Am ersten Sonntag Abend nach der Ankunft der Gefährten fand im Tanzlokal der Kolonie — einer Böttcherwerkstatt — ein Tanzvergnügen statt. Es ist wohl nicht nöthig, mitzutheilen, daß alle Mitglieder der Expedition, mit Ausnahme von Ravna, bei dieser Gelegenheit zugegen waren, wie überall, wo getanzt wurde, und das war häufig der Fall.

Es ist nicht so ganz leicht, den Eindruck zu beschreiben, den der Anblick tanzender Grönländerinnen, ja auch der tanzenden Grönländer auf mich machte. Die malerischen, bunten Trachten in diesen dichten, wogenden Haufen, die vielen schönen Formen in starker Bewegung, die strahlenden Gesichter, in denen jede Muskel Leben war, die eifrigen Stimmen, das ansteckende Gelächter, die gewandten kleinen Beine und Füße in weißen, rothen und blauen Kamikkern, die vorzügliche Taktfestigkeit, mit der sie ihren „Reel“, ihre „Sekstur“ und die vielen anderen Tänze traten, — jeder Zoll des Raumes war Leben und Bewegung!

Das alles war für uns Inlandsmenschen etwas so eigenthümlich Neues, etwas so Anziehendes, ja so Bezauberndes, daß wir unwillkürlich mit fortgerissen wurden. Es war, als ob wir plötzlich entdeckten, welch’ Sprudeln von Freude und Lebenslust das Leben im Grunde doch enthält. Bei diesem Volk ist die Freude noch nicht vergessen.

Kretora, ein junges Mädchen aus Godthaab.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Die Art und Weise, wie man in Grönland tanzt, ist sehr wohlthuend. Man thut es wirklich, um die Glieder zu rühren und den Sinn aufzufrischen. Alles und Alle werden mit fortgerissen, sowohl Diejenigen, welche tanzen, wie die Zuschauer, keine süßsauren Anstandsdamen, keine steifen, verunzierten Gestalten mit langen Schleppen, keine blasirten Herren in schwarzen Schniepeln und weißen Halsbinden, keine Handschuhe, — kurz, nichts von all dem Unsinn, der in einem europäischen Tanzsalon sich durcheinanderbewegt, verlassen von allen Grazien, verlassen von allen guten Geistern, — du lieber Gott! Wie würden die Grönländer uns auslachen, wenn sie die traurige Vorstellung sähen, die wir einen europäischen Ball in der feinen Welt nennen.

Es währte selbstverständlich nicht lange, daß wir nur Zuschauer waren, und unsere völlige Unkenntniß mit den meisten Tänzen war durchaus kein Hinderniß. Wir wurden ohne weiteres von den kleinen Grönländerinnen fortgezogen und an den rechten Platz gepufft. Man wartete nicht verschämt, bis man engagirt wurde, sie waren scheinbar alle stolz, wenn sie sich eines der Mitglieder der Expedition bemächtigt hatten — was in der Regel nicht schwierig war. Ebenso unbarmherzig aber lachten sie uns auch aus, wenn wir verkehrt oder ungeschickt tanzten, was wir natürlich im Anfang sämtlich thaten. Man konnte sogar noch lange Zeit nachher mehrere der Ausgelassensten unter ihnen draußen auf dem Wege und vor den Häusern vor den Freundinnen tanzen sehen, wobei sie unsere Manieren und Eigenthümlichkeiten so täuschend nachzuäffen wußten, daß wir uns sofort wiedererkannten, wenn wir zufällig vorüberkamen, was dann eine allgemeine Munterkeit erregte. Die Grönländer haben einen merkwürdig scharfen Blick für alles Komische. Wir waren indessen sehr eifrig beim Tanzen und nach einiger Uebung lernten es Einige von uns so gut, daß wir uns förmlich in Respekt setzten. Die Lappen waren dagegen sehr ungeschickt dabei. Sie haben selber keine Tänze, und Ravna war nicht zu bewegen, mitzugehen und zuzusehen. Balto sah zu und betheiligte sich am Tanzen, aber er war und blieb eine Karikatur, er mochte sich im „Reel“ oder im Rundtanz versuchen. Er spreizte die Beine und hüpfte umher wie ein Hampelmann, während die Grönländer sich halbtodt lachten. Dies schreckte ihn jedoch nicht im geringsten zurück, er trat gern als Leiter des Balles und als Vortänzer auf, arrangirte den Tanz und theilte Jedem mit, was er zu thun habe. An Unternehmungslust und Selbstvertrauen fehlte es ihm selten.

Die grönländischen Tänze sind keine Nationaltänze. Sie sind zum größten Theil „Reeler“, die von englischen und amerikanischen Walfischfängern eingeführt wurden, die aber so sehr in den Geschmack der Grönländer fielen, daß sie überall an der Westküste aufgenommen sind und einen gewissen nationalen Zuschnitt erhalten haben. Außerdem werden auch Rundtänze, wie Walzer, Polka etc. getanzt, doch stehen diese nicht in so hohem Ansehen.

Die Einzigen unter den Grönländern, die nicht tanzen oder die vielmehr nicht tanzen dürfen, denn sie tanzen trotzdem, sind die sog. deutschen Grönländer, die zu den herrnhutischen Gemeinden gehören. Nach der Lehre der herrnhutischen Missionare ist das Tanzen nämlich eine große Sünde, und so sind denn diese Menschen kurzsichtig genug gewesen, diesem Volk eins seiner wenigen Vergnügen zu untersagen. Man hat vielleicht geglaubt, auf diese Weise die Moral der jungen Mädchen zu beschützen, aber ich habe nicht gehört, daß es damit in den deutschen Gemeinden besser stehen soll als im übrigen Grönland. Hiergegen wird man vielleicht einwenden, daß sie ja trotz des Verbotes tanzen.

Wie dem nun auch sein mag, so glaube ich, daß Jedem, der den Tanz der Grönländer gesehen oder theil daran genommen hat, die Augen dafür aufgegangen sein müssen, welch’ eine gesunde und herrliche Zerstreuung das ist, wie auch Niemand dafür blind sein kann, daß es ein schöner Anblick ist, und an manchem Abend haben wir Mitglieder der Expedition die Sünde begangen, uns zusammen mit diesen kindlichen Menschen zu ergötzen, während der Boden unter den taktfesten Tritten erzitterte und der Spielmann auf der Hobelbank saß und seine Fiedel strich, bis die Saiten sprangen.