Als sich plötzlich ein starker ungünstiger Wind erhob, beschlossen wir über Land bis nach Godthaab zu gehen und richteten den Kurs unseres kleinen Troges dem Lande zu, wo schon eine ganze Schar von Eskimos, hauptsächlich alte Weiber, aus den Häusern gestürzt kamen und an den Strand liefen. Hier scharten sie sich unter Geschrei und Geschwätz zusammen und machten genau dieselben eigenthümlichen Gebärden, von denen wir schon eine Menge an der Ostküste kennen gelernt hatten. Für uns war der Unterschied nur gering, das gleiche Aussehen, die gleiche Häßlichkeit, die gleiche fettglänzende Freundlichkeit.
Sobald wir landeten, versammelten sie sich um uns, halfen uns, die Sachen hinauf zu tragen und das Boot an den Strand zu ziehen, was alles unter ohrenbetäubendem Geplapper, Lachen und verwunderten Ausrufen über uns beide armen Menschen, die in einem halben Boot kamen, vor sich ging. Dieser Name für unser gebrechliches Boot war ganz bezeichnend; es war dem Vordertheil eines Bootes ganz ähnlich. Während wir dastanden und acht auf unsere Büchse und andere werthvolle Dinge gaben, ohne an alle die vielen Menschen um uns her zu denken, die wir ja nicht verstanden, erblickten wir einen jungen Mann, der auf uns zukam. Er trug gewissermaßen grönländische Kleider, hatte aber eine Tam’o-Shanta-Mütze auf dem Kopfe und besaß ein hübsches, blondes Gesicht, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit den Eskimos hatte. Man konnte sich nicht irren, — es mußte ebenso wie die ganze Erscheinung aus dem guten alten Kopenhagen importirt sein. Er trat an uns heran und begrüßte uns, ich erwiderte seinen Gruß. Dann fragte er: „Do you speak English?“ Der Accent verrieth die dänische Zunge, so daß mich diese Frage gewissermaßen in Verlegenheit versetzte, denn ich fand, daß wenig Grund vorhanden war, die Unterhaltung auf Englisch fortzusetzen, wenn wir uns unserer Muttersprache bedienen konnten. Glücklicherweise fragte er, noch ehe ich antworten konnte: „Are you Englishmen?“
Hierauf antwortete ich in gutem Norwegisch: „Nein, wir sind Norweger!“ — „Darf ich nach Ihrem Namen fragen?“ — „Mein Name ist Nansen, und wir kommen über das Inlandseis.“ — „Ach, dachte ich’s doch, darf ich Ihnen dann zu Ihrem Doktorgrad gratuliren!“
Das Erste, wonach ich fragte, war das Schiff nach Dänemark, und ob es schon fort sei? — Ja, das letzte Schiff hatte Godthaab vor zwei Monaten verlassen, und jetzt könnten wir keine Schiffe mehr erreichen. Die einzige Möglichkeit sei, daß man den „Fox“ in Ivigtut einhole, aber der solle Mitte Oktober abgehen und es seien siebzig Meilen bis dahin. Diese Aussichten waren sehr wenig tröstlicher Natur. Die Hoffnung, das Dampfschiff nach Europa zu erreichen, hatte uns über das Inlandseis vorwärts getrieben, der Gedanke an das Schiff hatte uns unablässig im Kopfe gespukt und uns keinen Augenblick unser Dasein genießen lassen. Wir hatten uns damit getröstet, daß wir auf der Heimfahrt alles nachholen könnten, und jetzt — wo wir glücklich soweit waren — hatte das Dampfschiff Godthaab bereits verlassen, ehe wir unsere Eiswanderung antraten. Ein ganzes Luftschloß von schönen Hoffnungen war mit einem Schlage ins Meer versunken. Besonders für die andern war es schlimm, die Freunde und Verwandte, ja selbst Frau und Kinder hatten, nach denen sie sich sehnten, und die so oft davon geredet hatten, wie herrlich es sein würde, wenn sie nun bald nach Hause kämen! Sie sollten einen langen Winter und einen ganzen Frühling warten, während ihre Lieben in der Heimath sie längst für todt hielten. Das durfte nicht geschehen, — so schnell wie möglich mußte eine Post an den „Fox“, unser letzter Rettungsanker, entsandt werden. Während wir hierüber sprachen, kam noch ein zweiter Europäer hinzu; es war der Herrnhuter Missionar, Herr Voged. Er begrüßte uns sehr freundlich, hieß uns willkommen und ließ uns nicht, ohne uns zum Eintreten einzuladen, an seiner Thür vorübergehen.
Er wohnte in dem kirchenähnlichen Gebäude, das sowohl als Kirche wie als Missionshaus diente. Es war eine Veränderung, unsern Fuß wieder in ein civilisirtes Heim zu setzen. Die einfache Ausstattung der Wohnung dieses frommes Mannes erschien uns wie der größte Luxus, — auf einem Stuhl zu sitzen war für uns allein eine Wonne und ganz wunderbar war es, wieder an einem Tisch mit schneeweißem Gedeck zu essen, sich weißer Steingutsteller wie Messer und Gabeln zu bedienen. Ob es uns schmeckte? So unbedingt kann ich das nicht behaupten. Es hatte uns ganz vorzüglich geschmeckt draußen am Feuer, — und es hatte ein eigenartiger Reiz darin gelegen, die Möven mit den Zähnen und den Fingern zu zerlegen, ohne Teller, Messer und Gabeln, ohne alle Ceremonien.
Während wir aßen, kam Pastor Balle aus Godthaab und ein wenig später der Arzt des Oertchens, Dr. Binzer. Das Gerücht von unserer Ankunft war schon bis zur Kolonie gedrungen, da waren die beiden Herren gleich hinausgeeilt, um uns herzlich willkommen zu heißen.
Nun entstand ein Fragen und ein Erzählen über die Reise, man lauschte uns mit dem lebhaftesten Interesse. Dann brachen wir auf und nahmen Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthen.
Groß war unsere Verwunderung, als wir wieder ins Freie kamen und sahen, daß es regnete. Wir waren also vom Glück begünstigt gewesen und hatten die menschlichen Wohnungen rechtzeitig erreicht. In unserem kleinen Trog würde der Regen eine sehr unangenehme Zugabe gewesen sein.
Nachdem man uns versprochen hatte, unser Boot und unser Gepäck sicher zu befördern, zogen wir in einem wahren Platzregen über die Hügel gen Godthaab.
Endlich kamen wir an einen Bergabhang, und nun lag die ganze Kolonie zu unsern Füßen. Es waren nicht viele Gebäude, — etwa vier bis fünf europäische Häuser, eine hochgelegene Kirche und eine Reihe grönländischer Hütten. Der ganze kleine Ort lag in einer Thalsenkung an einer kleinen freundlichen Bucht. Die dänische Flagge wehte von der hohen Flaggenstange oben auf dem an der Bucht gelegenen Flaggenberg. Ringsumher wimmelte es von Menschen, alles war auf den Beinen, um die räthselhaften Inlandsmenschen zu sehen, die in dem halben Boot gekommen waren.