So wurde denn das Lager abgebrochen, und wir begannen die mühsamste Eiswanderung, die wir überhaupt gehabt hatten. An vielen Stellen mußten die Schlitten über die steilen, hohen Eisrücken hinüber gehoben werden. Ging es bergab, so mußte der Unglückliche, der hinterher ging, aus allen Kräften zurückhalten, sonst glitt er aus und stürzte mitsamt dem Schlitten den Vorangehenden auf die Hacken und das ganze Gefährt sauste bergab. An mehreren Stellen hatten wir das Glück, zugefrorene Bäche zu finden, die ganz gute, freilich ein wenig gewundene Wege zwischen den hohen und scharfen Eisrücken mit oft lothrechten Wänden bildeten. Auf einer Stelle mußten wir durch eine Schlucht, die gerade breit genug war, um uns hindurch zu lassen. Den Boden dieser Schlucht füllte ein Bach aus, der nicht ganz zugefroren, und dessen Wasser uns fast bis an die Knie reichte.
Endlich, im Laufe des Nachmittags, hatten wir das schlimmste Eis hinter uns. Jeder konnte nun wieder seinen eigenen Schlitten ziehen. Das Eis war jetzt erträglich und wurde allmählich immer besser, aber der Wind war schlimm und riß die Schlitten immer nach der Seite herum. Als wir eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, entdeckte ich auf dem Eis eine Moräne, die sich in östlicher Richtung von dem bloßen Lande aufwärts zog. Diese Moräne mußte meiner Ansicht nach auf der Grenze zwischen zwei Eisströmen liegen, um so mehr, als sie sich in einer Senkung befand, und da ich nicht geneigt war, in eine neue Eisströmung hineinzugerathen, beschloß ich diesseits der Moräne das bloße Land zu erreichen. Wir machten Halt, schlugen unser Zelt auf und entsandten Balto, um Wasser für unsern Kaffee herbeizuschaffen, während Sverdrup und ich eine Entdeckungsreise in der Richtung auf das Land zu antraten, um zu sehen, ob das Eis einigermaßen gangbar sei. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir uns klar darüber waren, daß wir hier hinabgelangen konnten. Es hatte den Anschein, als ob wir uns auf der Südseite des Eisstroms befänden, der sich in den Godthaab-Fjord hineinschob, denn die Eisfläche senkte sich nach Süden oder vielmehr nach dem Lande zu, das wir vor uns hatten. Wir kehrten mit dieser tröstlichen Nachricht zurück, und der Kaffee wurde in heiterster Stimmung eingenommen. Die Aussicht, abermals bloßes Land unter den Füßen zu haben, war jetzt nicht mehr fern, und konnte uns wohl fröhlich stimmen. So schnell wie möglich brachen wir wieder auf, und jetzt, wo wir den Wind im Rücken hatten, ging es leicht über das verhältnißmäßig ebene Eis hinweg, dessen Senkung stellenweise ganz beträchtlich war. Unsere Hoffnung, schon an diesem Abend das Land zu erreichen, wurde getäuscht, es fing bald an dunkel zu werden, und wir mußten Halt machen. Wir waren jedoch zufrieden mit unserm Tagewerk, denn wir waren weiter gekommen, als wir am Morgen erwartet hatten.
Endlich gelangten wir am Nachmittage über das schlimmste Eis hinweg.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)
Ich war noch nicht weit gegangen, als ich mich an einem Eisabhang befand.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)
Am nächsten Morgen (24. September) rückten wir früh aus und begannen unsere Wanderung mit dem festen Vorsatz, das Land noch am selben Tage zu erreichen. Es ging schnell vorwärts, die Senkung war theilweise ganz beträchtlich und half uns gut. Auch der Wind begünstigte uns, das Eis war gut, und alles ging nach Wunsch. Als wir eine Strecke hinabgekommen waren, mußten wir eine Rekognoszirung vornehmen, da das Eis etwas unebener wurde. Ich begab mich bergab und war noch nicht weit gegangen, als ich mich auf einem Eisabhang befand, der gegen einen kleinen, felsumgebenen See abfiel, dessen mir entgegengesetzte Seite sich in eine bachdurchströmte Felskluft öffnete. Gerade unter mir ging das Eis ganz eben in Steingeröll über. Hier war leicht vorwärts zu kommen, und das Eis war den ganzen Weg entlang gut. Es währte nicht lange, so befanden sich alle Mann auf dem Eisabhang und genossen den Anblick des nahe gelegenen Landes. Nachdem ich einige photographische Aufnahmen gemacht hatte, setzten wir uns in Bewegung, über die letzte Senkung hinweg. Sie war sehr steil, die steilste, die uns bisher vorgekommen war, es galt tüchtig gegenzuhalten, aber es ging munter vorwärts, und bald waren wir unten auf dem See unter dem Gletscher, — das Inlandseis lag für immer hinter uns!
Wir richteten den Kurs quer über den See nach der anderen Seite hinüber; hier war das Eis jedoch nicht ganz sicher. Nur mit größter Vorsicht gelangten wir ohne ein kaltes Bad bis an die Steine, schnallten die Steigeisen, die wir die letzten Tage benützt hatten, ab und sprangen nun leicht wie die Rennthiere über das Land dahin. Worte vermögen es nicht zu beschreiben, was es für uns Alle war, endlich einmal wieder Erde und Steine unter den Füßen zu fühlen! Eine wahre Wonne durchrieselte uns, als wir mit unseren Füßen das Heidekraut berührten und der würzige Duft von Gras und Moos uns in die Nase stieg. Hinter uns lag das Inlandseis, sich in einer langen, kalten und grauen Abschrägung nach dem See zu senkend, vor uns aber weideten wir uns an dem Anblick des bloßen Landes. Durch das Thal hindurch erblickten wir einen Hügelrücken nach dem andern, die sich wie Woge auf Woge am Horizont erhoben. Hier mußten wir weiterziehen; dieser Weg führte uns an den Fjord.
Auch Ravnas Antlitz strahlte endlich einmal. Der arme Bursche hatte manch’ liebes Mal die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder festen Grund unter den Füßen zu fühlen. Er und Balto hatten, als sie ihre Schlitten los waren, nichts Eiligeres zu thun, als spornstreichs in die Berge hinauf zu klettern, ganz wie damals, als wir auf der Ostküste ans Land gelangten.
Jetzt war es aber höchste Zeit geworden, an unser Mittagessen zu denken; selbst das überströmendste Gefühl, das Ziel erreicht zu haben, vermag nicht die materiellen Bedürfnisse zu übertäuben, — im Gegentheil, das Gefühl, eine Schwierigkeit überwunden zu haben, erhöht den materiellen Genuß.