Wir luden unsere Gäste ein, in unser Zelt zu kommen, damit sie sehen konnten, wie es bei uns aussah. Als sie unsere Schlafsäcke sahen, zeigten die zuletzt angekommenen Grönländer erst auf sich selbst, dann auf die Schlafsäcke, legten die Hand an die Wange und schlossen die Augen. Dann zeigten sie auf das Zelt und auf alles, was darin war, machten eine Gebärde, als wenn sie es auf den Rücken legten, und winkten dann mit der Hand über den Fjord. Hieraus verstanden wir, daß sie bei uns übernachten und daß wir sie dann nach der Kolonie begleiten sollten. Die mitgebrachten Sachen hatten sie noch in den Kajaks draußen an der Landzunge liegen, weswegen Kristiansen und Balto sich anschickten, sie dort hinauszubegleiten, um alles herbeizuholen. Als auch Nansens Boten Miene machten, sich zu entfernen, brachte ich aus ihnen heraus, daß sie gleich nach Godthaab zurückkehren sollten. In aller Eile setzte ich nun einige Worte an Nansen auf, ihm für die übersandten Waren dankend und ihm in aller Kürze von unserem Ergehen berichtend.

Als die Gefährten mit der neuen Proviantsendung anlangten, fand abermals ein feierliches Auspacken statt. Die verschiedenen Gegenstände wurden, während sie aus ihren Hüllen zum Vorschein kamen, laut aufgerufen, und als der Eine „Branntwein“, der Andere „Zucker“ und ein Dritter „Lichte“ rief, waren wir uns sogleich darüber einig, den Abend mit einem Glase Grog im Zelte feierlich zu begehen. Es war bereits spät am Nachmittage, deshalb machten wir uns gleich daran, einen Punsch zu brauen. „Wie viel Wasser?“ fragte der Eine. „Ach, wir müssen wohl so viel machen, daß Jeder zwei Becher voll bekommt,“ antwortete ich. So wurde denn das Wasser gekocht und Zucker und Branntwein hineingethan. Seit wir den „Jason“ verließen, waren keine Spirituosen über unsere Lippen gekommen. Jetzt waren aber die Strapazen überstanden, und wir konnten getrost den erhaltenen Branntwein genießen. Einen starken Grog hätten wir wohl kaum vertragen können, den, der hier servirt wurde, konnten wir ruhig trinken, ohne befürchten zu müssen, daß er uns zu Kopf steigen würde, denn Balto hatte unglaublich viel Wasser hineingethan, und wir hatten nur wenig Branntwein. Das Schlimmste war aber doch, daß sich der Branntwein schließlich als Aquavitae entpuppte. Trotzdem schmeckte er uns ausgezeichnet.“

Balto, ein Kenner in solchen Dingen, sagt in seiner Beschreibung, „daß der Punsch dünne werden muß, wenn man von einer Flasche „Akevit“ sechs Flaschen Punsch macht, — es schmeckte nach nichts.“

„Auch an Cigarren fehlte es nicht, und aus diesen entsandten wir mächtige Rauchsäulen in das Zelt, als wenn wir so schnell wie möglich das Versäumte nachholen wollten, denn mit dem Tabak war es die ganze Zeit hindurch sehr schlecht bestellt gewesen, so daß einzelne Mitglieder der Expedition schließlich versucht hatten, ihn durch Werg zu ersetzen, das sie in die Pfeifen stopften.

Nansen schrieb, er und Sverdrup lebten bei dem Kolonialdirektor in Godthaab wie die Prinzen, aber wir fühlten uns in diesem Augenblick nicht minder wohl, und wir waren uns Alle darüber einig, daß es der gemüthlichste Abend sei, den wir im Zelt verbracht hatten, denn das Bewußtsein, daß unsere beiden Kameraden glücklich bis an bewohnte Stätten vorgedrungen waren und daß wir täglich die nach uns ausgesandten Boote erwarten konnten, sowie der Umstand, daß wir so reichlich mit Speise und Trank versehen waren, hatte sämtliche früheren Leiden verwischt, so daß wir jetzt alles nur im rosigsten Lichte erblickten.

Wir wohnten nun wieder zu Sechsen im Zelt, diesmal aber waren drei Nationen vertreten. Unsere Gesellschaft bestand aus zwei Grönländern, zwei Lappen und zwei Norwegern, die alle ihre eigene Zunge sprachen, ohne von den Andern verstanden zu werden, mit Ausnahme der Lappen, denn Balto und auch zum Theil Ravna verstanden und sprachen norwegisch. Obwohl infolgedessen eine fast babylonische Sprachverwirrung im Zelte herrschte, war die Unterhaltung dennoch eine sehr lebhafte, und es wurde uns gar nicht so schwer, uns miteinander verständlich zu machen, denn außer zu Zeichen nahmen wir unsere Zuflucht zu einem grönländischen Wörterbuch und einer Sprachlehre, die wir mitgebracht hatten. Unsere beiden Gäste, Peter, ein vorzüglicher Fänger aus Godthaab, und Silas, ein tüchtiger Rennthierschütze aus Umanak, waren begabte und wohlunterrichtete Grönländer, die nicht nur schreiben und lesen, sondern auch zeichnen konnten. Ihre Risse von der Wohnung des Kolonialdirektors in Godthaab, wie von dem Hause des deutschen Missionars in Umanak waren so vortrefflich, daß wir die Gebäude später, als wir sie erblickten, sofort erkennen konnten.

Wir befanden uns an diesem Abend so wohl in unserem Zelt, daß es lange währte, ehe wir uns zur Ruhe begaben. Kristiansen, Balto und ich krochen in den einen Schlafsack, Ravna und die beiden Grönländer in den andern. Die Lichter wurden ausgelöscht und wir legten uns schlafen. Es sollte jedoch noch eine ziemliche Zeit vergehen, ehe wir einschliefen, denn kaum waren wir zur Ruhe gegangen, als unsere beiden Gäste anfingen, geistliche Lieder zu singen. Nachdem der dritte Gesang beendet war, beteten sie ein Vaterunser. Dies war die Abendandacht, die sie des Sonntags hielten, ehe sie sich zur Ruhe begaben. Ich nehme wenigstens an, daß sie die Andacht hielten, weil es ein Sonntag war, oder etwa auch, weil sie sich zwischen lauter fremden Menschen befanden und sich möglicherweise nicht ganz sicher fühlten. Als wir am nächsten Abend vergebens auf eine Wiederholung dieses Gesanges gewartet hatten, baten wir sie schließlich, zu singen, sie waren jedoch nicht dazu zu bewegen.“

Am folgenden Morgen ging Silas auf die Rennthierjagd. Dietrichson hatte große Lust, ihn zu begleiten, wollte aber die Gefährten nicht im Stich lassen, die an diesem Tage damit begannen, die Sachen von dem Zeltplatz weiter auf die Landzunge hinaus zu schaffen.

In seinem Tagebuchbericht fährt Dietrichson fort:

„Während einer unserer einfachen Mahlzeiten auf dem Inlandseis war einmal die Rede darauf gekommen, welches Gericht sich ein Jeder von uns in diesem Augenblick wünsche. Wir empfanden den Mangel an Fettstoff sehr, deswegen wurden wir uns sämtlich darüber einig, daß wir das größte Verlangen nach Buttergrütze (Smörgröd) hatten, und Nansen versprach uns, daß wir dies Gericht haben sollten, sobald wir nach Godthaab gelangten. Unter allen den guten Dingen, die er uns gesandt hatte, befand sich denn auch Butter und Weizenmehl, so daß wir nun instandgesetzt waren, diese oft von uns besprochene Speise zu bereiten. Unsere erste warme Mahlzeit nach Empfang der Proviantsendung bestand deswegen aus Buttergrütze, und der Appetit ließ denn auch nichts zu wünschen übrig. Wir hegten im Anfang einige Bedenken, unsern Hunger völlig zu befriedigen, da wir glaubten, daß es nicht so ganz gesund sein könne, da wir längere Zeit hindurch sehr knapp und ausschließlich von konzentrirten Eßwaren gelebt hatten, die den Magen nicht füllten, und nach deren Genuß man sich folglich nicht satt fühlen konnte. Dann aber dachten wir: „Ach was, wir haben so viel ertragen, da werden wir auch dies wohl ertragen können,“ und hieben aus allen Kräften ein.