[42] So heißt der innerste Arm des Ameralik-Fjords.
Kapitel XXIII.
Die vier Zurückgelassenen im Austmannathal und deren Erlebnisse.
n diesem Kapitel will ich Dietrichson selbst erzählen lassen, wie es ihm und seinen Kameraden ergangen ist, auch Balto wird wiederholt Gelegenheit haben, zu Wort zu kommen.
„Alle die Sachen, die wir vorläufig am Rande des Inlandseises hatten zurücklassen müssen,“ schreibt Dietrichson, „mußten an den Ameralikfjord hinuntergeschafft werden, deswegen kehrten Kristiansen, Ravna und ich schon am 27. September zurück, um dies zu beschaffen, während die übrigen drei Mitglieder der Expedition mit dem Bau des Segeltuchbootes beschäftigt waren, in welchem Nansen und Sverdrup nach Godthaab rudern wollten.
Die Entfernung bis zu dem Ort, an welchem sich die Sachen befanden, betrug ungefähr 4 Meilen. Obwohl wir unsere Kameraden erst um 8 Uhr des Morgens verließen, hofften wir doch vor Einbruch der Dämmerung am Ziel zu sein, wir rechneten nämlich darauf, eine bedeutende Strecke abschneiden zu können, indem wir die mit Eis bedeckten Gewässer überschritten, wie wir dies auf dem Wege bergab gethan hatten.
Auf den höher gelegenen Gewässern fanden wir auch noch eine Eisdecke vor, diese war aber jetzt so dünn, daß wir, sobald wir sie betraten, einbrachen. Deswegen blieb uns nichts anderes übrig, als die steilen Felsabhänge und unebenen Moränen zu erklimmen, wobei uns die angeschwollenen Bäche das Vorwärtsdringen sehr erschwerten. Deswegen gelangten wir erst um 7½ Uhr an das Endziel unserer Wanderung, nachdem die Sonne längst untergegangen und die ganze Landschaft in Dämmerung gehüllt war.
Wenngleich eine Dose Leberpastete, eine Portion Fleisch, Schokolade und Fleischbiskuits, woraus unser Proviant während des Bergsteigens bestand, ein ziemliches Quantum Nahrungsstoff enthält, so reichte es trotzdem nicht hin, um den Magen zu füllen und uns zu sättigen. Infolgedessen hatten wir, wie gewöhnlich, einen wahren Heißhunger, als wir am Abend unsern Kessel, der aus einer leeren Blechdose bestand, aufs Feuer setzten. Das Gericht, das wir bereiten wollten, war sehr zusammengesetzter Art, denn es bestand aus den Ueberresten der verschiedenen Proviantsorten, wie Pemikan, Erbswurst, Fleischpepton, Fleischbiskuits, Knäckebrot und Schnitzkohl. Wenn eine Blechdose leer war, hatten wir die zurückbleibenden Krumen in den Sack geschüttet, in welchem sich der Schnitzkohl befand, so daß der Inhalt dieses Sackes allmählich aus allen möglichen Speiseresten bestand. Diese sollten jetzt verwerthet werden. Das Gericht schmeckte indessen ganz vorzüglich, und nachdem wir unsere Mahlzeit eingenommen hatten, krochen wir in den Rennthiersack und schliefen unter freiem Himmel, da das Zelt bereits an den Fjord hinabgeschafft war.
Der nächste Vormittag wurde mit dem Zusammenstauen der verschiedenen Sachen verbracht, die wir auf den Schultern hinabtragen mußten. Erst gegen Mittag konnten wir damit beginnen, einen Theil der Bagage ins Thal hinabzuschaffen. Da wir entschlossen waren, unser sämtliches Hab und Gut in mehreren Wanderungen Stück für Stück hinabzutragen, so kehrten wir wieder um, nachdem wir unsere erste Last an die nördliche Bucht des Langvandet geschafft hatten, und fanden zu unserm Staunen Balto bereits am Lagerplatz. Er berichtete, daß sie nach eintägiger Arbeit mit dem Bau des Bootes bereits soweit vorgeschritten seien, daß er gut hatte entbehrt werden können, deswegen sei er gekommen, um uns zu helfen. Nach seiner Berechnung mußten Nansen und Sverdrup bereits am Mittag desselben Tages ihre Bootsfahrt angetreten haben. Balto hatte denselben Weg eingeschlagen, auf welchem wir hinuntergekommen waren, nur die eisbedeckten Gewässer hatte er umgehen müssen, bis er an das Langvandet gelangte. Da er seinen Weg bedeutend abkürzen konnte, wenn er dies Wasser überschritt, so wagte er den Versuch. Auf der Stelle, von der er ausgegangen, war die Beschaffenheit des Eises ziemlich gut, allmählich aber, je weiter er kam, desto schwächer wurde die Eisdecke, bis ihm, in der Mitte des Gewässers angelangt, nichts übrig blieb, als auf allen Vieren vorsichtig weiterzukriechen; auf diese Weise erreichte er dann mit Noth und Mühe das jenseitige Ufer.
Am nächsten Morgen langten wir mit unserer letzten Last am Ufer des Langvandet an. Balto wollte abermals den Versuch machen, über einen kleinen Arm des Gewässers zu gehen, er schnallte seine Schneeschuhe an und zog den Schlitten hinter sich her. Da ich eine Karte über das Terrain aufzunehmen hatte und infolgedessen oft zurückbleiben und eine Menge Abstecher machen mußte, so beschloß ich, um die Kameraden schneller einzuholen, denselben Richtweg einzuschlagen, dessen sich Balto bedient hatte. Ich schnallte deswegen meine Schneeschuhe an und begab mich auf das Eis, meinen Schlitten hinter mir herziehend. Als ich bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bemerkte ich, daß das Eis ein wenig nachgab, da sich aber eine zweite Eisschicht darunter befand, so ging ich getrost weiter. Die Eisdecke wurde jedoch schwächer und schwächer und bestand schließlich nur noch aus losen, dünnen Schollen. Ich sah mich gezwungen, den kürzesten Weg ans Ufer einzuschlagen. Bald vermochten die Eisschollen mich jedoch nicht mehr zu tragen und ich sank, auf meinen Skiern stehend, durch das Eis. Im Handumdrehen hatte ich die Skier, die nicht an den Beinen festgebunden waren, abgestreift, und mußte nun die 15 bis 20 Ellen, die ich noch vom Ufer entfernt war, schwimmend zurücklegen.