Hinter uns lag das Inlandseis. (Nach einer Photographie.)
Als wir endlich mit dem Mittagessen fertig waren, machten wir uns schnell daran, unsere Bündel zum Herabsteigen zu schnüren. Es galt, so viel wie möglich von dem Nothwendigsten mitzunehmen, aber auch nicht zu viel, da eine zu schwere Last unsere Wanderung verzögern würde, und wir gern so schnell als möglich zwei Mann nach Godthaab entsenden wollten.
Um für etwa eintretende Fälle gleich ein wenig Material zum Bootsbau bei der Hand zu haben, nahmen wir einige Bambusstangen mit und beschlossen während des Bootsbaus weitere zu holen. Die Sachen, die wir nicht mitbringen konnten, wurden oben auf die Schlitten gelegt und gut mit Persennings zugedeckt. Als dies geschehen war, waren wir endlich am Nachmittag fertig, in das Thal hinabzuziehen.
Bei dieser Gelegenheit wurde es uns erst so recht klar, welche Kraft in dem kleinen Ravna wohnte. Er hatte während der Wanderung über das Inlandseis am wenigsten von uns Allen gezogen, da er stets darüber klagte, daß es für ihn alten Mann zu schwer sei; er blieb auch oft zurück. Jetzt hatte ich das Nothwendigste, was wir mitnehmen wollten und was wir bewältigen zu können glaubten, in sechs Haufen vertheilt. Wie wunderte ich mich, als ich sah, daß Ravna außer seinem Theil noch seinen Kleidersack mit allerlei Reservezeug und dergl. auf den Rücken nahm. Ich sagte ihm, das würde zu viel, ich wollte nicht, daß er sich überanstrenge; er aber erwiderte, er könne sich nicht von seinem Kleidersack trennen, in dem er sein Neues Testament habe, er würde schon damit fertig werden. Und mit seiner schweren Bürde, unter welcher er selbst fast verschwand, machte er sich auf den Weg und hielt fortdauernd Schritt mit uns. Er meinte wohl, daß nun kein Grund mehr vorhanden sei, mit seinen Kräften zu sparen, und wollte uns scheinbar zeigen, was er vermochte, und Balto hatte ganz recht, wenn er voller Bewunderung sagte: „Ravna, der Kerl hat, weiß Gott, Kräfte“.
Das Terrain fiel an manchen Stellen steil ab, der Weg führte über Steingeröll und Sümpfe, unsere Lasten waren schwer, und es war kein Wunder, wenn es nicht so schnell vorwärts ging. Mehrmals während unserer Wanderung sagte Ravna ganz begeistert zu mir: „Hier riecht es gut, genau so, wie auf den Bergen in Finnmarken, wo gute Rennthierweide ist.“ Und er hatte recht, es roch sowohl nach Berggras wie nach Rennthiermoos; mit wahrer Wollust sogen wir die würzige Luft in langen Zügen ein. Gegen Abend gelangten wir an einen langen See (wir nannten ihn „Langvandet“), in den sich zu unserer Verwunderung von Westen her ein mächtiger Eisgletscher hineinschob; es war offenbar ein Ausläufer des Inlandseises, das sich an dem westlich von uns gelegenen Felsen vorüberdrängte.
Gegen Abend gelangten wir an einen langen See.
(Nach einer Photographie.)
Als wir eine Strecke über den See hingekommen waren auf sehr unsicherem Eise, wo wir mehrmals fast hineinfielen und nur mit Noth ans Land kamen, machten wir am Abend Halt an der Ostseite des Sees auf einem guten Zeltplatze. Zum erstenmal während unserer ganzen Expedition lagerten wir uns auf wirklich weichem Heidekraut. Voller Behagen streckten wir unsere Glieder aus, während die Bergluft über uns hinsäuselte, vermischt mit jenem eigenthümlich betäubenden Tannengeruch, der von einer eigenen Art Heidekraut herrührt, das in großen Mengen in Grönland wächst.
Während wir unser Abendessen im Zelt verzehrten, erhielt Ravna, der der Zeltöffnung zunächst saß, den Auftrag, ein Feuer aus Heidekraut vor dem Zelte anzuzünden. Das nöthige Brennmaterial war bereits gesammelt und wir meinten, daß der Anblick eines Feuers gemüthlich sein müsse. Aber Ravna schien dies nicht einsehen zu können, und mit der bekannten Trägheit des Berglappen hatte er sofort eine ganze Reihe von Einwänden bei der Hand. Nein, darin sei kein Sinn und Verstand, mit dem Brennmaterial wollten wir lieber morgen früh kochen. Ich erwiderte ihm, daß ringsherum Brennmaterial in Hülle und Fülle zu finden sei. Dann wandte er ein, daß er keine Baumrinde zum Anzünden habe, da aber lachten wir ihn aus, und sagten ihm, er würde, wenn er bis morgen früh wartete, nicht mehr Baumrinde haben wie jetzt. Er solle nun nur nicht viele Umstände machen, sondern gefälligst Feuer anlegen. So bequemte er sich denn endlich dazu, und es währte nicht lange, bis ein mächtig knisterndes Feuer vor dem Zelte aufflammte, Wärme und Licht in dem vorhin so dunklen Zeltraum verbreitete und eine Rembrandts Beleuchtung über die sitzenden Gestalten warf, die sich froh und beinahe satt aßen. Die Tassen wurden fleißig zu Munde geführt, man verzehrte ganz unglaubliche Quantitäten Suppe. Es war ein ganz ungewohnter Genuß für uns, so gut sehen zu können, was wir zu Munde führten, — es war keine unwillkommene Veränderung, nachdem wir so oft in rabenschwarzer Finsterniß hatten essen müssen.