So kamen wir denn aus dem Fjord heraus, und in den Strahlen der untergehenden Sonne sahen wir das Meer, die vielen größern und kleinern Inseln vor uns liegen. Die weichen, gesättigten Farbentöne des Himmels spiegelten sich im Meere wieder, das die dunklen Inselchen und Scheeren umwogte. Es sah aus, als schwebten sie frei in einem dunkelglühenden Himmelsraum. Wir hielten mit dem Rudern inne — ein Gefühl der Heimath überkam uns. Genau so liegen die wetterzerklüfteten Inseln daheim im Meere! Der aufspritzende Meeresgischt, der liebkosende Sonnennebel umgiebt sie und dahinter erhebt sich das Land, erstrecken sich die Fjorde. Kein Wunder, daß unsere Vorfahren sich von diesem Lande angezogen fühlten.

Nach Godthaab. (Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)

Wir ruderten aus allen Kräften bis in den Abend. Da aber die Strömung uns direkt zuwider war, mußten wir schließlich auf einer Landzunge landen. Die Uhr war jetzt ungefähr 9, und mit Ausnahme eines kurzen Frühstücks und eines kaum längeren Mittagessens hatten wir nun seit 20 Stunden auf unseren Marterbänken gesessen. Ich kann nicht leugnen, daß es ein wahrer Hochgenuß war, die Glieder auf einer breiteren Grundlage auszustrecken.

Wenn die Mittagsmahlzeit lukullisch gewesen, so war das Abendessen es nicht minder. Zum erstenmal, seit wir den „Jason“ verlassen hatten, aßen wir uns nach Herzenslust satt in Brot, Butter und Leberpastete. Besonders der Butter sprachen wir tüchtig zu. Und zum Dessert gab es so viel Fleischpulverschokolade, wie wir nur essen mochten, und das will etwas sagen. Wir machten ausfindig, daß die Tafeln, fett mit Butter bestrichen, ganz vorzüglich schmeckten. Dazu tranken wir Wasser mit Zucker und Zitronensaft und thaten alles, was in unsern Kräften lag, damit nichts von alledem, womit wir nun so lange gegeizt hatten, zu Menschen kommen sollte, für die es völlig werthlos war, denn das wäre doch zu ärgerlich gewesen.

Zum letztenmal — ehe wir zu Menschen und zu Luxus gelangten — genossen wir den wunderbaren Abend. Während wir dort auf dem Berge unter dem sternhellen Himmel saßen, hatten wir ein Gefühl, als wenn wir Abschied von dieser Natur und diesem Leben nehmen sollten, in das wir uns nun so hineingelebt hatten, und das uns so vertraut geworden war.

Unsere Reise war nun bald beendet, es hatten sich uns viel Mißgeschick und viele unerwartete Hindernisse in den Weg gestellt, aber wir waren doch glücklich über alles hinweggekommen. Wir hatten uns einen Weg durch das Treibeis am Ufer wie über das Inlandseis gebahnt, waren trotz widrigen Winden in unserem gebrechlichen Boot über den Fjord gelangt, wir hatten harte Kämpfe zu bestehen gehabt und große Entbehrungen erduldet, bis wir an das Ziel gekommen waren, dem wir uns jetzt so nahe sahen, — und welche Gefühle bewegten uns jetzt? Waren es die des glücklichen Siegers? Für meine Person muß ich diese Frage mit „Nein“ beantworten. Es war mir nicht möglich, ein anderes Gefühl als das des Gesättigtseins zu empfinden, und das war ja recht gut, aber das Ziel, — nein, auf das hatten wir zu lange gewartet, das kam zu wenig unvorbereitet.

Wir krochen in unseren Pelzen auf einem Heidefleck am Bergabhang zusammen und schliefen in dieser letzten Nacht, die wir unter freiem Himmel verbrachten, so gut wie seit langer Zeit nicht.

Es war bereits spät am Tage (den 3. Oktober), als wir endlich erwachten. Der Wind hatte schon eine ganze Weile an dem Sund entlang auf Godthaab zu gestanden und uns an die Arbeit gerufen, aber endlich hatten wir einmal keine Eile, wir konnten ausschlafen, wir kamen noch immer früh genug ans Ziel.

Wir verzehrten unser Frühstück mit der ehrlichsten Absicht, dem Proviant, den wir noch hatten, ein Ende zu machen; wir aßen Brot und Leberpastete und hieben mächtig auf Butter und Schokolade ein, aber wir mußten es schließlich aufgeben und in See stechen. Später am Vormittag gelangten wir an ein Vorgebirge, südlich von Godthaab, wo wir mehrere Eskimohütten und ein großes europäisches Haus erblickten. Wie wir späterhin erfuhren, war es Neu-Herrnhut, eine der Stationen, welche die deutsche Herrnhut-Mission in Grönland errichtet hat.