In dem Lehm waren auch, wie überall auf unserem Wege, wo Spuren denkbar waren, Unmengen von Rennthierspuren, die zum Theil erst ein paar Tage alt zu sein schienen. Sämtlich gingen sie in der Richtung nach dem Fjord hinab. Ich strengte meine Augen an und ließ sie unermüdlich an den braunen Felswänden entlang schweifen, die uns von allen Seiten umschlossen, — aber es half mir nichts, keines der gehörnten Thiere ließ sich blicken. An der Südseite des Gewässers, dem wir den Namen „Gänseteich“ gaben, lagerten wir uns im hohen Heidekraut und ließen uns das Mittagessen schmecken. Es war ein prächtiger Tag, die Sonne schien warm, der Himmel wölbte sich klar und blau über uns, und ringsumher breitete sich die schönste Landschaft aus, die ein Jäger sich nur wünschen kann. Ein wenig früher im Jahre, wenn das Rennthier sich hier in Rudeln aufhält und die Wildgans um die Wette mit Enten, Schnepfen und anderen Wasservögeln, an denen Grönland ja so reich ist, schreit, — da muß es hier ein wahres Eldorado sein.

Am Abend schlugen wir unser Zelt auf einer Fläche bei einem kleinen Gewässer auf, das von den prächtigsten Rennthierweiden mit sanft abfallenden heidekrautbewachsenen braunen Abhängen umgeben war. Der am Morgen erlegte Hase wurde in einem Kessel gekocht, den wir aus einem Spiritusbehälter herstellten. Als das Gericht eben fertig war, fiel der Kochtopf ins Feuer, und alle Suppe ging verloren; der Hase aber wurde gerettet und vertheilt. Es kam auf den Mann zwar nur wenig von so einem Zwergthierchen, aber das Wenige, das wir erhielten, schmeckte dafür auch desto besser. Wir waren nicht mehr an frisches Fleisch gewöhnt, und es war auffallend leichter zu kauen, als der harte Pemikan, der für Jemand, dessen Zähne schlecht waren, kaum hinunterzubringen war. Aus dem Grunde suchten Sverdrup und ich, die in dieser Beziehung von der Natur am schlechtesten ausgerüstet waren, stets nach den Stücken, die ein wenig verschimmelt waren, denn diese ließen sich besser kauen. Das Feuer flammte lustig auf, die Erbsensuppe war warm und die Stimmung wenn möglich noch wärmer.

Am 26. September hatten wir endlich eine einigermaßen begründete Hoffnung, den Fjord zu erreichen. Wir gingen in dem Flußthal entlang und kamen theils über breite, sandige Bodenmoränen, theils über flache Sandebenen, in die sich der Fluß mit steilen Ufern tief hineingegraben hatte. Hier wuchsen mannshohe Weiden und Erlen. Das Laub der letzteren war noch grün, aber das der Weiden war bereits gelbbraun und welk, wahrscheinlich infolge von früheren Nachtfrösten, jetzt hatten wir freilich während des Tages 12° Wärme im Schatten, und die Nächte waren mild, wie die Septembernächte in der Heimath. Diese Ebenen sind auch der Quere nach von Flußbetten durchkreuzt, die sich in den weichen, sandigen Lehm eingegraben haben, und die uns, wenn ihre hohen Ufer mit Weidengebüsch bewachsen waren, viele Schwierigkeiten beim Ueberschreiten machten.

Das Thal, das wir jetzt durchschritten, war übrigens in geologischer Hinsicht hochinteressant. An einer Stelle tief unten hatte der Strom eine frische Schicht im sandigen Ufer aufgewühlt, und hier lagen Unmengen von leeren Blaumuscheln (Mytilus edulis) zwischen dem Sande. Diese Muschelschalen lassen keinen Zweifel über die Entstehungsart dieser großen Sandebenen aufkommen, die den Thalboden füllen. Früher ist hier ein Fjord gewesen; Lehm und Kies, von dem Gebirgsbach aus den Moränenbildungen des Inlandseises mit fortgeführt, haben sich auf dem Boden des Fjords gelagert und diesen allmählich mit einer horizontalen Lehmschicht angefüllt. Später hat das Land sich gehoben. Daß dies letztere wirklich der Fall ist, beweisen am sichersten die Schalen dieser Salzwassermuschel, die sich in einer Höhe von mehr als 20 m über dem Meere finden. Wie aber diese Hebung vor sich gegangen ist, ob sie ruckweise geschehen ist, wie ein bekannter norwegischer Geologe behauptet, oder ob sie sich ganz allmählich gebildet hat, wie man in jüngster Zeit anzunehmen geneigt ist, darüber läßt sich noch nichts mit Bestimmtheit sagen. Die meisten Umstände sprechen freilich für die letztere Annahme. Diese Lehmschichten oder Meeresanschwemmungen liegen allerdings in Terrassen, dies läßt sich aber dadurch erklären, daß der Bergstrom während einzelner Perioden mit starken Niederschlägen bedeutend größere Mengen festen Stoff mit sich geführt haben kann als während der dazwischenliegenden trockneren Zeiträume, wodurch eine solche Treppenbildung hat entstehen müssen. Je nachdem der Boden des Fjords über die Meeresfläche emporstieg und Terrassen bildete, grub sich der Bergstrom sein gewundenes Bett durch abgelagerten weichen Sand und durch Lehmschichten. Es ist leicht, diese Schichten aufzuwühlen und sie zu unterminiren, und so ist denn auch eine Sandmenge nach der anderen durch den Bergstrom fortgeführt und im Laufe der Jahre in den Fjord hinausgeschwemmt, um dort neue, ähnliche Ablagerungen zu bilden. Die Naturkräfte kommen hier niemals zur Ruhe, — gewaltige Kräfte sind hier in Bewegung gesetzt, einige graben nach bestem Vermögen Thäler und Fjorde aus, andere, oder vielmehr andere Formen derselben Kräfte thun das Ihre, um auszuebnen und auszufüllen, was früher ausgegraben wurde. Die Eisgletscher graben und scheuern die Thäler und Fjorde — diese wohlbekannten engen Eisfjorde mit den steilen, glatt abgeschliffenen Seiten — in den harten Gneisfelsen aus. Dieselben Eisströme schieben mächtige Dämme in Form von Moränen vor sich her. Wo die Strömung sich zurückzieht, bilden sich Wälle quer vor den Fjordmündungen und Thälern, welche die Rennthierjäger auf ihren Wanderungen durch das Thal hemmen. Aber unter den Gletschern kommen Flüsse hervor, und der Lehm und der Kies, der von dieser Gletschermilch mit fortgeführt wird, fällt schließlich auf den Boden eines der engen Eisfjorde und füllt denselben aus, so gut er kann, sowie wir es aus dem Trondhjemsör, Lärdalsör und vielen andere Werdern in der Heimath kennen, und noch heute bilden sie sich zu Hunderten an der grönländischen Küste.

Aus diesem Grunde ist das Studium der jetzigen Eisperiode Grönlands für den Naturforscher von so ungeheurer Bedeutung; dadurch werden viele Erscheinungen, die sonst für ihn unverständlich sein würden, in ein klares Licht gestellt. Er sieht hier ganz aus erster Hand die mächtigen Kräfte in voller Thätigkeit, von denen er sich sonst nur durch den Spiegel der Phantasie eine Vorstellung machen kann, oder die er im besten Fall an den kleinen Zwergerscheinungen studiren kann, die in Europa aus jenen Zeiten zurückgeblieben sind, als ganz Nordeuropa und die Alpen von ähnlichen Eisfeldern überschwemmt waren, wie jetzt das mächtige grönländische Hochland.

Tief unten im Thal mußten wir durch den Gebirgsbach waten, um weiter zu kommen. Eine Strecke weiter entdeckten wir zu unserem Aerger, daß auch an dem anderen Ufer des Baches kein Vorwärtskommen möglich war, und hier war der Bach zu tief, um zu waten. Wir mußten entweder zurück oder einen Versuch machen, über den westlich von uns gelegenen Bergrücken zu klettern. Während wir hierüber nachgrübelten, beschlossen wir unser Mittagessen einzunehmen.

Nach der Mahlzeit verschwand Balto, und es währte nicht lange, als ich ihn plötzlich oben auf dem Gipfel des Berges erblickte; er schwang triumphirend seine Mütze, jubelte und zeigte nach Westen. Offenbar konnte er den Fjord sehen. Nach einer Weile kam er zurück, und berichtete, daß er ein großes blaues Wasser gesehen habe, das wohl der Fjord sein müsse. Auf dem innersten Theile läge jedoch Eis. So schnell unsere Füße uns zu tragen vermochten, erklommen wir jetzt den Berg, wir sehnten uns Alle danach, die See zu sehen. Außerdem lockten die von Balto verheißenen Preißelbeeren uns ebensosehr, wie die zahllosen Fliegen hier unten uns den Aufenthalt im Thal unleidlich machten. Von dem Berge herab hatten wir die herrlichste Aussicht über das Thal, wo der Bach sich durch flache Sandebenen schlängelte und weiterhin auf den Fjord, der sich wie eine blaue Fläche bis an die hohen Felsen erstreckte, welche das Ganze einrahmten. Was Balto für Eis gehalten hatte, war eine Sandanschwemmung, die den inneren Theil des Fjords vollständig anfüllte.

Wir hatten jetzt nicht mehr weit bis zum Ziel. Groß war unsere Freude, als wir ein wenig weiter nach unten einige alte Spuren von grönländischen Kamiken im Sande am Ufer des Baches entdeckten. Wahrscheinlich stammten sie von einem Rennthierjäger her, der vor Monaten dies jetzt so menschenleere Land durchstreift hatte; der stark betretene Weg ließ deutlich erkennen, daß sich hier zu gewissen Jahreszeiten Unmengen von Rennthieren aufhielten. Dieses war die erste Spur menschlicher Wesen an der Westküste mit Ausnahme einiger Exkremente, die nach Baltos Ansicht von einem Menschen oder einem Bären stammen mußten.

Nachdem wir noch einen mit Weidengesträuch bewachsenen Berg erklommen hatten, lag endlich der Fjord vor uns. Bis zu den Sandanschwemmungen, durch die sich der Bach hindurchwand, hatten wir nur noch einen kleinen Abhang hinabzusteigen. Gerade unter uns befand sich eine kleine, mit Heidekraut und Buschwerk bewachsene Fläche mit einem kleinen Teich. Hier mußte ein herrlicher Zeltplatz sein, um so mehr als uns die Berge vor dem Ostwind schützten, der sich erhoben hatte und durch die Thalschlucht von dem Inlandseis her wehte. Wir eilten dorthin, warfen erst unsere Last und dann uns selber ins Heidekraut und erquickten den müden Leib in dem Bewußtsein, dem Ziele so nahe zu sein.

Freilich war noch mancherlei für uns zu thun. Die vier Kameraden sollten den Rest des Gepäcks holen, Sverdrup und ich wollten nach Godthaab, um ein Boot und Hülfe herbeizuschaffen. Wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, darüber waren wir uns noch nicht klar. Eines aber ließ sich nicht abstreiten, — jetzt befanden wir uns wieder auf gleicher Höhe mit dem Meeresspiegel, wenn wir auch noch nicht ganz an die Meeresküste gelangt waren, und nun haben aller Wahrscheinlichkeit nach unsere Leiden und Strapazen ein Ende. Eine Schwierigkeit, die von vielen Sachverständigen, ja von der großen Mehrzahl als unüberwindlich betrachtet wurde, war jetzt siegreich überwunden. War es ein Wunder, daß wir uns da in einer glückseligen Stimmung befanden? Nachdem wir ein wenig geruht und gegessen hatten, unternahmen Einige von uns einen Ausflug auf das im Osten gelegene Gebirge, um eine Aussicht über den Fjord zu gewinnen. Das Land auf der Nordseite des Fjords erschien, von hier aus gesehen, so zerrissen, daß wir kaum an die Möglichkeit denken konnten, Godthaab auf dem Landwege zu erreichen.