Als wir am nächsten Morgen erwachten und Kaffee getrunken und gegessen hatten, bekam ich Lust auf Rennthierjagd zu gehen, weil das Wetter so gut war und weil ich nicht müßig sein mochte.
Da Peter sagte, daß er noch keine Rennthiere gesehen habe, wollte ich ihn veranlassen, mich zu begleiten, weil aber seine Büchse naß war, wollte er es nicht. Gegen Vormittag ging ich denn, obwohl es ein Sonntag (7. Oktober) war. Wäre ich auf meinem Winterplatz Umanak gewesen, so würde ich an dem Tage kaum auf Erwerb ausgegangen sein, aber ich hatte so große Lust, den vier Fremden etwas Fleisch zu verschaffen, selbst wenn es nur ein Hase war.
Während des Gehens erinnerte ich mich des Tages „daß der Sonntag Gott unserm Herrn gehört, und da betete ich denn ohne zu zweifeln: Unser täglich Brot gieb uns heute u. s. w.“ Wollten doch alle Christen, die auf Erwerb ausgehen, ohne zu zweifeln so beten!
Langsam ging ich den Berg hinauf, als ich ungefähr oben angekommen war, blickte ich in eine Kluft hinab und glaubte da unten in dieser Kluft einige zusammengekauerte Rennthiere sitzen zu sehen. Da ich vermuthete, daß es Rennthiere seien, blieb ich eine Zeit lang still sitzen und sah es an, als es sich aber gar nicht rührte, wurde ich zweifelhaft, ob meine Vermuthung wohl richtig sei und ging deshalb direkt hinunter, um zu sehen, was es sein könne. Als ich weiter hinunter kam, fing die Rennthierschar an zu laufen, ein großer Hirsch mit seinen Kühen und mehrere andere befanden sich darunter.
Ich war so ärgerlich auf mich selbst, daß ich zu mir sagte: „Ich Dummrian, daß ich mich nicht ordentlich vorsah! Da habe ich mir wieder durch meine Blindheit geschadet.“
Sie liefen anfänglich ziemlich schnell, standen aber bald darauf still; ich verhielt mich ganz ruhig und verlor sie nicht aus den Augen. Nach einer Weile liefen sie unten um den Berg herum, auf dem ich mich befand; als sie an mir vorübergekommen waren — das Rennthierkalb zu hinterst, ging ich weiter, um zu sehen, wo sie seien, da sah ich sie ein wenig unterhalb des Berges auf der anderen Seite. Sie kamen heran, die Kuh zuerst, aber sie war ziemlich weit von mir entfernt. Der Hirsch hinterher, ein wenig näher an mich heran. Da zielte ich auf ihn, obwohl ich die Kuh weit lieber gehabt hätte, und traf ihn, aber die Kugel streifte nur seine Keule; ich lud zum zweitenmal, lief hinterher und traf ihn, so daß er verendete. Nach den anderen Rennthieren sah ich mich nicht mehr um, weil ich glaubte, daß ich sie nicht mehr erreichen würde.
Nachdem ich dem Thiere die Haut abgezogen und einen Theil des Fleisches unter einigen Steinen geborgen hatte, packte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das Fell und begab mich dann heimwärts, ohne mich weiter umzusehen, ob noch mehr Rennthiere in der Nähe waren. Eine kleine Strecke vor mir lief ein großes weißes Rennthier gerade über den Weg und eine Strecke weiterhin noch ein sehr großes, aber ich fand, daß sie zu weit weg waren, um auch sie zu schießen.
Als ich ganz von dem Berg heruntergekommen war, war es Nachmittag geworden, und als ich in die Nähe des Zeltes kam, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir Grönländer es zu thun pflegen, wenn wir ein großes Rennthier erlegt haben, da die Bewohner des Zeltes aber Europäer waren, und da ich nicht viel Pulver übrig hatte, gab ich es auf. Es war Niemand im Zelt, weswegen ich mich eine Weile ganz ruhig verhielt. Peter kam zuerst aus dem Zelt heraus, und als er mich sah, fragte er, ob ich ein Rennthier geschossen habe, als ich diese Frage bejahte, ging er in das Zelt hinein und theilte Denen da drinnen, so gut er konnte, die Neuigkeit mit, als sie hinauskamen, starrten sie mich an.
Da ging ich ganz zu ihnen hinab, sie waren sehr, ja sogar außerordentlich froh, ich gab ihnen die eine Keule und sagte, sie sollten sie kochen, außerdem erhielt Lieutenant Dietrichson etwas Mark und Talg, weil er angefangen hatte, so viel von mir zu halten. Als ich Kaffee getrunken und gegessen hatte, erzählte der alte Lappe, während das Rennthierfleisch kochte, daß er selber 300 Rennthiere besäße.
Obgleich es nicht gar gekocht war, fingen sie schon an, von dem Fleisch zu essen, sie sagten zu Peter und mir, wir sollten mit aus dem Kessel essen, ich gab ihnen etwas mehr Fleisch zu kochen, es wurde allmählich, während es gekocht wurde, durch neues Fleisch ersetzt und so weiter, bis Niemand mehr von uns essen konnte.