Weit leichter würde es sein, wenn wir uns nach Narsak auf der Südseite des Fjords begeben wollten, aber wir waren nicht sicher, hier Leute anzutreffen, die Europäisch verstanden, deswegen war der Seeweg immer der sicherste. Fest entschlossen, uns, so gut es sich mit den uns zur Verfügung stehenden Materialien machen ließ, in der Bootsbaukunst zu versuchen, kehrten wir nach dem Zelt zurück. Wir hatten vom Inlandseis zwei Bambusstangen und einen Skistab mitgenommen, Bootsrippen dagegen hatten wir gar nicht, dazu sollten die gebogenen Eschenstäbe in den Schlitten dienen. Die lagen aber jetzt oben im Gebirge, und es würden wenigstens 2–3 Tage vergehen, ehe wir sie herbeischaffen konnten; da mußten wir etwas ausfindig machen, was wir statt ihrer verwenden konnten. Selbstverständlich verfielen wir auf das Weidengebüsch, das uns in Fülle umgab. Balto sollte uns beim Nähen behülflich sein, während die Anderen schon morgen in aller Frühe nach dem Inlandseis zurückkehrten.
Am Morgen des 27. September standen wir früh auf, kochten unsere letzte Portion Thee, wozu wir ein sehr knappes Frühstück, aus Brot und ein wenig Pemikan bestehend, einnahmen. Pemikan hatten wir zwar von unserem großen Vorrath auf dem Inlandseis reichlich mitgenommen; wir hatten aber erstaunlich viel davon gegessen (18 Platten von 25) und von dem Rest mußten Sverdrup und ich so viel wie möglich auf unsere Bootstour mitnehmen, da wir nicht berechnen konnten, wie lange dieselbe währen würde.
Nach dem Frühstück machten sich Sverdrup und Balto unverzüglich an den Bootsbau, während ich einige Observationen anstellte und die Anderen sich für die Rückkehr vorbereiteten. Nachdem sie ihren Proviant für den Tag, bestehend aus etwas Brot, Fleischpastete und ein wenig Fleischpulverschokolade erhalten hatten, waren sie bald reisefertig und erhielten gemeinsam mit Balto, der ihnen ja späterhin folgen sollte, ihre Instruktionen.
Vor allen Dingen sollten sie auf die Instrumente, die Tagebücher, Formulare etc. acht geben, von der übrigen Last mußte so viel wie irgend möglich mitgenommen werden; daß vom Proviant nichts zurückbleiben durfte, verstand sich von selbst.
So zogen sie denn thalaufwärts von dannen, geleitet von den besten Wünschen und dem herrlichsten Wetter, und wir setzten unsern Bootsbau fort. Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, das Boot lang und schmal zu bauen, damit es sich leichter rudern ließe, Sverdrup meinte jedoch, daß das zuviel Näherei erfordern würde, es sei besser, den Zeltboden so zu verwenden, wie er war, ihm nur die Form eines Bootes zu geben und das Segeltuch zu flicken, wo es undicht war. Wir würden auf die Weise kein schönes Boot erhalten, aber die Konstruktion würde ungleich leichter werden. Ich ordnete mich natürlich dem Seemann unter. Unglücklicherweise hatten wir, wie bereits früher erwähnt, unsern Segelhandschuh an der Ostküste zurückgelassen; hätten wir den gehabt, so würde das Nähen ungleich schneller von statten gegangen sein, jetzt mußten wir das harte Segeltuch mit den bloßen Händen nähen. Noch weit unangenehmer waren die zahllosen kleinen Fliegen, die uns umschwärmten und uns ganz abscheulich stachen. Es war eine völlige Unmöglichkeit, sich davon zu befreien, sie waren fast noch schlimmer als die Mücken an der Ostküste. Nachdem ich mich eine Weile mit der Segeltuchnadel abgemüht und gefunden hatte, daß ich eigentlich nicht zu der Arbeit taugte, überließ ich sie den beiden Andern, die wahre Meister in dieser Kunst wie in vielem anderen waren, und zog mit der Axt in den Wald, d. h. in das nahegelegene Weidendickicht, um passende Zweige für die Bootsrippen zu holen. Das Gestrüpp war zum Theil so hoch, daß ich völlig darin verschwand und kaum die Spitzen der Sträuche mit ausgestreckter Hand erreichen konnte. Hier waren genügend dicke Zweige, ich fand sogar einen Busch, dessen Zweige an der Wurzel so dick waren wie der Schenkel eines ausgewachsenen Mannes, sie waren aber alle so knorrig, daß es keine Kleinigkeit war, das passende Material zu finden. Endlich hatte ich so ungefähr gefunden, was ich suchte, es war zwar nicht allzuschön, aber wenn man nichts Besseres hat, so muß man vorlieb nehmen. Am Abend war das Boot fertig. Es war zwar kein Prachtexemplar, seine Form hatte große Aehnlichkeit mit der Schale einer Schildkröte, aber es trug uns beide, als wir einen Versuch damit auf dem Teich machten, und darüber waren wir sehr erfreut. Es war 2,56 m lang, 1,42 m breit und 61 cm tief.
Unsere Ruder hatten wir freilich noch nicht fertig; ich hatte zwar einige gespaltene Weidenzweige gefunden, die ich als Ruderblätter zu benutzen gedachte, indem ich Segeltuch zwischen die beiden ausgespreizten Arme spannte, und zu den Ruderstangen dachte ich Bambusstöcke zu verwenden, — ich war aber noch nicht weit damit gekommen, dann plagte mich ebenso wie an den vorhergehenden Tagen ein entsetzlicher Kopfschmerz, und alles, was ich unternahm, ging nur langsam von statten.
Das Innere des Ameralik-Fjords bei Sonnen-Untergang am 27. September.
(Nach einer Photographie.)
Am nächsten Morgen (28. September) sollte auch Balto uns verlassen. Ehe er fortzog, nahmen wir ein kleines Frühstück ein, das Balto mit folgenden Worten schildert:
„Nansen hatte für sich etwas Vorrath zurückbehalten, wovon er und Sverdrup bis nach Godthaab zehren wollten, aber trotzdem durften wir davon essen, denn die Beiden meinten, sie könnten auf der See Vögel schießen und hin und wieder einmal kochen. Als wir mit der Mahlzeit fertig waren, fragte ich: „Hast du genug gegessen, Sverdrup?“ — Er antwortete: „Nein, durchaus nicht, ich bin noch eben so hungrig als zu Anfang der Mahlzeit.“ Nansen sagte: „Ach das thut nichts! Laß das nur gut sein, Sverdrup, wenn wir nach Godthaab kommen, soll dein Bauch schon voll werden!“