Als das Wetter am Abend noch immer schlecht war, machte der Pfarrer den Vorschlag, vorläufig ein paar Kajakmänner mit etwas Proviant und der Nachricht hinüberzuschicken, daß wir glücklich angelangt seien. Ueber diesen Vorschlag war ich natürlich sehr erfreut, und während der Pfarrer zwei Kajakmänner, die Brüder Terkel und Hoseas, zwei kecke Bursche aus Sardlok, für die Fahrt warb, machte man sich in der Kolonie daran, eine Sendung der ausgesuchtesten Leckerbissen für die armen Verlassenen fertig zu machen. Dieser Proviant wurde in die Kajaks verstaut, nachdem ich noch einige etwas konsistentere Nahrungsmittel wie Butter, Schweinefleisch und Brot, sowie last not least etwas Tabak und einige Pfeifen hinzugefügt hatte. Bei dieser Sendung befand sich eine große dänische Porzellanpfeife mit langem Rohr und ein Pfund Tabak speciell für Balto. Ich hatte es ihm bei irgend einer Gelegenheit im Inlandseise versprochen, als er sich besonders gut gemacht hatte. Als die Kajaks reisefertig waren, gab ich mit Hülfe des Pfarrers, der als Dolmetscher fungirte, dem ältesten der Brüder, Terkel, eine genaue Beschreibung, wo die Gefährten zu finden seien, auch zeigte ich es ihm auf der Karte, aus der er sich sehr gut vernehmen konnte.
Am folgenden Morgen, den 5. Oktober, verließen die Kajakmänner Godthaab, und schon am nächsten Vormittag erreichten sie ihren Bestimmungsort.
Am Vormittag des 5. Oktober machte auch ein Boot den Versuch, nach dem Ameralikfjord hinzurudern, nach wenigen Stunden kehrte es jedoch schon wieder zurück. Die Grönländer sind, wie gesagt, keine Helden, wenn es sich ums Rudern handelt. Gegen Nachmmittag machte das Boot einen zweiten Versuch und kehrte jetzt merkwürdigerweise nicht wieder um; wie wir später erfuhren, waren sie nicht weiter als bis an eine südlich von Godthaab gelegene Insel gelangt, wo die Besatzung in einem Zelt viele Tage liegen blieb, ohne umzuwenden, obwohl die Entfernung so gering war, daß sie in einer Stunde hätten nach der Kolonie zurückrudern können. Dies hat seinen ganz einfachen Grund darin, daß sie in dem Falle keinen Tagelohn erhalten haben würden, und daß sie sich lange nicht so schön hätten amüsiren können wie jetzt im Zelt. Deswegen blieben sie ruhig dort, bis sie ihren Proviant verzehrt hatten.
Am folgenden Tage, den 6. Oktober, kam der Koloniedirektor an in Begleitung des deutschen Missionars Heincke aus Umanak, einer Herrnhuter Missionsstation am Fjorde, etwa neun Meilen von Godthaab entfernt. Der Koloniedirektor war in Umanak gewesen, als einer der Kajakmänner, die von der Kolonie ausgesandt waren, ihn erreichte und ihm einen Brief mit der Nachricht von unserer Ankunft überbrachte. Er und Herr Heincke hatten sofort zwei Kajakmänner zu den vier Leuten geschickt, die sich noch am Ameralikfjord befinden sollten. Diese Kajakmänner überbrachten den Gefährten ebenfalls Speisen von ihm sowie von Herrn und Frau Heincke, und hatten den Befehl, bei ihnen zu bleiben und ihnen auf alle Weise behülflich zu sein.
Am 7. Oktober kehrten Terkel und Hoseas bereits vom Ameralikfjord zurück mit einem Brief von Dietrichson, der uns mittheilte, daß sie sich jetzt, wo sie Ueberfluß an Essen und Trinken hätten und Sverdrup und mich in Sicherheit wüßten, ausgezeichnet wohl fühlten.
Am 9. Oktober wurde das Wetter endlich so gut, daß ein Frauenboot, das ich vom Missionar Voged geliehen hatte, mit einer im wesentlichen aus Grönländerinnen bestehenden Besatzung nach dem Ameralikfjord abgehen konnte. An diesem Tage verließ endlich auch das andere Boot die Insel, wo es sich die ganze Zeit über aufgehalten hatte.
Mehrere Tage lang hörten wir nichts von den Kameraden, die wir jetzt nachgerade erwarten konnte. Besonders die Grönländer waren sehr gespannt, die zwei Lappen zu sehen; denn solche Menschen hatten sie früher nie gesehen.
Die beiden Kajakmänner, die vom Fjord zurückkamen, hatten übrigens ihre Begegnung mit den Gefährten ganz genau beschrieben: „Da waren zwei von dem Volk, das lange Bärte trägt (Norweger), außerdem waren da aber zwei, die ungefähr so waren wie wir, und die trugen eine ganz seltsame Kleidung etc.“ Sie hatten also eine klare Auffassung, daß die Lappen — trotz aller Verschiedenheit — doch einem Volk angehörten, das auf einer Kulturstufe stand, die der ihren sehr nahe kam und völlig verschieden von derjenigen der Dänen oder Norweger war.
Endlich am 12. Oktober kamen sie; die ganze Kolonie kam jetzt auf die Beine, sowohl Europäer wie Grönländer gingen ihnen auf dem Strande entgegen.
Besonders große Aufmerksamkeit erregten die Lappen. Die Grönländer nannten sie Weibspersonen, weil sie lange Gewänder trugen, die an die Röcke der europäischen Damen erinnerten, sowie Beinkleider aus Rennthierfell, was in Grönland nur Sitte für die Frauen ist. Balto schien die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, sehr ruhig hinzunehmen. Er schwatzte und erzählte und stand bald auf dem besten Fuße mit der ganzen Bevölkerung. Ravna ging wie gewöhnlich seinen eigenen, ruhigen Gang, er kam zu mir heran, verneigte sich tief, ergriff meine Hand, sagte nicht viel, strahlte aber vor Freude und Zufriedenheit über das ganze Gesicht.