Und dann ging’s bergab. Kaum waren wir in die Nähe der Häuser gekommen, als ein Kanonenschuß über die See hinrollte, ein zweiter folgte und ein dritter, — ein donnernder Salut. Unter Kanonendonner hatten wir Abschied von der Civilisation genommen, unter Kanonendonner zogen wir wieder in die civilisirte Welt ein, denn dazu muß man die Westküste von Grönland rechnen. Man hätte glauben sollen, daß wir sehr kriegerisch gesinnte Individuen seien. Wie viele Schüsse abgefeuert wurden, kann ich nicht sagen, aber eine ganze Menge waren es jedenfalls. Die kleinen Menschen dort oben bei der Flaggenstange hatten ihre liebe Mühe zu putzen und zu laden, während wir uns den Häusern näherten, vor denen sich die Grönländer und Grönländerinnen versammelt hatten, und wo sie in langen Reihen zu beiden Seiten des Weges standen. Sie nahmen sich sehr hübsch aus in ihren malerischen Trachten, besonders die Frauen. Lächeln und Freundlichkeit strahlte uns aus allen Gesichtern entgegen. Es war, als läge heller Sonnenschein über dem Leben.
Aber da kommen die Europäerinnen — die vier dänischen Damen der Kolonie —, die uns entgegengegangen waren. Wir wurden vorgestellt. Es war ganz sonderbar zwischen all diesen mit Pelzen und Beinkleidern angethanen Schönen einmal wieder Frauenröcke zu erblicken.
In der Direktorialwohnung, wo die Frau des Hauses uns in ihrem und in ihres Mannes Namen herzlich willkommen hieß, wurde ein Glas auf unsere glückliche Ankunft geleert, worauf uns der Doktor zu Mittag um vier Uhr einlud.
Bolette, Grönländerin von gemischter Abstammung aus Godthaab.
(Von Inspektor C. Ryberg nach einer Photographie.)
Es war noch lange bis dahin, aber wir konnten die Zeit gut gebrauchen, um uns zu waschen und Toilette zu machen. Zu dem Zweck wurden wir in Baumanns Zimmer geführt. Dies kleine gemüthliche Dachzimmer in der Direktorialwohnung machte einen unvergeßlichen Eindruck auf mich. Eine Spieldose spielte uns „die letzte Rose“ vor. Wie erschraken wir aber, als wir unsere eigenen schmutzigen wettergebräunten Gesichter in einem Spiegel erblickten! Wir sahen gerade nicht salonfähig aus nach unserer langen Enthaltsamkeit in Bezug auf Waschen und Wechseln von Kleidungsstücken.
Es war ein unbeschreiblich wohlthuendes Gefühl, den Kopf ganz in das Waschbecken stecken und eine gründliche Wäsche vornehmen zu können. Ganz rein wurden wir das erstemal freilich nicht. Dann zogen wir reines Unterzeug an, das wir selber mit über das Inlandseis geschleppt hatten. Wir fühlten uns wie neugeboren und waren dazu aufgelegt, das flotte Diner des Doktors einzunehmen.
So waren wir denn in den sicheren Hafen eingelaufen, nun handelte es sich nur darum, unseren Kameraden im Ameralikfjord so schnell wie möglich zu Hülfe zu kommen. Sie wußten ja nicht, ob wir glücklich ans Ziel gelangt oder elend zu Grunde gegangen waren, um sie dem Hungertod preiszugeben. Dann galt es dem „Fox“ unverzüglich eine Botschaft zukommen zu lassen.
Am Nachmittag versuchten wir diese Angelegenheiten zu ordnen, freilich ohne Erfolg. Gleich nachdem wir angekommen waren, brach ein so heftiger Südsturm los, daß die Eskimos, die sehr mäßige Seeleute sind, wenn sie nicht in ihren Kajaks sitzen, sich weigerten, mit einem Boot über den Ameralikfjord zu rudern, um die Andern zu holen. Der Bescheid an den „Fox“ mußte durch einen oder zwei Kajakmänner ausgeführt werden, in der Kolonie fand sich aber Niemand, der dies Amt in diesem Wetter übernehmen wollte. Wir mußten bis zum folgenden Tage warten.
Dann kam die Nacht und wir mußten uns zur Ruhe begeben. Sverdrup sollte oben bei Frederiksen, dem Zimmermann und Bootbauer des Ortes, schlafen, während mir Baumann sein Zimmer zur Verfügung stellte.