m nächsten Morgen, den 29. September, trugen wir das Boot über das angeschwemmte Land an die See. Mit der Last durch den zähen Lehm zu stampfen, war ein schlimmeres Stück Arbeit, denn je, — die Füße versanken, sogen sich fest und gaben bei jedem Schritt ein Geräusch von sich wie der Stempel in einer Luftpumpe. Endlich erreichten wir das Ufer und legten das Boot hin, um zurückzugehen und die anderen Sachen zu holen. Hier draußen waren Unmengen von Möven, — wir hatten uns schon auf das frische Fleisch gefreut, leider aber hielten sie sich in einer allzu ehrerbietigen Entfernung. Zu unsern Sachen zurückgekehrt, fanden wir, daß wir jetzt mehr als genug von dieser Lehmstampferei hatten. Wir beschlossen deshalb, den Versuch zu machen, den Rest über das unebene Terrain zu tragen.
Als ich wieder zu unserm Boot zurückkam, sah ich es weit draußen auf der See schwimmen. Das Wasser war inzwischen gestiegen und hatte den ganzen äußeren Theil des aufgeschwemmten Landes überfluthet. Glücklicherweise war Sverdrup, obwohl wir uns so weit vom Ufer befanden und ganz sicher zu sein glaubten, so vorsichtig gewesen, das Boot an einem Stock zu befestigen, den er in den Lehmboden einbohrte. Während ich unsere Sachen bis an eine Landzunge trug, die weit in die See hinausreichte, watete Sverdrup bis an das Boot und ruderte es bis zu demselben Punkt, und so war denn endlich nach fast 24stündigen Anstrengungen auch dies Hinderniß glücklich überwunden, und wir hatten das offene Fahrwasser erreicht.
Wir verzehrten unser Mittagessen und traten unsere erste Seereise an, deren Ziel nichts Geringeres war, als die nördliche Seite des Fjordes, wo wir uns am Lande entlang zu halten beabsichtigten. Zu unserer Freude bemerkten wir jetzt, daß das Boot nicht ganz so schwer zu rudern war, wie wir erwartet hatten. Man konnte zwar nicht sagen, daß unsere Fahrt besonders schnell von statten ging, aber wir kamen doch vorwärts und erreichten das jenseitige Ufer unserer Ansicht nach in ziemlich kurzer Zeit. Dichtigkeit gehörte freilich nicht zu den Tugenden unseres Fahrzeuges, es leckte dermaßen, daß wir das Wasser ungefähr alle zehn Minuten mit unsern Bechern ausschöpfen mußten.
Die Bucht, die sich vor uns ausbreitete, war in unsern Augen ganz ungewöhnlich schön. Ein liebliches, stilles Thal, umgeben von langgestreckten, braunen Weideplätzen und runden, niedrigen Hügeln, erstreckte sich bis an das Ufer. Es war ein Land, das sich ganz vorzüglich zur Rennthierjagd eignen mußte. Alles, was wir mit Nahrung und mit Jagd in Verbindung setzen konnten, interessirte uns am meisten. Der poetische Leser muß es uns nicht verargen, wenn wir diesen Maßstab an die Natur legten.
So ruderten wir denn an Ameragdlas[42] steiler Nordseite entlang und landeten am Abend an einem Punkt, wo wir das Boot aufziehen und einen Schlafplatz finden konnten, was sich nicht überall machen ließ. Wir waren an diesem Tage nicht weit gekommen, aber waren doch zufrieden, uns wieder einmal auf der See tummeln zu können. Den größten Genuß gewährte es uns jedoch, daß wir jetzt nach einer 46tägigen Fastenzeit, in der wir ausschließlich von gedörrten Nahrungsmitteln gelebt hatten, endlich nun wieder frisches Fleisch essen, und zwar uns darin satt essen konnten. Während unserer Bootstour hatte ich sechs von den großen Blaumöven (Larus glaucus) geschossen.
Jagd auf Möven vom Segeltuchboote aus. (Von A. Bloch nach einer Photographie.)
Wir beschlossen, für Jeden von uns zwei dieser großen Vögel zur Nachtkost zu kochen. Sie wurden von Haut und Federn befreit, zu zweien in den Kessel mit kochendem Wasser über das Feuer gesetzt und so wenig wie möglich gekocht. Sverdrup wurde später einmal gefragt, ob wir sie ausgenommen hätten: „Ach, das weiß ich wirklich nicht,“ erwiderte er. „Ich sah wohl, daß Nansen etwas ausnahm, wahrscheinlich waren es die Gedärme.“ — Ob sie denn geschmeckt hätten? — „Ja, — etwas Besseres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen.“
Wir zerlegten die Vögel mit Zähnen und Händen, so gut und so schnell wir vermochten. Es währte auch nicht lange, bis die ersten Vögel mit Kopf, Füßen und allem verschwunden waren. An die zweite Portion gingen wir mit größerer Ruhe heran, wir hatten mehr Genuß davon und tranken von der Suppe dazu. Die Sprache hat keine Ausdrücke, um das Wohlsein der beiden Wilden zu beschreiben, die an jenem Abend an dem nördlichen Ufer des Ameragdlas saßen und mit den Händen in den Kochtopf langten, während der Schein des Feuers fast durch ein ungewöhnlich strahlendes Nordlicht verdunkelt wurde. Der ganze Himmel stand in Flammen, im Süden wie im Norden zuckte es hell auf; plötzlich aber war es, als wenn ein gewaltiger Wirbelsturm über den ganzen Himmel hinzog und alle Flammen vor sich hertrieb, sie am Zenith zu einer wirbelnden Feuermasse vereinend. Das Auge wurde fast davon geblendet. Dann legte sich der Sturm, das Licht schwand mehr und mehr, und schließlich flatterten nur noch einzelne matte Lichtnebel über die Sternenwölbung hin, die in ihrem früheren Glanz funkelte. Und abermals stand man ganz verwundert da. Ein ähnliches Nordlicht habe ich niemals, weder früher noch später gesehen. Und dort unten zu unsern Füßen lag der Fjord, kalt und leidenschaftslos.
Am nächsten Tage (30. Septbr.) ging es nicht so gut mit unserm Boot wie am ersten. Am Vormittage erhob sich ein widriger Wind, der schließlich derartig stürmte, daß wir — statt vorwärtszukommen — zurückgetrieben wurden, und unsere kleine Nußschale von Boot derartig auf den Wellen schaukelte, daß es aussah, als ob wir rettungslos umkippen mußten. Unser Boot war jedoch äußerst seetüchtig, kein Wassertropfen kam zu uns herein, — natürlich mit Ausnahme der Unmengen, die durch den Segeltuchboden eindrangen. Es war ein schweres Stück Arbeit, gegen den Wind zu rudern. Wir zogen deswegen unser Boot ans Land, schliefen ein wenig und warteten, bis der Wind sich gegen Abend gelegt hatte. Dann setzten wir unsere Reise fort. Es währte nicht lange, bis wir an die Landzunge „Nua“ kamen, wo der Itivdlek-Fjord, ein Arm des Ameralik-Fjords, nördlich in das Land schneidet.