Wir lagen noch im Gras und streckten unsere Glieder nach der Mahlzeit, als wir unsern Freund Silas oben auf dem Hügel erblickten. Er kam auf das Zelt zu, etwas großes, schweres auf dem Rücken schleppend. Sollte das wirklich ein Rennthier sein? Einige meinten Ja, andere Nein. Da sahen wir aber das Rennthiergeweih über seine Schulter ragen, und nun war kein Zweifel mehr möglich, — er mußte eins geschossen haben. Wir waren Alle sehr erfreut, die Lappen aber geriethen förmlich außer sich vor Glückseligkeit, denn nun sollten sie wieder ihr Nationalgericht kosten, das sie so lange hatten entbehren müssen. Balto lief ihm entgegen, hüpfte und tanzte im Kreise um ihn herum, klopfte ihm auf die Schulter und wußte nicht, wie er seiner Freude Ausdruck geben sollte. Inzwischen war der Jäger am Lagerplatz angelangt und legte nun seine Bürde ab, die aus der Haut, dem Kopf, einer Keule, Talg und den Markknochen bestand, — das Uebrige hatte er zur Abholung am nächsten Tage liegen lassen. Silas schenkte uns die Markknochen und gab Jedem ein Stück Talg, dann bedeutete er uns, daß wir den Kessel aufsetzen und dies zusammen mit der Keule kochen sollten, um das Gericht gemeinsam zu verzehren. Die Grönländer essen das Fleisch übrigens ebensogern roh wie gekocht, und unsere beiden Gäste hatten es schon in dieser Form in Angriff genommen. Es war nur eine gute Stunde vergangen, seit die Buttergrütze verzehrt war, aber trotzdem kam der Kessel sofort wieder aufs Feuer, und nach Lappenart lagerten wir uns um dasselbe herum und nahmen einen Probebissen nach dem andern aus dem Kessel heraus, so daß die meisten von uns ganz gesättigt waren, als das Fleisch völlig mürbe gekocht war, so wie die Lappen es wünschten. Späterhin am Abend machten wir uns abermals daran, und noch am selben Tage war das sämtliche Fleisch verzehrt. Man ersieht hieraus, daß unsere Mägen ziemlich elastisch waren, und daß sich unsere Gedanken in diesen Tagen hauptsächlich um das Essen drehten, aber dies ist sehr verzeihlich, wenn man bedenkt, daß wir so ausgehungert waren, daß wir niemals das Gefühl hatten, satt zu sein, selbst wenn wir so viel gegessen hatten, wie wir nur vermochten.“

„Von nun an“ — sagt Balto — „kamen bessere Tage, wir vergaßen allmählich die beschwerliche Reise, die wir hinter uns hatten, — mit Hunger, Durst, Frost und Trübsal im Eise.“

„Die beiden Grönländer,“ bemerkte Dietrichson weiter, „machten sich am nächsten Tage auf, um den Rest des Rennthieres zu holen, während wir das Zelt und die übrigen Sachen auf die Landzunge hinausschafften, denn nach Aussage der Grönländer konnten wir nun (es war der 8. Oktober) die Boote erwarten, die uns holen sollten.

Als die Grönländer am Nachmittag mit dem Rennthier zurückgekehrt waren, das sie an den Landungsplatz ihrer Kajaks trugen, fanden sie sich auf unserm neuen Lagerplatz mit einem großen Stück Fleisch ein, das sofort gekocht wurde. Weil es jetzt aber regnete, so konnte das Fleisch diesmal in aller Ruhe kochen, bis es gar war, worauf es im Zelt servirt wurde. Ein Schneehuhn, das Peter geschossen hatte, schenkte er uns ebenfalls. Vorher nahm er jedoch die Eingeweide heraus, wie wir glaubten, um sie für uns zu reinigen, zu unserm Staunen aber verzehrte er sie, und zwar scheinbar mit großem Appetit.“

Es vergingen noch mehrere Tage, ohne daß man etwas von den Booten erblickte; merkwürdigerweise war das Wetter am Fjorde gut, während es draußen stürmte und regnete.

„Am Morgen des 11. Oktober,“ fährt Dietrichson fort, „wurden wir um 7 Uhr durch den Laut mehrerer Schüsse aus unserm friedlichen Schlummer geweckt. Wir ahnten sofort, um was es sich hier handelte, deshalb sprangen wir aus den Schlafsäcken, ergriffen Gewehr und Patronen, steckten die Köpfe aus der Zeltthür und gaben eine Antwort durch mehrere Schüsse. Es konnte nur die Besatzung der sehnlichst erwarteten Boote sein, die gleich den früher angekommenen Grönländern ihre Ankunft durch Schüsse signalisirte. Im Handumdrehen waren wir in unsern Kleidern und standen jetzt vor dem Zelt, nach den Fremden ausspähend. „Da sind sie!“ hieß es, und über einem vorspringenden Abhang ward nun ein Grönländerkopf nach dem andern sichtbar. Wir fingen an zu zählen, aber dann wurde das unmöglich, in einer solchen Anzahl wimmelten sie plötzlich heran. Männer und Frauen, im Ganzen 14 Personen, näherten sich in lebhafter Unterhaltung, wieder und wieder ihre Gewehre abfeuernd, dem Zelte. Hier angelangt, trat einer der Männer vor und erklärte halb in dänischer, halb in grönländischer Sprache, daß sie mit zwei Booten gekommen seien, um uns abzuholen. Es war der im Dienste der dänischen Handelskolonie stehende Schmied Terkel, der als Dolmetscher fungirte.

Wir hatten unser Lager im Laufe der Zeit häufig genug abgebrochen, nie aber war dies mit einer ähnlichen Schnelligkeit bewerkstelligt worden, wie an diesem Tage. Eins, zwei, drei war alles zusammengepackt, jeder der Fremden nahm seinen Theil, und davon ging es mit der ganzen Karawane den Booten zu, die ungefähr 1000 Ellen vom Lagerplatz entfernt lagen“.

So schnell wie möglich ging es nun vorwärts. An der Nordseite des Fjordes wurde eine kleine Rast gemacht, um Kaffee zu kochen und eine Festmahlzeit abzuhalten. Den Grönländern, die seit längerer Zeit ihre Vorräthe verzehrt hatten, wurde ebenfalls vom Proviant mitgetheilt.

„Unser Freund, der Rennthierschütze,“ fährt Dietrichson fort, „traktirte seine Landsleute mit dem ihrer Ansicht nach wohlschmeckendsten Theil des Rennthieres, eine Delikatesse, die keiner von uns Europäern ihnen mißgönnte, denn wir waren ganz sicher, daß sie nicht nach unserm Geschmack sein würde, wenn wir uns darauf einlassen wollten, sie zu kosten. Der Magensack des Rennthieres wurde hervorgeholt, und schon bei dem bloßen Anblick desselben lief den Grönländern das Wasser im Munde zusammen; vorsichtig wurde er geöffnet und der Inhalt an die Gourmands vertheilt, die, nachdem sie die ihnen zuertheilte Portion verzehrt hatten, sorgfältig ihre Finger ableckten, um nicht das Geringste von diesem seltenen Leckerbissen zu verlieren.“

Endlich waren wir fertig und konnten nun allen Ernstes an unsere Reise denken. So ging es denn vorwärts, indem Peter das Holzboot und Silas das Frauenboot als Kajakmänner begleiteten. Nach Verlauf von wenigen Stunden mußte das Frauenboot jedoch schon wieder an Land gehen. Es war jetzt mehrere Tage im Wasser gewesen, und infolgedessen war die Haut durchweicht und schlaff, so daß das Boot zum Trocknen aufs Land geschafft werden mußte. Wir überließen der Besatzung ein wenig Proviant und zogen dann weiter.