Das Innere einer Eskimo-Hütte.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)

Ich selber benutzte den größten Theil des Winters zum Studium ihres eigenthümlichen Lebens. Ich lebte mit ihnen in ihren Hütten, machte mich mit ihrem Fang, ihren Sitten und ihrer ganzen Lebensweise vertraut, ich erlernte, so gut es in der kurzen Zeit ging, ihre schwierige Sprache. Hierin erhielt ich im Anfang tüchtige Anleitung von dem Arzt des Ortes.

Da wir uns nun eine ganze Weile mit ihnen beschäftigen werden, liegt es nahe, dem Leser gleich im Anfang zu erklären, was ein Eskimo ist. Indem ich dies in einem speciellen Kapitel thue, will ich die Bemerkung vorausschicken, daß diese Schilderung keineswegs Anspruch darauf macht, nach irgend einer Richtung hin erschöpfend zu sein. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein einwinterlicher Aufenthalt, wie sehr man auch die Zeit ausnutzen mag, bei weitem nicht hinreichend ist, um eine gründliche Kenntniß eines so eigenthümlichen Volkes, ihrer Denkart und Kultur zu erlangen; dazu bedarf es eines jahrelangen, anstrengenden Studiums. Es ist nur die flüchtige Skizze eines Reisenden, zu der ich einige der Eindrücke vereinte, die ich von dem Eskimo und seinem Leben erhalten habe. Es mag viel Fehlerhaftes in meiner Auffassung sein und vieles, was schon bekannt ist; doch mögen hier und da möglicherweise Bemerkungen über Dinge mitgetheilt sein, die dem Neuangekommenen, Durchreisenden in die Augen fallen, die aber dem vieljährigen Beobachter verloren gehen. Mag man nun in vielen Punkten meine Ansichten theilen oder nicht, so hoffe ich, daß man meine Bemerkungen in dem Geiste auffassen wird, in dem sie ausgesprochen sind, selbst wenn ich nicht immer die übliche Landstraße innehalte und alles Bestehende vorzüglich finde; ich hoffe, daß man Nachsicht mit mir haben wird, wenn ich schwach genug bin, Trauer über ein sinkendes Volk zu empfinden, das vielleicht nicht zu retten ist, denn es ist bereits von dem giftigen Stachel der Kultur gestochen; zu meiner Entschuldigung mag es dienen, daß kaum Jemand unter dieser Bevölkerung wird verweilen können, ohne Anhänglichkeit für dieselbe zu fassen.

Kapitel XXVI.
Der grönländische Eskimo.

A. Einleitung. Die Verbreitung der Eskimos. Ihre Wanderungen.

er Eskimo gehört einem der merkwürdigsten lebenden Völkerstämme an, er liefert einen schlagenden Beweis dafür, daß sich der Mensch den Naturverhältnissen anpaßt und sich über die Erde verbreitet. So weit wie man bis zum Nordpol vorgedrungen ist, ist man auf Spuren dieses widerstandsfähigen Volkes gestoßen.

So kraß, wie sich der Eskimo durch seine ganze Lebensweise, durch seine sinnreichen Geräthschaften, sein Aussehen und seinen Körperbau von allen anderen Volksstämmen unterscheidet, so gleichartig sind in jeder Beziehung die verschiedenen Eskimostämme untereinander. Ein ungemischter Eskimo von der Beringsstraße ist einem Ostgrönländer so sprechend ähnlich, daß man keinen Augenblick darüber im Zweifel sein kann, daß die Beiden derselben Rasse angehören. Auch ihre Sprache hat eine so auffallende Aehnlichkeit, daß ein Alaskaeskimo und ein Grönländer sicher ohne große Schwierigkeiten eine Unterhaltung miteinander führen könnten.

Kapitän Adrian Jakobsen, der Grönland und Alaska bereist hat, erzählte mir, daß er sich in dem letztgenannten Lande mit dem wenigen Grönländisch, das er konnte, zu behelfen vermochte. Und diese Völker sind durch mehr als 600 geographische Meilen — eine Strecke, die der Entfernung von London bis zum Sudan gleichkommt — getrennt. Eine solche Einheit in der Sprache bei so fern voneinander wohnenden Volksstämmen ist wohl einzig dastehend in der Geschichte der Menschheit.