An dem schönen, stillen Abend setzten wir über den Fjord, und bei hereinbrechender Dunkelheit erreichten wir das Vorgebirge auf der Südseite. Hier gingen wir an Land, um ein wenig zu Abend zu essen, aber wir fanden kein Brennmaterial und kein Wasser und mußten uns deshalb mit kalter, trockener Kost begnügen, was ja übrigens nichts Neues für uns war. Wir hatten die Absicht gehabt, während der Nacht weiter zu rudern, aber von Westen her, über der wilden Gebirgslandschaft mit dem steilen, scharf geschnittenen Felsgipfel an der Nordseite des Fjords zogen unheilverkündende Gewitterwolken auf. Es wurde so dunkel, daß nicht daran zu denken war, nach der Nordseite hinüberzurudern, wie wir anfänglich beabsichtigt hatten. Deshalb beschlossen wir, das Boot ans Land zu ziehen und ein wenig zu schlafen, vielleicht würde der Mond später aufgehen. Als wir das Boot hinauftragen wollten, hatte Sverdrup das Unglück, ins Wasser zu fallen, was nicht sehr angenehm ist, wenn man sich schlafen legen will und kein trockenes Zeug zum Wechseln hat.

Das Wetter wurde nicht besser, und wir schliefen bis an den hellen Morgen (1. Oktober), der mit strahlendem Sonnenaufgang und einer schwachen, günstigen Brise anbrach.

Am Vormittag kamen wir an die Nordseite des Fjords hinüber, wo wir an Land gingen und uns ein solides Mittagessen mit 2 Möven pro Mann samt einer Suppe bereiteten, die wohl kaum je ihresgleichen gesehen hat. Wir verkochten Erbsen und Brot in der Mövenbrühe, die so stark war, daß wir förmlich fühlten, wie unsere Kräfte wuchsen, während wir die Suppe literweise zu uns nahmen. Wir aßen uns satt und froh. An dieser Stelle, wo wir gelandet waren, wuchsen unglücklicherweise Unmengen von Krähenbeeren (Empetrum nigrum). Es war ganz natürlich, daß wir zum Dessert davon aßen. Sie schmeckten unbeschreiblich erquickend, Obst ist gesund, wir hatten es lange entbehren müssen, und infolgedessen aßen wir, anfangs stehend, dann sitzend, und als auch das nicht mehr gehen wollte, legten wir uns hin, und nun konnten wir es unglaublich lange aushalten. Als wir landeten, war es ganz windstill gewesen, aber während wir aßen, erhob sich ein starker Nordwind, der gerade auf den Fjord stand, so daß wir nicht daran denken konnten, den Kampf gegen Wind und Wetter aufzunehmen. Wir mußten liegen bleiben, wo wir waren, und fuhren mit dem Verzehren der Krähenbeeren fort. Schließlich waren wir so faul, daß wir sie nicht mehr mit den Händen, sondern, auf dem Bauche liegend, die Beeren mit dem Munde pflückten. Dann schliefen wir so, wie wir lagen, ein und schliefen bis zum Abend; als wir aber die Augen aufschlugen, hingen uns die Beeren groß, saftig und blauschwarz vor dem Mund. Natürlich aßen wir wieder, bis wir abermals einschliefen. Wenn die Behauptung begründet ist, daß die Unmäßigkeit zu den größten Sünden gehört, so werden wir Beide, die wir an jenem Tage am Ameralikfjord Krähenbeeren aßen, eine entsetzliche Strafe zu verbüßen haben. Merkwürdigerweise folgte sie nicht gleich auf dem Fuße, — dazu waren unsere Magen wohl in zu guter Ordnung.

Unser Rastplatz am Morgen des 1. Oktober.
(Nach einer Photographie.)

Um Mitternacht flaute der Wind ab, und ich weckte Sverdrup, der sich am Abend trotz des unmäßigen Beerengenusses doch so viel hatte rühren können, daß er Holz sammelte und Wasser für eine eventuelle Nachtmahlzeit holte. In aller Eile kochten und aßen wir. Um 1 Uhr saßen wir im Boot und konnten nun mit frischen Kräften darauf los rudern. Schnell glitt unser Boot in der rabenschwarzen Nacht unter den steilen Felswänden an der Küste entlang. Das Meerleuchten glühte so stark, daß es unter südlichen Himmelsstrichen nicht heller leuchten kann. Unsere Ruder glichen geschmolzenem Silber, und wenn sie das Wasser berührten, so glitzerte und funkelte es bis in die Tiefe hinein mit phosphorartigem Glanz.

An diesem Tage schien es fast, als wenn das Glück uns günstig sei, und in der Beziehung waren wir nicht sehr verwöhnt. Wir hatten gutes Wetter ohne Wind.

Gegen Morgen hörten wir an einer Stelle, wo wir Rast machten, Unmengen von Schneehühnern gerade über uns im Heidekraut gackern. Wir hätten sie mit Leichtigkeit schießen können. Das Jägerblut in mir kochte, aber wir fanden, daß wir keine Zeit hatten, deswegen anzulegen; so bewiesen wir denn die heroische Charakterstärke, diesen köstlichen Leckerbissen den Rücken zu wenden und weiter zu rudern.

Den ganzen Vormittag setzten wir unsere Fahrt ohne Unterbrechung fort. An der ganzen Küste entlang fiel das Ufer so steil in die See ab, daß sich eine Landung nur an sehr wenigen Stellen hätte bewerkstelligen lassen. Gegen Mittag näherten wir uns zu unserer Ueberraschung der Mündung des Fjords. Da wir hier ein Vorgebirge mit einem schönen, flachen Strand fanden, machten wir Halt. Unser Entzücken, so weit gekommen zu sein, kannte keine Grenzen. Es konnte gar nicht mehr weit bis nach Godthaab sein, und in dieser Veranlassung bereiteten wir uns ein Mittagsmahl, das die Mahlzeit des vorhergehenden Tages noch bei weitem übertraf. Ich erinnere mich, daß wir infolge dieser Mahlzeit große Schwierigkeiten hatten, wieder in unser Boot zu kommen, und ich mußte alle Kräfte aufbieten, um mich vorüberbeugen und zu den Rudern greifen zu können.

Zu unserer Ueberraschung bekamen wir jetzt auch günstigen Wind, und es ging am Nachmittag trotz unserer vollen Magen ziemlich schnell vorwärts. Der einzige dunkle Punkt in unserm Dasein waren die schmalen Stöcke, auf denen wir statt auf Ruderbänken saßen. Ein gewisser Theil des Körpers schmerzte derartig, daß ich wünschte, ihn entbehren zu können. Das Glück ist hier auf Erden selten ganz ungetrübt.