Das Boot und sein Erbauer. (Nach einer Photographie.)

So verließ uns denn Balto, und der frische Bursche sprang mit beneidenswerther Leichtigkeit durch das Thal dahin, um noch am selbigen Abend die Andern ganz oben unter dem Inlandseis zu erreichen.

Um die Mittagszeit waren auch unsere vier Ruder fertig und das Boot lag klar zum Gebrauch da. Am schwierigsten war das Anbringen der Ruderbänke. Wir hatten nur das schmale, runde Theodolith-Stativ aus Eschenholz für die eine und zwei schmale Bambusstäbe für die andere Bank. Im Interesse eines gewissen Körpertheils will ich wünschen, daß es lange währt, bis ich mich wieder mit einem so schmalen Sitz behelfen muß.

Nachdem wir zu Mittag ungefähr eben so viel gegessen hatten wie zum Frühstück, wurden die Schlafsäcke, das Zeug und alles, was wir nicht mitnehmen wollten, in das Zelt eingewickelt, das wir mit Steinen beschwerten und gegen etwaiges Regenwetter so gut wie möglich schützten. Unsere beiden Säcke, in denen sich das nothwendigste Zeug, ein Hemd, Strümpfe, Schuhe, ein Paar Ueberzieh-Beinkleider, Fausthandschuhe, Regenzeug etc. befand, nahmen wir mit in das Boot. Außerdem hatten wir zum Schlafen während der Nacht die beiden Rennthierfellwämse der Lappen geliehen und unsere „Komager“ mit dem entsprechenden Senngras eingepackt. Auch unsere photographischen Apparate, Patronen für die Büchse, sowie zwölf Tafeln Erbswurst, eine Blechdose mit sieben Pfund Fleischschokolade, ein Segeltuchsack mit Knäckebrot, eine Dose Leberpastete, drei Pfund Butter und fünf Tafeln Pemikan, meine Segeltuchsbeinkleider, worin dreiunddreißig Fleischbiskuits, zwei Becher, die auch als Schöpfschaufeln benutzt wurden, ein Kochgeschirr, wozu der obere Theil des Kochapparats, von dem der Filzbezug entfernt war, benutzt wurde, sowie endlich eine Büchse nahmen wir noch mit.

Das Gepäck wurde erst auf die Sandaufschwemmung gebracht und dann das Boot. Wir hofften, in dem Boot den Bach hinunterrudern und von hieraus direkt in die See stechen zu können. Aber auch hier sollten wir auf Schwierigkeiten stoßen, indem der Bach so seicht war, daß man an ein Rudern nicht denken konnte. Jedenfalls war es eine völlige Unmöglichkeit wenn wir Beide im Boot saßen. Deswegen ging ich, als der schwerste zu Fuß über die Sandanschwemmung, während Sverdrup versuchen sollte, allein weiterzustängeln. Aber es wurde nicht viel besser. Er mußte in dem kalten Wasser waten und das Boot hinter sich herziehen, und das war kein Vergnügen. Nur an wenigen Stellen konnte er stängeln, an Rudern war gar nicht zu denken, und das Ganze ging nur sehr langsam.

Wir hatten die unglaublichsten Schwierigkeiten der verschiedensten Art zu überwinden, oft lagen wir bis an den Magen im Lehm und im Wasser. Wir wanderten einen halben Tag in diesem Brei herum, der sich um unsere Füße festsog und uns auf jedem Schritt festhielt. Endlich erreichten wir eine Landspitze draußen im Fjord, von wo aus wir in die See hinauszugelangen hofften. Hier entdeckten wir jedoch, daß wir noch weit vom Ziel entfernt waren. Der Bach verzweigte sich in ein Delta und wurde so seicht, daß kein Gedanke mehr daran war, das Boot zu ziehen. Es mußte den Rest des Weges getragen werden. Da es aber schon spät am Abend war, hielten wir es für gerathen, Rast zu machen. Die letzte Abendröthe im Westen hinter den Bergen war verschwunden und ein Stern nach dem andern erglänzte an dem dunkelnden Himmel, wo das Nordlicht sein nächtliches Schauspiel aufführte. Bald lächelte auch der Mond auf uns Beide herab, die wir an dem ersterbenden Feuer saßen und von Grönlands Inlandseis als von einem längst entschwundenen Traum sprachen.

Nach beendeter Abendmahlzeit suchten wir uns Jeder einen Weidenbusch aus, unter dem wir in unseren Pelzen zusammenkrochen und einschliefen.

Kapitel XXII.
Die Seereise in dem „halben Boot“. Die Ankunft in Godthaab.