Die erste Zeit, die wir in Godthaab verbrachten, war außerordentlich gemüthlich für uns, die wir über das Inlandseis gekommen waren. Dänen sowie Grönländer thaten alles, um uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen, und wir können wohl Alle mit Balto sagen, daß wir gar bald „das harte Leben und alle Trübsal vergaßen“, wie wir auch sämtlich so auffallend an Leibesfülle zunahmen, daß behauptet wurde, man könne das Zunehmen unseres Umfanges von einem Tage zum andern sehen.
Trotz alledem gab es doch eins, was uns verhinderte, uns ganz wohl zu fühlen, nämlich die Ungewißheit, ob wir den Winter über dort bleiben sollten. Wir hatten freilich nur geringe Hoffnung, daß unser Kajakbote den „Fox“ erreichen würde, aber es war doch, als ob wir von einem Tag zum andern darauf warteten, ein Schiff mit vollen Segeln und rauchendem Schornstein am Horizont auftauchen zu sehen. Und dies Gefühl hielt lange vor, man ging einher und wartete, daß sich etwas ereignen würde.
Das Schiff kam aber in jenem Herbst nicht mehr, und ich hatte mich schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß der „Fox“ unsere Botschaft nicht erhalten habe. Sverdrup und ich hatten uns sogar schon lange mit einem anderen Gedanken getragen. In der Kolonie befand sich nämlich eine alte Yacht, die dem grönländischen Handel gehörte und die benutzt wurde, um Waaren aus der Kolonie nach den umliegenden Orten zu schaffen. Nun waren wir der Ansicht, daß, wenn wir diese Yacht bekommen könnten, es ein Leichtes für uns sein müsse, nach Amerika hinüberzusegeln und auf dem Wege nach Hause zu gelangen. Dieser Plan strandete indessen an dem Koloniedirektor, welcher nicht das Recht zu haben meinte, uns das königliche grönländische Handelsfahrzeug zu leihen, das, wie es im Reglement heißt, „die Kolonie niemals verlassen darf, außer zu amtlichen Zwecken.“ Und diese Reise nach Amerika gehörte kaum dahin. Folglich mußten wir bleiben, wo wir waren.
Da wurde eines Tages, als wir bei Tische saßen, gemeldet, daß man zwei Kajaks von Süden her kommen sähe. Und gleich darauf brachte man mir ein Bündel Briefe. Sie wurden in schweigendem Staunen geöffnet; Niemand begriff, was das zu bedeuten haben könne. Wie verwunderten wir uns aber, als es sich herausstellte, daß es Briefe von dem Betriebsdirektor Smitte und dem Koloniedirektor im Süden waren. Der erste Brief benachrichtigte mich, daß mein Bote den „Fox“ im letzten Augenblick erreicht habe. Das Schiff habe die Kolonie am Tage vorher verlassen, um nach Europa zu gehen, dann aber habe der Sturm sie gezwungen, gleich in der Nachbarschaft einen Nothhafen zu suchen. Am andern Tage wollten sie gerade die Anker lichten, als sie in der Ferne zwei Kajakmänner erblickten, die in voller Fahrt auf das Schiff zukamen und winkten, daß man warten möge. Auf die Weise erhielt der Kapitän meinen Brief; er unterzog sich sogar noch der Mühe, zu dem Betriebsdirektor zu fahren und mit ihm zu berathschlagen, was zu machen sei, obwohl nach seiner Ansicht keine Rede davon sein konnte, daß der „Fox“ nach Godthaab ging. Dann kamen die Beiden überein, daß es eine Unmöglichkeit sei, der Kapitän kannte das Fahrwasser nicht, man fürchtete sich vor den dunklen Nächten, und das entscheidende Argument war, daß sich 40 Passagiere an Bord befanden, Arbeiter aus dem Kryolithbruch, die in die Heimath zurück wollten. Da wagte man es nicht, sich der Gefahr eines Schiffbruches dort oben auszusetzen, wodurch die 40 Passagiere gezwungen sein würden, in Godthaab zu überwintern. Das wäre ein solcher Zuwachs an Konsumenten geworden, daß es möglicherweise sehr ernste Folgen in Gestalt von Hungersnoth etc. nach sich gezogen haben würde.
Das Endresultat war, daß der „Fox“ ohne uns abging, aber meinen Brief an Etatsrath Gamél und Sverdrups Brief an seinen Vater mitnahm.
Hätten die beiden Kajakmänner ein wenig langsamer gerudert, so wäre keine Nachricht von uns in die Heimath gelangt. Welche Helden wären wir da geworden, mit welchem Jubel würde man unsere Rückkehr ins Leben begrüßt haben, wenn wir im Frühling aus unseren Eisgräbern auferstanden wären, — im Grunde war also wohl die Schnelligkeit unserer Boten ein Unglück für uns und für die Zeitungsschreiber.
Wie es dem „Fox“ mit seiner theuren Botschaft auf dem Heimwege erging, damit will ich mich nicht weiter aufhalten, sondern nur erwähnen, daß er infolge von Kohlenmangel gezwungen wurde in Skudenäs in Norwegen anzulaufen, wodurch denn unser Vaterland unseren ersten Gruß erhielt. Ich will auch nicht beschreiben, wie es der Botschaft erging, die also am 9. November 1888 nach Europa gelangte.
Ich bin fest überzeugt, daß der geehrte Leser das noch in guter Erinnerung hat und daß er eine weit lebhaftere Schilderung von diesem weltgeschichtlichen Ereigniß würde geben können als meine schwache Feder es vermag, um so mehr, als ich in Grönland saß und keine Ahnung davon hatte, zu welchen Riesengestalten wir an jenem Tage in den Augen der Welt plötzlich wurden.
Nachdem wir die sichere Nachricht erhalten hatten, daß die letzte Möglichkeit, die Heimath noch in diesem Jahre zu erreichen, zu Wasser geworden war, machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, hier oben zu überwintern. Es war ganz selbstverständlich, daß wir allmählich in nähere Berührung mit den Eingeborenen kamen und immer mehr Interesse für sie gewannen.
Wir lernten nicht allein die Eskimos in Godthaab und Neu-Herrnhut kennen, sondern wir reisten auch nach den anderen, in der Nähe gelegenen Kolonien. So machten Einige von uns mit dem Koloniedirektor im Oktober einen Ausflug nach Kangek, das 2½ Meilen von Godthaab entfernt liegt, und im November nach dem südlich vom Ameralikfjord gelegenen Narsak.