Es war ein merkwürdiges Gefühl, in ein ordentliches Bett zu kommen, nachdem wir ein ganzes halbes Jahr hindurch diese Einrichtung hatten entbehren müssen. Ich reckte und streckte mich auf der weichen Unterlage und ein prickelndes Gefühl des Wohlseins durchzuckte alle meine Glieder, vielleicht zum Theil durch das Bewußtsein hervorgerufen, daß unser heißersehntes Ziel jetzt endlich erreicht war. Der Schlaf fiel jedoch nicht so gut aus, wie ich erwartet hatte; ich lag zu weich, war zu sehr an den Schlafsack und das Eis oder den Felsboden als Unterlage gewöhnt und empfand möglicherweise doch eine leise Sehnsucht darnach.

Am Morgen des 4. Oktober erwachte ich aus meinen unruhigen Träumen dadurch, daß eine junge Grönländerin mir Thee und Butterbrot ans Bett brachte — ein neuer Genuß. Nach dieser frühen Mahlzeit stand ich auf und ging hinaus, um mich ein wenig im Orte umzusehen.

Am Strande herrschte Leben und Bewegung, denn eine Ladung Seehunde, die an einem Fangplatz in der Nähe erbeutet waren, wurden ans Land gebracht und zerlegt. Ich begab mich mit Baumann dorthin, — es war ein ganz neuer Anblick für mich, dies Leben hier am Strande. Eine ganze Anzahl von Grönländerinnen lag mit aufgestreiften Aermeln vor den aufgeschlitzten Seehunden. Von einigen wurde das Blut in Eimern aufgefangen, von anderen wurden die Gedärme ausgelöst oder der Speck und das Fleisch zerschnitten. Alles wurde beachtet und benutzt.

Nachdem wir uns an diesem blutigen Schauspiel sattgesehen und die Gewandtheit, die Anmuth und die theilweise sehr hübschen Gesichter der Grönländerinnen zur Genüge bewundert hatten, gingen wir zu Sverdrup hinüber, um zu sehen, ob er aufgestanden sei, und ihn in dem Falle zum Frühstück beim Direktor abzuholen.

Als wir ankamen, saß jedoch Sverdrup bereits mit Herrn Frederiksen an einem opulenten Frühstückstisch mit frischgebratenen Schneehühnern, Schweinefleisch und anderen Delikatessen. Ich bedauerte, daß Sverdrup schon frühstückte, da ich gehofft hatte, wir könnten zusammen essen. Dem sei ja nichts im Wege, meinte Sverdrup. Dies sei sein erstes Frühstück, etwas so Angenehmes könne man ja aber immer wiederholen; er esse erst bei Frederiksen und nachher nochmals beim Direktor, auf diese Weise bekäme er alle Mahlzeiten doppelt. Drei Tage lang ging auch alles gut, dann aber hielt der Magen es nicht mehr aus, und Sverdrup mußte einen halben Tag das Bett hüten. Uebrigens währte es lange, ehe wir uns so richtig satt fühlten und wieder wie gewöhnliche Menschen aßen.

Am Vormittag des 4. Oktober wurden wir endlich eines Menschen habhaft, der sich zum Kajakboten eignete und der bereit war, meinen Auftrag auszuführen. Er hieß Daniel und war aus Neu-Herrnhut. Er sollte sich nach dem ungefähr zwanzig Meilen südwärts gelegenen Wohnplatz Fiskernäs begeben und hier Kajakleute miethen, die mit der Post weiter nach Süden gingen. Ich versprach ihm, daß, wenn die Nachricht den „Fox“ rechtzeitig erreichte, er sowie die anderen beiden Kajakmänner auf der südlichen Station eine Extrabelohnung haben sollten.

In aller Eile schrieb ich nun einen Brief an Herrn Smith, den Betriebsdirektor des Kryolithbruches in Ivigtut. Der „Fox“ gehört nämlich der Kryolithcompagnie. Außerdem schrieb ich an den Kapitän des Schiffes. In diesen zwei Briefen bat ich, daß das Schiff uns aus Godthaab abholen möge, um uns nach Hause zu bringen, falls dies irgend möglich sei. Der Grund, weshalb ich bat, uns abzuholen, statt das Schiff in Ivigtut warten zu lassen, bis es uns möglich war, dort hinabzukommen, war, daß wir bei den schlechten Witterungsverhältnissen nicht berechnen konnten, wie viele Zeit wir gebrauchen würden, um die Andern vom Ameralikfjord zu holen und dann mit einem Boot die 70 Meilen bis Ivigtut zurückzulegen. Ich hielt es für weit einfacher für das Schiff, selbst zu kommen, es wurde dadurch Zeit erspart.

Für den Fall, daß die Kajakpost das Schiff erreichte und dies doch abgehen sollte, ohne uns zu holen, schrieb ich in fliegender Eile einige Zeilen an Etatsrath Gamél, in welchen ich ihm von unserer glücklichen Ankunft an der Westküste in Kenntniß setzte und ihm in kurzen Zügen über den Verlauf der Expedition berichtete.

Außer diesem Schreiben erhielt der Kajakmann noch einen Brief von Sverdrup an dessen Vater.

Der Kajakmann versprach, sofort am Nachmittag abzureisen. Er machte freilich auch, wie man uns sagte, einen Versuch, mußte aber wegen des drohenden Wetters wieder umwenden.