Wir konnten jetzt täglich Nachricht von unseren Kameraden erwarten, die nach Godthaab ausgezogen waren. Ja, wir hatten sogar im stillen gehofft, daß wir das Boot, das uns abholen sollte, schon vorfinden würden, wenn wir mit unserer Bagage den Fjord erreichten. Noch hatten wir keinen Grund über das Schicksal unserer Kameraden in Sorge zu sein, wenn aber noch acht Tage verstrichen, ohne daß wir von ihnen hörten, mußten wir versuchen, die Kolonie auf dem Landwege zu erreichen, denn dann konnten wir annehmen, daß sie verunglückt waren. Unser Proviant mit Ausnahme von Pemikan würde dann bereits seit mehreren Tagen verzehrt sein. Von diesem einen Nahrungsmittel war jedoch noch genügend vorhanden, um eine solche Wanderung unternehmen zu können.
Wir zündeten ein Feuer vor dem Zelt an, lagerten uns um dasselbe und genossen die Ruhe, deren wir so sehr bedurften. Den ganzen Nachmittag verbrachten wir auf dem Rücken in dem weichen Heidekraut liegend, in dem erhebenden Gefühl, daß jetzt die schwerste Zeit überstanden war, und daß jetzt voraussichtlich bessere und bequemere Tage für uns kommen würden.
Früh am Abend begaben wir uns zur Ruhe und erst spät am nächsten Vormittag steckten wir die Köpfe wieder zum Zelt hinaus. Ich benutzte den Vormittag, um mein Croquis zu vollenden. Kristiansen ging mit der Büchse über der Schulter aus, um auf Wild zu fahnden, kehrte aber schon nach einigen Stunden unverrichteter Sache wieder zurück. Den übrigen Theil des Tages verbrachten wir in aller Ruhe. Auch den folgenden Tag benutzten wir zur Rast.
Gerade vor unserem Zeltplatz war das Ufer des Fjordes völlig unzugänglich für ein Boot, deswegen begab ich mich am Vormittag des 6. Oktober auf eine Landspitze hinaus, die sich weit in den Fjord hineinerstreckte und die mit Gesträuch bewachsen war, theils um einen guten Landungsplatz für das Boot zu suchen, theils um mich nach Wild umzusehen. Als ich kaum den halben Weg zurückgelegt hatte, vernahm ich einen Schuß! Der konnte nur von einem Sendboten unserer Kameraden herrühren! Oder waren es etwa Grönländer, die gleich mir auf Jagd ausgegangen waren? Ich eilte auf den Höhenrücken, um zu sehen, ob ich irgend etwas entdecken könne, und es währte auch nicht lange, bis ich zwei Grönländer erblickte, die über die Landzunge gingen, auf dem Rücken Bündel und Säcke tragend, die nach Art der Eskimos in breiten über die Stirn laufenden Tragriemen hingen. Als ich sie anrief, machten sie sofort Halt, und wir gingen einander entgegen. Es stellte sich heraus, daß meine erste Vermuthung richtig gewesen war: es waren zwei Kajakmänner, die uns Botschaft von Nansen brachten. Sie überlieferten uns einen Brief, in dem er schrieb, daß sie glücklich angekommen seien und daß er uns vorläufig etwas Proviant sende, Böte mit reichlicheren Vorräthen würden bald nachkommen und uns abholen, wegen des starken Sturms sei es jedoch bisher nicht möglich gewesen, die Leute zur Abfahrt zu bewegen. Ich kehrte natürlich sofort um und führte die Ankömmlinge nach dem Lagerplatz.
Den ganzen Vormittag hatte mich ein wahrer Heißhunger gequält, aber trotzdem hatte ich mein einfaches Mittagsmahl, aus einem Stück trockenen Fleischbiskuits und etwas Pemikan bestehend, gewissenhaft aufbewahrt, um es erst zur Mittagszeit zu verzehren. Jetzt wußte ich, daß wir wenigstens vorläufig keine Noth leiden würden, da uns Nansen Proviant gesandt hatte. Deswegen konnte ich mein Mittagsmahl getrost in Angriff nehmen. Es währte nicht lange, bis ich es herausgeholt hatte, und im Handumdrehen war es verzehrt.
Zwischen der Landzunge, auf der wir uns befanden, und unserem Lagerplatz ragte ein steiler, hoher Fels empor, den wir erklimmen mußten, um an das Zelt zu gelangen. Oben angelangt, gab ich den Kameraden ein Zeichen. Sie stürzten aus dem Zelt heraus, und als sie meine Begleiter erblickten, begriffen sie sofort, daß sie Abgesandte unserer vor zehn Tagen abgereisten Genossen seien, weshalb sie meinen Ruf mit einem Freudengeheul beantworteten. Ich war ausgegangen, um nach Wild zu suchen, aber obwohl ich das Gesuchte nicht fand, bin ich doch niemals mit einer willkommeneren Jagdbeute heimgekehrt als an jenem Tage.
Am Lagerplatz angelangt, placirten wir uns Alle um die von den Grönländern mitgebrachten Sachen. Zuerst las ich Nansens Brief laut vor. Er enthielt nur erfreuliche Kunde mit Ausnahme der Nachricht, daß wenig Aussicht für uns vorhanden sei, noch in diesem Jahr nach Europa zurückzukehren. In unserem Freudenrausch hatten wir für diesen Kummer kaum Gedanken. Dann ging es an das Auspacken der Packete, und neugierig wie Kinder, die den Weihnachtstisch umstehen, öffneten wir eins nach dem anderen. Wir erfreuten uns an dem Anblick aller der guten Sachen, die uns gesandt waren, — Brot, Fleisch, Kaffee, Tabak. Den größten Jubel aber erregte der reichliche Vorrath an Butter und Speck, denn wir hatten den Mangel an Fettwaren sehr empfunden. Auch an Dilikateßwaren fehlte es nicht, indem die dänischen Damen in Godthaab uns mit Kuchen und Süßigkeiten bedacht hatten. Wir machten uns sofort ans Essen, und wohl niemals hat Einer von uns so in Fettstoff geschwelgt wie wir an jenem Tage; wir waren förmlich wild darauf.“
Balto schildert diese Scene folgendermaßen:
„Nachdem Dietrichson mit seinen Kakes in der Tasche fortgegangen war, stieg ich auf eine Felsspitze, die 300 Fuß hoch war. Sobald ich hinaufkam, erblickte ich drei Männer, die mir entgegenkamen, den einen Mann kannte ich, es war Dietrichson, der die Männer getroffen hatte, welche von Godthaab ausgesandt waren, um uns Proviant zu bringen. Ich lief gleich nach dem Zelt und erzählte den Beiden, die im Zelt waren, daß ich Leute kommen sähe. Die Beiden glaubten es nicht. Aber ich holte trockenes Holz, machte Feuer an, holte Wasser und füllte den Kaffeekessel und setzte ihn aufs Feuer, ehe die Leute kamen, denn ich dachte mir, daß sie Kaffee bei sich haben würden. Gleich nachdem sie ins Zelt gekommen waren, untersuchte Dietrichson, was für Nahrungsmittel sie uns aus Godthaab gesandt hatten. Ich sah, daß Nansen mir eine Pfeife und Tabak geschickt hatte, sofort nahm ich die Pfeife und den Tabak in die Hand und fing an zu rauchen, die Anderen fingen an zu essen. Das Brot wurde in fingerdicke Stücke geschnitten und ein halber Zoll Butter auf das Brot gelegt, und dazu aßen wir noch Schweinefleisch und tranken Kaffee dazu.“ — —
„Während wir noch mit der Mahlzeit beschäftigt waren,“ fährt Dietrichson fort, „vernahmen wir abermals einige Schüsse in der Richtung der Landzunge, wo ich die beiden Grönländer getroffen hatte, und bald darauf wurden zwei Männer auf der vorhin erwähnten Höhe zwischen der Landzunge und unserm Lagerplatz sichtbar. Sie kamen zu uns herab und überreichten uns Briefe aus Umanak und von dem Koloniedirektor Bistrup und von einem Grönländer, Buchdrucker Möller, beide aus Godthaab und auf Besuch in Umanak, sowie einen von dem deutschen Missionar des Ortes, Herrn Heincke. Außer diesen Briefen brachten sie uns auch Erfrischungen von Herrn Bistrup und Herrn Heincke mit. Es war uns eine große Freude, diese Briefe zu empfangen, denn die warmen und herzlichen Worte, in denen sie abgefaßt waren, zeigten uns, daß wir bald zu Leuten kommen würden, die sich aufrichtig über unsere Ankunft freuten, und die uns mit offenen Armen empfangen würden.