Auftrag, den Kochapparat in „Schwung“ zu setzen, gute warme Erbsensuppe zu kochen und in dem oberen Gefäß warmes Wasser zu halten, damit wir nach dem Essen einen Citronentoddy machen könnten. Dies alles sollte fertig sein, wenn wir zurückkamen.

Wir drei Untersuchungsreisenden banden uns das Alpenseil um die Taille und zogen bergabwärts. Das Eis war ganz ungewöhnlich schlecht, wir konnten uns nur mit Mühe fortbewegen, überall stießen wir auf scharfe Eiskanten und Schluchten; gefährlich war das Terrain jedoch nicht, da die Schluchten in der Regel nicht tief waren.

Wie groß war mein Staunen, als ich, nachdem wir eine Strecke zurückgelegt hatten, mitten zwischen schneebedeckten Eisgipfeln eine kleine dunkle Fläche erblickte. Allem Anschein nach mußte es Wasser sein, aber es konnte ja auch Eis sein, deswegen sagte ich den Andern nichts. Als wir aber dahin gelangten und sich beim Einstecken des Stabes herausstellte, daß es weich war, da kannte unsere Freude keine Grenze. Wir warfen uns nieder, legten den Mund an die Wasserfläche und sogen das herrliche Naß nach Herzenslust ein. Nachdem wir monatelang unsern Durst nur durch spärliche Wasserrationen hatten befriedigen können, gewährte es uns einen unbeschreiblichen Genuß uns endlich einmal satt trinken zu können. Wie viele Liter wir zu uns nahmen, vermag ich nicht zu sagen, — eine ganz beträchtliche Anzahl war es aber. Wir konnten förmlich fühlen, wie unsere Magen anschwollen und groß und rund wurden. Dann zogen wir weiter, ein wenig schwerer als zuvor. Wir waren nicht weit gegangen, als wir Jemand rufen hörten und den kleinen Ravna, was das Zeug halten wollte, auf uns zueilen sahen. Wir warteten auf ihn, ganz besorgt, daß den Kameraden ein Unglück zugestoßen sein könne. Bald hatte er uns erreicht, und ich war nicht wenig erfreut, als ich erfuhr, daß er nur gekommen sei, um die Dochte zu den Spirituslampen zu holen, die ich wie gewöhnlich in der Tasche trug. Ich war sehr gespannt, ob Ravna wohl das Wasser entdeckt hatte, denn er war am schlimmsten vom Durst geplagt und ich fürchtete fast, daß er zuviel trinken könne. Schließlich konnte ich es doch nicht lassen, ihn geradezu zu fragen. Ja, er habe das Wasser gesehen, er habe jedoch keine Zeit zum Trinken gehabt, wolle nunmehr aber das Versäumte nachholen, und damit trabte er wieder von dannen.

Wir setzten unsere Wanderung fort und kamen nun in das unebenste und unwegsamste Terrain, das uns bis dahin vorgekommen war. Alles, was ich durch Kapitän Jensens Beschreibung von unebenem Eis gehört hatte, war nichts hiergegen. Völlig undurchdringlich war es zwar nicht, aber Eiswände, von denen die eine immer schärfer und unzugänglicher war als die andere, erstreckten sich nach allen Richtungen hin, unterbrochen von tiefen Schluchten, die häufig Wasser enthielten, über dem eine dünne Eisschicht lag, durch welche man hindurchbrach. Es dunkelte bereits stark, als wir endlich heimkehrten. Der Rückweg, auf dem wir unsern Weg durch den frischgefallenen Schnee bahnen mußten, war sehr ermattend, und mit großer Freude begrüßten wir deswegen den Anblick des Zeltes. Als wir an der ersten Wasserlache vorüberkamen, thaten wir noch einen guten Trunk. Wir legten uns flach zu Boden und ließen das Wasser in reichlichen Mengen durch unsere Kehlen strömen, — unsere Stirne umrieselte es eiskalt, aber das schadete nicht, es war ein wahrhaft himmlischer Genuß, sich endlich einmal nach Herzenslust satttrinken zu können. Bei dem Betreten des Zeltes, in dem die Kameraden um den Kochapparat kauerten, schlug uns ein belebender Duft warmer Erbsensuppe entgegen. Balto war sehr stolz darauf, meinen Anordnungen wörtlich nachgekommen zu sein, — alles war fertig und warm, — wir konnten an die Mahlzeit gehen.

Wie es den Andern während unserer Abwesenheit ergangen war, das schildert Balto auf folgende Weise:

„Die anderen Drei zogen von dannen mit dem Seil um den Leib, um einen Weg auszukundschaften. Ich, Ravna und Dietrichson blieben zurück, um das Zelt aufzuschlagen, und ich sollte Erbsensuppe kochen, denn ich war Koch. Ich holte die Kochmaschine heraus, entdeckte aber, daß keine Dochte darin waren. Nansen hatte sie in der Tasche. Da sandte ich Ravna hinter Nansen her, um die Dochte zu holen. Als Ravna zu uns zurückkam, erzählte er, daß er Wasser gefunden und sich den Magen voll getrunken habe. Sobald ich das hörte, ergriff ich einen leeren Blechkasten und lief in einem Sprung, bis ich den Teich erreichte. Dort warf ich mich nieder und trank. Von Zeit zu Zeit mußte ich den Kopf in die Höhe heben, um mich ein wenig zu verpusten, dann trank ich weiter. Es schmeckte genau so wie süße Milch, denn wir waren Tag für Tag seit einem ganzen Monat ohne Wasser gewesen. Dann füllte ich den Blechkasten und trug ihn zum Zelt zurück. Sofort warf Dietrichson sich bei dem Blechkasten nieder und trank, was das Zeug halten wollte. Der Blechkasten war groß, aber es blieb nur gerade genug für die Erbsensuppe übrig. Von dem Tage an fanden wir überall hinreichend Wasser.“