Balto, der auch nahe daran gewesen war, ins Wasser zu fallen, und der gehört hatte, daß ich übers Eis gehen wollte, war, während sich dies zutrug, herbeigekommen. Er macht die folgende Beschreibung davon: „Da ich fürchtete, daß Dietrichson über das schlechte Eis gehen würde, ergriff ich eine Flöte (so nannte er einige kleine Signalhörner, deren wir uns bedienten), lief auf einen Felsgipfel und blies, Dietrichson antwortete sofort und ich lief dahin, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde. Gerade als ich anlangte, war Dietrichson auf das Eis hinausgegangen. Ich sah, daß das Eis sehr schwach war und rief ihm zu, an das Ufer zu mir zu kommen. Aber er kam nicht, er machte noch einige Schritte mit seinen Schneeschuhen und verschwand dann zwischen den Eisstücken. Da rief ich: „Laß den Schlitten fahren und schwimme an den Strand!“ Er that das und schwamm an den Strand. Wir nahmen die Instrumente aus seinen Taschen, damit sie nicht allzu naß werden sollten. Wir wußten aber keinen Rath, wie wir den Schlitten ans Land bringen sollten. Dietrichson meinte, er wollte wieder zurückschwimmen, ihn holen und ans Land bringen. Da sagte ich: „Thue das nicht, du frierst todt.“ Dann rief ich Kristiansen zu, daß er eine lange Stange, nämlich ein Bambusrohr, bringen solle und ein Tau, um den Schlitten damit ans Land zu bringen; aber Dietrichson kehrte sich nicht an meine Worte, sondern ging wieder auf den See hinaus. Sobald er auf eins der Eisstücke gekommen war, fing dies an umzukippen, und er verschwand kopfüber in dem See. Darauf schwamm er wieder an den Strand. Ich lief auf einen Felsgipfel hinauf und pfiff aus Leibeskräften. Da lief Kristiansen auf einen Felsgipfel hinauf und schrie: „Was ist da los?“ Ich rief: „Bringt ein Bambusrohr und ein Tau, Dietrichson ist in den See gefallen, und der Schlitten steht auf dem Eise.“ Kristiansen erschrak sehr, denn er glaubte, daß Dietrichson umgekommen sei und daß nur der Schlitten auf dem Eise stehe. Da lief Kristiansen mit diesen Dingen so schnell er konnte, und dann zogen wir den Schlitten und die Büchse an den Strand und begaben uns nach der Feuerstelle, wo die Andern Kaffee kochten, und dort blieben wir die Nacht, denn Dietrichson war durch und durch naß geworden.“

„Nachdem wir die Bagage aufs Land geschafft hatten,“ fährt Dietrichson fort, „wanderten wir weiter bis zu dem Ort, wo die Mahlzeit zubereitet war und wohin die Uebrigen die Sachen geschafft hatten, die am vorhergehenden Tage ans Wasser hinabgetragen waren. Eine Tasse Kaffee schmeckte vorzüglich und erwärmte im Verein mit einem theilweisen Wechsel der Kleidungsstücke meine erfrorenen Glieder gar bald wieder.

So hatten wir denn unsere Bagage wieder vollzählig beisammen. Wir merkten aber bald, daß wir nicht mehr im stande waren, so große Bürden wie bisher zu tragen. Wenn wir dieselben in der Weise verminderten, daß wir statt zwei Wanderungen drei unternahmen, so würden wir damit zu viel Zeit hinbringen, um rechtzeitig unten am Fjord sein zu können, wo uns der Verabredung gemäß die Böte abholen sollten. Ich beschloß deshalb, einen Schlitten und ein Paar Schneeschuhe zurückzulassen. Um sicher zu sein, daß die Lasten gleichmäßig vertheilt waren, machten wir aus Schneeschuhen, Bambusrohren und Tauen eine Wage, und während die Uebrigen damit beschäftigt waren, die acht Lasten abzuwägen, zog ich thalabwärts weiter, um meine Croquis aufzunehmen. Als ich am Abend zurückkehrte, waren sämtliche Sachen derartig vertheilt, daß alle Lasten gleich schwer waren. Wir krochen darauf in unsere Schlafsäcke, um am nächsten Morgen unsere Wanderung in aller Frühe wieder antreten zu können.

Um 6 Uhr waren wir Alle auf den Beinen, und nach einem strammen Marsch, auf dem wir u. a. durch einen kleinen Bach waten mußten, kamen wir gegen Abend am Gänseteich an, wo wir uns wieder in unseren Schlafsäcken zur Ruhe begaben.

Am nächsten Morgen (2. Oktober), nachdem wir einige Stunden marschirt hatten, kamen wir an einen langen, steilen, aber ziemlich ebenen grasbewachsenen Abhang. Hier setzten wir die Schlitten nieder, beluden sie mit unserem Gepäck, und nun ging es leicht und schnell bis an den unten fließenden Bach hinab. Hier sah es aber durchaus nicht verlockend für uns aus! Der Bach war nicht wiederzukennen, — in den vier Tagen, welche verflossen waren, seit wir ihn zuletzt gesehen hatten, war das Wasser ungefähr um das Vierfache gestiegen. Hinüber mußten wir indessen, denn weiter unten an der Seite, an welcher wir uns befanden, drängte der Bach sich bis hart an die lothrechte Felswand, so daß keine Rede von einem Vordringen sein konnte. Außerdem befanden sich unser Zelt und die übrigen am Fjord zurückgelassenen Sachen auf dem jenseitigen Ufer. An der zum Waten günstigsten Stelle betrug die Breite des Baches reichlich 100 Ellen; diese Strecke mußte also dreimal zurückgelegt werden, erst mit der einen Last, dann zurück, um die zweite zu holen, und abermals mit dieser hinüber. Während die beiden Lappen ihre Kleidungsstücke anbehielten, um sich dadurch gegen das eiskalte Wasser zu schützen, zogen Kristiansen und ich es vor, uns der Beinkleider und Strümpfe zu entledigen, um dieselben nach vollbrachtem Werk trocken wieder anziehen zu können. Die Schuhe behielten wir dagegen an, um unsere Füße nicht an den scharfen Steinen zu verletzen. Die Strömung war sehr reißend, wir mußten deshalb unsere Bambusstöcke in die Hand nehmen, um uns darauf zu stützen und unsern Weg tastend über den unebenen Boden zu finden. Denn wenn die Strömung uns die Füße unter dem Leibe weggerissen hätte, wären wir wohl kaum im stande gewesen, uns wieder aufzurichten, da das schwere Gewicht, das wir auf dem Rücken trugen, unfehlbar unsere Köpfe unter Wasser gehalten haben würde. Es war ein kaltes Vergnügen, diese drei- bis vierhundert Ellen durch das Eiswasser zu waten, das uns bis an den Magen reichte. Kristiansen und ich waren völlig blau an den Beinen, als wir endlich mit unserer zweiten Last das jenseitige Ufer glücklich erreicht hatten, nachdem wir aber die abgefrorenen Körpertheile tüchtig gerieben und unsere trockenen Kleidungsstücke wieder angezogen hatten, wurden wir gar bald warm, während die beiden Lappen das nasse, kalte Zeug anbehalten mußten und nichts weiter thun konnten, als es auszuwringen, so gut es eben gehen wollte. Falls der Bach im selben Maße fortfuhr anzuschwellen, wie er es in diesen vier Tagen gethan hatte, würde es zwei, ja selbst nur einen Tag später völlig unmöglich für uns gewesen sein, hinüber zu gelangen.

Es war noch nicht 12 Uhr, da wir hier aber Brennmaterial zur Hand hatten, beschlossen wir, eine Erbsensuppe zu kochen und unser Mittagessen ein wenig früher als gewöhnlich einzunehmen. Eine warme Mahlzeit war uns Allen nach dem kalten Bade äußerst erwünscht.

Um 2 Uhr des Nachmittags (den 2. Oktober) langten wir mit unserer ersten Last am Ufer des Fjordes an. Hiermit ließen wir uns vorläufig genügen und den übrigen Theil der Bagage einstweilen eine Strecke thalaufwärts liegen, denn wir wollten den Rest des Tages zum Instandsetzen unseres Zeltes benutzen. Dieses sowie den einen Schlafsack und die übrigen Sachen, die wir mitgebracht hatten, als wir die Küste zum erstenmal erreichten, und die von unseren Kameraden zurückgelassen waren, fanden wir wohlbehalten unter einigen Büschen vor. Die Zeltstangen waren jedoch verschwunden, sie waren zum Bau des Bootes verwendet worden, deswegen mußten wir sie durch andere Bambusrohre ersetzen. Nachdem dies geschehen war, wurde das Zelt errichtet.

Sechs Tage waren jetzt vergangen, seit wir zuletzt hier gewesen waren. Während dieser ganzen Zeit waren wir ungewöhnlich vom Wetter begünstigt worden, des Tags hatten wir herrlichen Sonnenschein gehabt, ohne daß uns die Hitze lästig gewesen wäre, und des Nachts einen sternenklaren Himmel bei verhältnißmäßig milder Luft. Es konnte deswegen nur als eine Annehmlichkeit bezeichnet werden, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.

Der Umstand, daß wir nur einen Schlafsack hatten und infolgedessen genöthigt waren, uns zu Vieren hineinzuzwängen, trug freilich sehr wesentlich dazu bei, daß wir nichts von der Nachtkälte verspürten.

Um 5½ Uhr am nächsten Morgen waren wir wieder auf den Beinen, und nachdem wir unser Frühstück verzehrt hatten, gingen wir thalaufwärts, um den Rest der Bagage zu holen; gegen Mittag trafen wir wieder an unserem Lagerplatz ein. Da wir auf die Möglichkeit gefaßt sein mußten, hier in aller Ruhe einige Tage zu verbringen, packten wir einen Theil unserer Sachen aus und ordneten alles auf die bequemste, angenehmste Weise. Der Proviant wurde nachgesehen und aufgezählt, und es stellte sich heraus, daß wir außer Pemikan für längere Zeit noch Brot für sechs und Erbswurst für fünf Tage hatten, wenn wir nur ein Minimum von diesen Sachen verwendeten. Fettstoff hatten wir dagegen gar nicht mehr, schon vor fünf Tagen hatten wir den letzten Rest verzehrt. Auch an Salz gebrach es uns, da einige von den Mitgliedern der Expedition in der letzten Zeit unverhältnißmäßig viel davon konsumirt hatten.