Ich forderte Ravna mehrmals auf, wieder hereinzukommen, es sei nun nicht mehr nöthig, nach dem Feuer zu sehen, — es brenne gut genug, — aber nein! Jetzt war er nicht von dem Feuer fortzubekommen.
Nach dem Abendessen zündeten die rauchenden Mitglieder der Expedition sich eine mit Moos oder Gras gestopfte Pfeife an, und dann lagerte man sich mit den dampfenden Pfeifen um das wärmende Feuer herum, um sich so recht an dem Bewußtsein zu erquicken, daß das Inlandseis nun überwunden und das Ziel erreicht war.
Ich meinerseits lag auf dem Rücken da und freute mich über den fast schelmischen Ausdruck in Ravnas sonst so mürrischem Gesicht. Er lächelte fast ununterbrochen, und auf die Frage, ob ihm das Land gefiele und ob er die Bergluft merken könne, antwortete er voller Begeisterung, hier möchte er wohl wohnen. Ich fragte ihn nun allen Ernstes, ob er Lust habe, mit seinen Herden hierher zu ziehen. Er erwiderte, Lust habe er wohl, aber es würde ihm zu theuer. Als ich meinte, dann müsse der dänische oder der norwegische Staat ihn gratis hinüberbefördern, da sagte er, daß er sich keinen Augenblick bedenken würde. Hier sei Weide genug und wilde Rennthiere seien hier auch, er habe am Nachmittag Spuren davon gesehen. Hier würde er schnell reich werden. Die einzige Schwierigkeit würde das Brennmaterial im Winter verursachen, da müsse man es so machen, wie einige Lappen es in der Heimath gemacht hätten, — man müßte Torf für den Winter einsammeln. Der alte Ravna schloß seine Lobrede mit den Worten: „Ich mag die Westküste gern, hier ist ein guter Ort für einen alten Berglappen, es sind viele Rennthiere hier, es ist hier gleichsam wie auf den Gebirgen Finnmarkens.“
Es war eine herrliche Nacht mit einer eigenartig milden Luft. Eine weiche Stimmung macht uns schweigen, ein Gedanke folgt dem andern in die Ferne und verwebt sich mit den Strahlen des Mondes, der eben über dem Hügelrand heraufgestiegen ist, — bis das Ganze zu einem Gedankengewebe wird, dessen Fäden man nicht mehr zu entwirren vermag, da ein wohlthuender Halbschlummer sich auf die müden Lider lagert. Erst spät in der Nacht rafft man sich auf und kriecht in die Schlafsäcke. Sverdrup behauptet, nie im Leben einen so herrlichen Abend erlebt zu haben, wie diesen grönländischen Abend, in dem er an dem ersten Heidekrautfeuer lag und Moos rauchte, — und ich glaube, die Mehrzahl von uns wird darin mit ihm einig sein.
Aufbrechen vom Lagerplatz am „Langvandet“. Aussicht auf einen Wandergletscher.
(Nach einer Photographie.)
Am nächsten Morgen (25. Septbr.), ging es wieder von dannen, die Last auf dem Rücken. Am Ende des Sees angelangt, ruhten wir ein wenig aus und sahen einen Hasen, der herangesprungen kam und sich unter einen Felsblock setzte. Schnell holte ich die Büchse hervor und näherte mich ihm bis auf circa zweihundert Ellen und war wirklich so glücklich, ihn in dieser großen Entfernung todt zu schießen, unter lautem Jubelgeschrei der Kameraden, die in großer Spannung gewesen waren, ob sie zur Nachtkost frisches Fleisch bekommen würden oder nicht.
Nun setzten wir unsern Marsch durch ein zum Theil sehr enges Thal fort, wo wir viele steile Abhänge und unwegsame Moränen zu passiren hatten. Links von uns zog sich ein Arm des Inlandseises noch ein gutes Stück ins Thal hinab, hier unten aber wälzte es mächtige Moränen vor sich her und bildete stellenweise hohe Eiskegel und Blöcke, die indessen derartig mit Lehm und Steinen bedeckt waren, daß man sie nur schwer von dem bloßen Lande unterscheiden konnte.
Am Vormittag gelangten wir an eine steile Felsschlucht und hatten abermals ein Gewässer unter uns, in das sich von Osten her das Inlandseis hineinschob. Wir konnten hier weithin über das Eis schauen bis zu dem Nunatarsuk nördlich von Kangersunek, und der Punkt, zu dem Sverdrup und ich während unserer Ski-Tour am 21. September hinuntergelangt waren, lag nicht sehr fern. Der Bach, dessen Lauf wir bis dahin gefolgt waren, ergoß sich in einen Strom, der nicht weit von dem Felsabhang aus dem See kam, folglich stellte es sich heraus, daß die Karte, auf die wir uns verlassen hatten, ganz falsch war. Wir mußten noch über zwei Meilen bis zum Fjord haben, sahen also unsere Hoffnung, noch heute bis dahin zu gelangen, getäuscht.
Gegen Mittag kamen wir an einen See, der theilweise von flachen, breiten Ufern umgeben war, auf dem wir zahlreiche Gänsespuren und Gänseexkremente erblickten, woraus wir schlossen, daß dies ein beliebter Ruheplatz für den Schwarm wilder Gänse war, die speciell im Herbst, wenn das Wasser offen ist, an dem Strande des Inlandseises entlang ziehen.