Eskimo im Kajak.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Für das Speilerwerk benutzte man in früheren Zeiten fast ausschließlich Treibholz, und für die Rippen außerdem Weidenzweige, die an der Küste wachsen. In den letzten Jahren hat man in den Kolonien an der Westküste angefangen, für die Kajaks europäische Schiffsränder von der grönländischen Handelscompagnie zu kaufen, obwohl man das Treibholz für ein besseres Material hält. Ein gewöhnlicher grönländischer Kajak pflegt ungefähr 15 Fuß lang und 18–20 Zoll breit zu sein. Er hat in der Mitte eine Höhe von ca. 5–6 Zoll. Die Größe richtet sich natürlich nach dem Manne. Auf der Unterseite ist er ziemlich flach und hat keinen Kiel. Nach dem Vorder- und Hinterende zu verjüngt er sich langsam. Der Kajak ist so leicht, daß er mit seinem ganzen Zubehör und allen Geräthschaften ohne Schwierigkeit meilenweit auf dem Kopfe über Land getragen werden kann.

Es liegt klar auf der Hand, daß ein Fahrzeug von dieser Form schwer auf dem rechten Kiel gehalten werden kann, wenn man darin sitzt, dafür kann man es aber auch, wenn man die nöthige Uebung erlangt hat, mit Hülfe des zweiblättrigen Kajakruders mit erstaunlicher Schnelligkeit durch das Wasser vorwärtsbewegen, und der Kajak ist ohne Frage das beste existirende Fahrzeug für eine Person. Bei gutem Wetter benutzt der Kajakruderer den sog. Halbpelz, der mit seinem unteren Ende wasserdicht auf den Ring paßt, welcher das Loch umgiebt, in dem er sitzt, und der ihm mit seiner oberen Kante bis unter die Arme reicht. Dies genügt, um kleinere Wellen an dem Eindringen in den Kajak zu hindern. Bei schlechtem Wetter bedient man sich des ganzen Pelzes, der gleich dem Halbpelz aus wasserdichtem, enthaartem Seehundsfell gemacht und mit Sehnen zusammengenäht ist. Er umschließt gleichfalls den Kajakring nach unten zu, hat aber Aermel und eine Kapuze, die man ganz über den Kopf ziehen kann und die rund um das Gesicht zugeschnürt wird, wie auch die Aermel an den Handgelenken fest geschlossen werden. Mit diesem Pelz bekleidet, kann der Eskimo quer durch die heftigsten Sturzseen fahren, kann kentern und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden oder auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in seinen Kajak zu bekommen.

Die zum Kajakfang nöthigen Geräthschaften habe ich bereits früher erwähnt, ich will mich hier nicht weiter damit aufhalten, sondern nur die Harpune nennen, die mit Riemen und Blase[61] die wichtigste Waffe des grönländischen Fängers ist. Dieses äußerst sinnreiche Geräth zeugt von einem hohen Grade von Erfindungsgeist und steht in der Beziehung bedeutend über den meisten Geräthschaften, die man bei wilden oder halbwilden Völkerstämmen antrifft. Die Harpune besteht aus einem Schaft, dem Harpunenschaft, an dessen Vorderende eine 4–6 Zoll lange Fischbeinspitze durch eine eigene Verbindung oder ein Glied derartig befestigt ist, daß sie nach der Seite umgebogen werden kann. Diese Fischbeinspitze paßt wie ein Zapfen in ein Loch an der Spitze der Harpune selber; letztere ist an dem Fangriemen befestigt, der durch ein kleines Stück Fischbein, in dem ein Loch angebracht ist, ein Stück von der Mitte entfernt nach hinten zu mit dem Harpunenschaft verbunden ist; an dem anderen Ende des Fangriemens ist die Blase angebracht. Die Harpune wird, wie alle Waffen der Eskimos, mit Hülfe eines Wurfbrettes geschleudert.[62]

Um ein tüchtiger Kajakruderer zu werden, muß man früh anfangen. Die grönländischen Knaben versuchen sich oft schon im Alter von sechs und acht Jahren mit dem Kajak ihres Vaters, und in einem Alter von zehn bis zwölf Jahren giebt der tüchtige Fänger seinen Söhnen oft ein eigenes Boot — wenigstens war das früher die allgemeine Regel. Von der Zeit an fahren sie immer in ihren Kajaks, im Anfang pflegen sie Fische zu fangen, später beginnen sie auch mit dem schwierigen Seehundsfang. Um ihren Arm und ihr Auge zu üben, giebt der vernünftige Grönländer seinen Söhnen, noch während sie ganz jung sind, kleine Vogelpfeile und Harpunen als Spielzeug, und hiermit kann man die 3–4jährigen angehenden Fänger sich an Vögeln, an den Hühnern und Enten des Koloniedirektors und allem üben sehen, was ihrer Jägerlust würdig ist und ihnen vor die Augen kommt. Es ist natürlich von hoher Bedeutung für die grönländische Bevölkerung, daß die Jugend zu tüchtigen Fängern erzogen wird, denn darauf beruht ja die ganze Zukunft.

Ein „Kajakmann“ mit der Harpune nach einem Seehund werfend.
(Von A. Bloch.)

Die wichtigste Bedingung, um ein vollendeter Kajakruderer zu werden, ist die Erwerbung der Kunst, sich wieder auf den rechten Kiel aufrichten zu können, wenn man mit dem Kajak gekentert ist. Dies geschieht dadurch, daß man das Ruder an dem einen Ende ergreift, es auf die Seite des Kajak aufsteckt, so daß das andere Ende nach vorne zu auf die Spitze zeigt, und es dann schnell nach der Seite[63] hin umdreht, so nahe wie möglich dem Wasserspiegel, wobei man den Oberkörper fest gegen den Kajak preßt und sich dann mit dem Ruder in die Höhe hebt; kommt man nicht ganz in die Höhe, so ist noch ein Winkelzug mit dem Ruder erforderlich. Ein wirklich tüchtiger Kajakruderer richtet sich selbst ohne das Ruder vermittelst des Wurfbrettes oder auch ohne dies, nur mit Zuhülfenahme des einen Armes auf. Dies ist von großer Wichtigkeit, denn es kommt zuweilen vor, daß das Ruder beim Kentern verloren geht. Derjenige, welcher in dieser Kunst nicht bewandert ist, muß, falls Niemand in der Nähe sich befindet, um zu helfen in dem Augenblick, in welchem er kentert, als verloren angesehen werden. Das Kentern aber ist leicht genug möglich, eine einzige Sturzwelle oder das Festhängen des Fangriemens in dem Augenblick, wo ein Seehund harpunirt wird, kann ein solches Unglück veranlassen, oft genug geschieht es auch bei stillem Wetter durch eine einzige unbedachtsame Bewegung.

Gar mancher Eskimo findet jahraus, jahrein seinen Tod auf diese Weise. Als Beispiel mag hier angeführt werden, daß im Jahre 1888 von 162 in Südgrönland vorgekommenen Todesfällen 24 durch Ertrinken in dem Kajak verursacht waren, also 15%.

In früheren Zeiten verstand sich jeder tüchtige Kajakruderer an der Westküste Grönlands auf diese Kunst, in den letzten Jahren aber, nach Einführung der europäischen Civilisation und dem damit unvermeidlich in Zusammenhang stehenden Verfall ist es auch damit zurückgegangen. Es ist jedoch an manchen Stellen noch etwas ganz Gewöhnliches bei den Fängern; so kann ich aus eigener Erfahrung anführen, daß bei Kangek (in der Nähe von Godthaab) die meisten Fänger dieser Kunst mächtig waren. An der Ostküste scheint es nach Kapitän Holms Berichten etwas ganz Gewöhnliches zu sein, daß man im stande ist, sich wieder aufzurichten, obwohl es auch dort nicht mehr so allgemein ist, wie es früher an der Westküste war. Hierüber kann man sich ja auch gar nicht wundern, da es an der Westküste, wo nur wenig Treibeis und fast stets Seegang ist, vielmehr Zweck hat.