Die Neuangekommenen waren natürlich lange Gegenstand großer Aufmerksamkeit von seiten der Grönländer.
Ueber seine Ankunft berichtet Balto:
„Am ersten Abend, als wir Licht im Zimmer angezündet hatten — wir hatten keine Gardinen vor den Fenstern — kam eine große Menge von grönländischen Mädchen vor das Fenster und guckten uns an, so lange wir wach waren, und sie kamen jeden Abend wieder, so lange keine Gardinen vor den Fenstern waren.“
Es währte nicht lange, so waren wir Alle auf einem guten Fuß mit den Eingeborenen und erhielten viele Freunde unter ihnen. Bei den Dreien in der Doktorswohnung war ein stetes Zuströmen von grönländischen Gästen. Da wurde Karten und Violine gespielt, da wurde vom frühen Morgen bis zum späten Abend geredet. Balto führte natürlich das große Wort. Er übernahm die Pflichten eines Wirths, wie er selber sagen würde, „ganz und gar allein“. Er unterhielt die andächtig lauschenden Grönländer theils in seinem gebrochenen Norwegisch, das sehr bald einen Anflug von Dänisch erhielt, theils in einem ohrenzerreißenden Grönländisch. Er hatte sehr bald eine Menge von dieser schwierigen Sprache aufgeschnappt und warf höchst ungenirt mit den fremden Worten um sich. Das Thema seines Vortrages, der von einem Ueberfluß an erklärenden Gebärden und Zeichen begleitet war, handelte bald von unserm Zug über das „Sermersuak“, d. h. das große Landeis, — wie wir Norweger, die seiner Meinung nach richtige Teufelskerle waren, es verstanden hatten, den Weg durch diese große Schneewüste zu finden, wo es keinen Kaffee gab und nur des Sonntags eine Pfeife Tabak, — bald von den entsetzlichen Gefahren, die wir im Treibeis zu bestehen hatten, „wo diese Norweger rohes Fleisch aßen und wir Lappen beinahe bange (= sehr bange) waren.“
Dies alles interessirte natürlich die Grönländer sehr, am meisten aber, glaube ich doch, packte es sie, wenn er das Thema seines Vortrages aus seiner Heimath wählte, wenn er ihnen erzählte und zeigte, wie „wir Lappen mit Rennthieren fahren“ und wie „man lebt und Kleider im Lande näht“. Das war etwas, was einen Anklang an das eigene Leben der Grönländer hatte, das konnten sie verstehen. Sicher verstehen nur Wenige von ihnen Dänisch oder Norwegisch, aber Gebärden sind nun einmal eine Universalsprache, die Allen zugänglich ist.
Kristiansen nahm eine zurückhaltendere Stellung ein und überließ dem Gefährten gern die Rolle des Repräsentanten, denn für das Reden war er nicht sehr. Handelte es sich dagegen um die Karten, so war er stets dabei, während der alte Ravna still umherging und nicht viel Gefallen an dem Ganzen fand. Er klagte mir oft seine Noth: „Ich alter Lappe mag die vielen Menschen nicht.“ Wenn die Stube ganz voll von rauchenden, speienden, spielenden, quäkenden Grönländern war, saß er entweder ganz still in einer Ecke auf seinem Bett und setzte ein höchst unglückliches Gesicht auf, oder auch er schlich hinaus und machte einen Besuch in irgend einem Grönländerhause, wo er stets willkommen war und wo er sich auf eine Bank setzte. Dort saß er einige Stunden und sah, ohne ein Wort zu sagen, vor sich nieder, worauf er wieder seiner Wege ging. Weshalb er dies so gemüthlich fand und weshalb er dieses Manöver jeden Tag wiederholte, ist mir noch jetzt ein Räthsel.
Dieser Mangel an Uebereinstimmung zwischen Ravna und seinem jüngeren Kameraden ist übrigens ganz erklärlich, wenn man bedenkt, daß er ein alter ehrwürdiger Familienvater war, während Balto und Kristiansen jung und lebenslustig waren. Ich muß jedoch bemerken, daß es — soweit ich es beurtheilen kann — stets ordentlich auf ihrem Zimmer zuging. Ihr Besuch gehörte ausschließlich dem männlichen Geschlecht an. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wurde bestimmt, daß keine Frau dorthin kommen dürfe. Auf die Weise wurde die Moral des Ortes am besten gesichert, die Grönländerinnen sind leider nicht wegen allzu strenger Sitten bekannt. Uebrigens herrschte, soviel ich weiß, in der Beziehung das beste Verhältniß zwischen ihnen und den Mitgliedern der Expedition.
Dies strenge Verbot gegen das weibliche Geschlecht konnte es jedoch nicht verhindern, daß sich Balto sehr heftig in eine junge, anziehende, schöne Grönländerin verliebte. Zu seinem Kummer war sie jedoch schon mit einem grönländischen Katecheten verlobt, der zu der Zeit in einer nördlicher gelegenen Kolonie angestellt war, und mit dem sie sich im nächsten Jahre verheirathen sollte. Dies verhinderte jedoch nicht, daß sich zwischen Balto und seiner geliebten Sophie ein schönes und äußerst platonisches Verhältniß entwickelte. Es war eine ganz romantische Geschichte, die so weit ging, daß Balto Sophie einen langen Brief sandte, den ein Grönländer ihm in die grönländische Sprache übersetzen half. In diesem Brief erzählte er ihr von seiner Liebe, er liebe sie sehr, aber sie dürfe diese seine Liebe nicht mißverstehen. Es sei nicht seine Absicht, sich mit ihr zu verheirathen, nicht allein, weil sie bereits verlobt sei (denn das würde sie sicher ebensowenig davon abhalten, wie es ihn abhalten würde), sondern weil sie es nicht gut haben würde, wenn er sie mit sich in das Land der Lappen führen wollte, nämlich infolge der Sitten des fremden Volkes, d. h. der Lappen, — und wenn er hier in diesem Lande bleiben wollte, so würde er sich nach seinen Freunden und Angehörigen in Karasjok zurücksehnen. Deshalb wolle er ihr jetzt Lebewohl sagen und ihr sagen, daß er sie gern habe, daß er sich aber nicht mit ihr verheirathen wolle.
Ueber diesen Brief freute Sophie sich sehr, wie auch ihre Mutter sehr stolz darauf war, daß Balto Gefallen an Sophie fand. Sie sprach es sehr offen aus, daß sie weit lieber Balto zum Schwiegersohn haben wolle als den Katecheten. Dieser Brief hatte jedoch keinen weiteren Einfluß auf ihr Verhältniß, sie waren nach wie vor gleich viel zusammen, und wenn Balto anfing von Sophie zu reden, da erreichte seine Beredsamkeit ihren Höhepunkt. Sie sei nicht wie die Anderen, sie sei so verschämt und zurückhaltend, sie renne nicht auf dem Kolonieweg hinter den Männern her, wie es die anderen Mädchen thäten.
Als er Grönland verließ, ließ er einen Theil seines Herzens zurück. Der Abschied von Sophie war schwer. Auf der Rückreise über das Meer gedachte er ihrer mehrmals, und erst in Kopenhagen verließ ihn die Erinnerung an sie.